Der Tangram-Dialog: Ein Spiel, um zu verstehen, warum wir uns nicht verstehen

Agile Methoden gehen von verschiedenen Erfahrungen aus dem Projektalltag aus. Eine dieser Erfahrungen lautet: „Der Auftraggeber bekommt nie das, was er in Auftrag gegeben hat.“ So lang und detailliert unsere Anforderungslisten, Lastenhefte, Leistungsverzeichnisse … auch sein mögen – insbesondere beim Anschaffen oder Erstellen von Software (eAkte! eGovernment!) sind die Ergebnisse oft ganz andere als erwartet.

Das glaubt einem aber keiner, vor allem kein IuK-Mitarbeiter. „Ich brauche mich nur ein wenig anzustrengen, dann kann ich mich schon klar ausdrücken.“ Mit dieser Illusion räumt der Tangram-Dialog auf.

Das Tangram-Spiel

Tangram ist ein Set von Puzzleteilen aus Holz, die zusammen ein Quadrat ergeben.

Abbldung 1: Unschuldig aussehendes Tangram-Set

Sie können zu ganz anderen Formen zusammengesetzt werden – zu einem Haus, zu einer Katze usw. Wenn man ein Tangram-Spiel kauft, ist eine Anleitung mit verschiedenen Lösungsvorschlägen beigefügt.

Ein Experiment

In einem Projekt in der Abteilung „Gebäudemanagement“ der TU München sprachen wir über User-Storys und andere agile Methoden, als auf einmal der Projektleiter, Herr Tafertshofer, aufsprang und sagte: „Da hab‘ ich was. Das habe ich auf einem Führungskräfteworkshop kennengelernt“, und er lief aus dem Zimmer und kam mit einem Tangram-Spiel wieder. Und dann ließ er mich und einen anderen Projektteilnehmer, Herrn Balleis, den Tangram-Dialog führen. (Herr Balleis und ich schauten uns in die Augen und waren uns einig: „Das schaffen wir mit links.“ Herr Balleis ist Ingenieur, ich bin von Ausbildung Informatiker. So Leute schaffen sowas. Problemlos.)

Herr Balleis und ich setzten uns Rücken an Rücken. Herr Balleis bekam die Anleitung in die Hand, ich hatte das Puzzle vor mir. Keiner von uns konnte sehen, was der andere sah. Herr Tafertshofer fungierte als Beobachter, der für die Einhaltung der Regeln sorgte.

„Nehmen Sie ein großes Dreieck“, sagte Herr Balleis, „und legen Sie es so, dass eine spitze Ecke links oben liegt.“ Mach ich – dachte ich – no problem.

Abbildung 2: Auf einem guten Weg.

„Dann“, fuhr Herr Balleis fort, „legen Sie das zweite große Dreieck so an, dass eine seiner spitzen Ecken jetzt nach rechts unten zeigt.“ Sowas von easy – wir haben keine Verständigungsprobleme – dachte ich. Das Ergebnis:

Abbildung 3: Der nächste Schritt – wir verstehen uns gut.

„Das ist jetzt ein Quadrat“, sagte Herr Balleis. Häh? wie bitte? Verstohlen legte ich die Teile um: kann ja mal vorkommen, auch bei einem Profi. (Herr Balleis ist Ingenieur und drückt sich nicht so richtig exakt aus. Da zeigt sich der Vorteil der Informatikausbildung, dachte ich. Dafür hatte er gegen die Regeln verstoßen und eine Aussage über das Zwischenergebnis gemacht. Also richtig agil, denn „das Gewinnen eines Spiels ist wichtiger als die Einhaltung der Regeln“, heißt es bekanntlich im Agilen Manifest. Oder so ähnlich. Oder auf jeden Fall so gemeint, da bin ich mir sicher!)

Abbildung 4: Kleine Korrektur – kann ja mal vorkommen.

Die nächsten Anweisungen lauteten dann, jeweils mit ihren Zwischenergebnissen:

„Das mittlere Dreieck anfügen mit dem rechten Winkel nach oben.“

„Die Raute anfügen mit einem spitzen Winkel links oben.“

„An die Raute ein kleines Dreieck anfügen, so dass dessen spitze Ecke links oben liegt.“

„Und dann unter dieses Dreieck das zweite kleine Dreieck einfügen, so dass die langen Kanten aneinander liegen.“

„Jetzt noch das Quadrat unten an die kurze Seite des unteren kleinen Dreiecks anfügen.“

Abbildung 8: Die Lösung.

Damit waren die Puzzleteile aufgebraucht und eine wunderschöne Form als Lösung kam heraus. Es handelte sich dabei – das ergab sich nach einigem Überlegen – um eine Schlange, die sich ein großes Quadrat als ihre Beute einverleiben wollte und dabei auf Schluckprobleme stieß.

