In eigener Sache: ein Kodex für die Kommunikation auf Augenhöhe

Vielleicht leben wir ja wirklich im Moment des Verschwindens des gesellschaftlichen Diskurses, wie Armin Nassehi in seinem aktuellen Buch spekuliert /Anmerkung 1/. Und damit wohl auch des Endes der Demokratie. Aber niemand soll uns vorwerfen, wir hätten nicht bis zuletzt die Fahne der demokratischen Werte hochgehalten. Deshalb haben wir einige Standards formuliert, die wir selbst einhalten wollen und die jeder Andere einhalten muss, der auf unserer Seite Artikel oder Kommentare publiziert.Das erste Mal seit Bestehen dieser Seite haben wir den Kommentar eines Lesers nicht freigegeben. Er bezog sich auf den Artikel von Heinz Bayer letzte Woche, in dem dieser die neue Broschüre „Helix 2“ des Forums Agiles Lernen und Lehren (FALL) vorstellte. Der Kommentar war grob verunglimpfend, und es gab starke Indizien, dass der Verfasser außerdem die Helix 2, die zu kritisieren er vorgab, nicht auch nur ansatzweise gelesen hatte.

Die Diskussion in unserem Forum gab dann Anlass, die folgenden Regeln öffentlich und nachvollziehbar zu formulieren. (Die Regeln sind ein vorläufiger Entwurf und sollen immer anhand konkreter Anlässe weiter entwickelt werden.)

§ 1 Tatsachenbehauptungen müssen belegt werden

In Artikeln und Kommentaren werden oft Tatsachenbehauptungen erhoben. Tatsachenbehauptungen dienen dem Zweck, eine gemeinsame Basis für den Dialog zwischen Autor und Leser zu schaffen, indem sie auf Wahrheit zielen. Behauptungen, die nicht auf Wahrheit zielen, zerstören das gesellschaftliche Gewebe und bereiten, zu Ende gedacht, Gewaltherrschaft vor. Deshalb müssen Tatsachenbehauptungen unserer Autoren und Kommentatoren mit nachvollziehbaren Fakten belegt werden.

Beispiel: Es ist zulässig, auf unseren Seiten zu behaupten, der Klimawandel finde nicht statt. Oder er finde statt, aber er sei nicht dem CO2-Ausstoß der Menschheit geschuldet. Eine solche Behauptung muss – genau wie evtl. ihr Gegenteil – empirisch belegt werden.

§ 2 Vermutungen sind als solche zu kennzeichnen

In Artikeln und Kommentaren werden oft Vermutungen geäußert. Vermutungen dienen dem Zweck, zum Weiterdenken anzuregen oder vielleicht eine empirische Untersuchung anzustoßen.

Vermutungen müssen als solche gekennzeichnet werden, damit man sie nicht mit Tatsachenbehauptungen verwechselt. Die Indizien, die für sie sprechen, müssen benannt werden, und die Methode ihrer Falsifizierbarkeit.

Beispiel: Jemand kann die Behauptung äußern, das Neue Steuerungsmodell habe nur dem Ziel gedient, den Gebührenanteil an den Einnahmen der Gebietskörperschaften zu erhöhen und damit eine Umverteilung von unten nach oben „im Dienste der Konzerne“ zu erreichen. Wenn der Autor seine Behauptung nicht belegen kann, muss er darauf hinweisen. Denn es handelt sich dann um eine Vermutung. Und er muss die Indizien für und möglichst auch gegen die Vermutung nennen sowie die Kriterien der Entscheidbarkeit (von welchen Tatsachen ließe er sich überzeugen, dass er unrecht hat?). Sonst wäre es nämlich keine Vermutung, sondern eine Unterstellung (Insinuation) nach dem Motto „Man wird doch noch mal sagen dürfen!“. Nein, darf man hier nicht: Wer andere oder deren Handlungen oder Meinungen kritisiert, muss dafür Belege liefern. Sonst ist ein Dialog auf Augenhöhe nicht möglich, weil der Kritiker sich selbst gegen Kritik immunisiert. Also sich selbst erhöht und den Anderen abwertet.