Abbildung 9: Wer denkt sich denn sowas aus??

Dann zeigte mir Herr Balleis seine Vorlage, die ein klar strukturiertes Haus darstellte. Wir mussten schon heftig lachen, und das ganze Spiel – es hatte vielleicht drei, vier Minuten gedauert – hatte uns richtig Gaudi bereitet. Und Herr Tafertshofer freute sich über den Aha-Effekt, den er uns bereitet hatte.

Agile Erfahrungen

Was hat das Ganze jetzt mit Agilität zu tun?

Zum einen zeigt das Experiment, dass Feedback in kurzen Abständen Missverständnisse verringert. Hätte Herr Balleis nicht regelwidrig eine solche Zwischeninformation gegeben („jetzt müsste es ein Quadrat sein“), wäre mein Bastelergebnis noch viel katastrophaler geworden.

Zum zweiten merkt man, wie wichtig es ist, dass der Auftragnehmer das Ziel des Auftraggebers kennt. Hätte mir Herr Balleis gesagt, dass er ein Haus bauen will, hätte ich bestimmt eine andere Form als in Abbildung 3 gewählt. Gerade agile Methoden tragen dafür Sorge, dass der „Entwickler“ den Sinn (den Nutzen, die Vision) des Projektkunden kennt. (Das ist gerade der Ausgangspunkt der Methode der User-Storys /1/).

Darüber hinaus sieht man die absolute Überlegenheit von Visualisierung zu verbaler Beschreibung. Hätte Herr Balleis mir als „Entwickler“ eine Skizze seines geplanten Hauses vorher gezeigt, wäre mir der Fehler wie in Abbildung 3 vielleicht nicht unterlaufen.

Schließlich kann man den Tangram-Dialog auch auf die Konstellation „Führungskraft – Mitarbeiter“ anwenden. In diesem Spiel weiß Herr Balleis ganz genau, wie die Lösung auszusehen hat (die entnimmt er dem Blatt mit der Anleitung). In der Realität ist das meist nicht der Fall: die Führungskraft hat eine grobe Vision vom anzustrebenden Produkt („Haus“). Sie hat eine noch gröbere Vorstellung vom „Wie“ der Umsetzung, viel gröber als im Tangram-Dialog. Sie denkt aber, ihre Vorstellung sei unschlagbar präzise. Und sie muss es „nur“ ihrem Mitarbeiter genauestens erklären: man muss den Mitarbeitern ja alles sagen, die haben ja überhaupt keinen Funken Kreativität – und wenn doch, dann nur in die falsche Richtung!

Das Experiment stößt uns mit der Nase darauf, wie guter Auftragsdialog funktionieren kann: „Bau mir ein Haus. Hier hast du die Ressourcen – mach was draus. Lass uns ab und zu über Zwischenergebnisse reden.“ Das Geheimnis effizienter Führung steckt in einem einzigen Wort: loslassen.

Dazu hat Veronika übrigens einen hinreißenden Post geschrieben: https://agile-verwaltung.org/2018/06/14/mehr-gestalter-als-opfer-der-entwicklung-fuehrung-und-andere-baustellen/

Anmerkung

/1/ Siehe Thomas Michls Beitrag zu User Storys: https://agile-verwaltung.org/2017/01/19/aus-der-agilen-methodenkiste-die-user-story/

Autor: Wolf Steinbrecher

Volkswirt und Informatiker. Zuerst als Anwendungsentwickler in Krankenhäusern und Systemhäusern tätig. Dann von 1995 bis 2008 Sachgebietsleiter für Organisation und Controlling in einem baden-württembergischen Landkreis (1.050 MA). Seitdem Berater für Teamarbeit und Dokumentenmanagement. Teilhaber der Common Sense Team GmbH Karlsruhe, www.commonsenseteam.de. Blogger bei www.teamworkblog.de.

Ein Gedanke zu „Der Tangram-Dialog: Ein Spiel, um zu verstehen, warum wir uns nicht verstehen“

  1. Großartig, Wolf!
    Ich kenne die Übung mit „Papierflieger bauen“. Die ist nach meiner Einschätzung weniger eindrucksvoll als der Tangram-Dialog.

    Warum? Einen Papierflieger könnte man kennen und wenn der Erschaffer weiß, was er tut und sich nicht um die Anwendungsschritte der unpräzisen Führungskraft schert, dann kann das Ergebnis immer noch funktional und mglw. auch ästhetisch zufriedenstellend sein.

    Beim Tangram-Dialog sind die Konstruktionselemente und die Regel der Zusammensetzung fixiert, das Ergebnis aber beliebig.
    Das hat mehr mit der Realität von „Software bauen“ oder abstrakter „Lösung anbieten“ zu tun als „Haus bauen“.

    Gefällt 1 Person

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