Begegnung auf Augenhöhe (Quelle: Wikipedia)

§ 3 Urteile sollen ihre wertgrundlage transparent machen

In Artikeln und Kommentaren werden oft Bewertungen geäußert, was gut und was schlecht sei,  was wünschenswert und was abzulehnen. Im Unterschied zu Tatsachenbehauptungen kann man Bewertungen nicht „beweisen“. Sie verweisen in letzter Instanz auf eine unendliche Kette fortlaufend sich begründender Werte. Wir wünschen uns, dass unsere Autoren auch im Falle von Urteilen argumentieren, das bedeutet: ihre Wertgrundlagen, die sie zu den Urteilen führen, deutlich machen. Die Nichterfüllung dieses Wunsches stellt aber unsererseits kein Ausschlusskriterium für einen Artikel oder Kommentar dar.

Beispiel: Auch in agilen Kreisen findet man Argumentationsweisen, bei denen Werturteile verdeckt gehalten werden. Zum Beispiel sprechen die Vordenker aus dem Silicon Valley sehr gerne von Innovation als Ziel ihres Handelns. Aber Innovation bedeutet erstmal nur „etwas Neues machen“ und bedeutet nicht unbedingt „etwas Gutes neu machen“. Ein neuer Chatbot, mit dem man Wahlen noch zielgenauer beeinflussen kann, ist auch neu und damit „innovativ“. Oder Worte wie „Effizienz“ und „Schnelligkeit“ gelten als Werte an sich,  während sie in Wirklichkeit nur Tags ohne Begriff sind – ihre Umsetzung kann positive, aber auch sehr negative Folgen haben.

Anmerkung

/1/ Armin Nassehi: „Theorie der digitalen Gesellschaft“, August 2019

4 Kommentare zu „In eigener Sache: ein Kodex für die Kommunikation auf Augenhöhe“

  1. Ich finde die aufgestellten Regeln gut und nachvollziehbar.

    Inhaltlich schließe ich mich der Aussage von Alexander an, eine Kuratierung von Kommentaren zu unterlassen. Es gibt klare Regeln. Wenn ein Kommentator dagegen verstößt, sollte er mit Verweis auf die Regeln eine Chance zur Korrektur und zum Lernen haben. Andererseits werden die in den Regeln beschriebenen Maßnahmen ergriffen (Löschung, etc.).

    Aus meiner Sicht gibt es bei diesem Vorgehen eine bessere Nachvollziehbarkeit von Aktion und Reaktion.

    Gefällt 1 Person

  2. Zitat: „Innovation bedeutet erstmal nur „etwas Neues machen““

    Ja, Innovation bedeutet zunächst einmal nur „etwas Neues machen“. So wie der Begriff Fortschritt nur eine Entwicklung nach Vorne bedeutet, ohne genau zu sagen, wohin.

    Die Werte, woran Innovation und Fortschritt gemessen werden, sind anfangs selten oder gar nicht ethische Normen oder der Spiegel der Weisheit. Meist sind sie am Wohlstand oder am persönlichen materiellen Reichtum orientiert, an dem eines Betriebes oder dem des jeweiligen Landes.

    Wenn Innovation und Fortschritt prinzipiell gestattet sind, bewegen sie sich zwangsläufig aus den jeweils geltenden Ordnungsstrukturen heraus. Sie bewegen sich zunächst in Regel-freies Terrain.

    Ob die Neuerungen als gut oder als schlecht befunden werden, wird oft erst dann gewußt, wenn sie bereits existieren und ihre Wirkungsweise verstanden wird. Danach dauert es immer noch eine geraume Zeit, bis sie – wie alles bereits Bekannte – auch vom Gesetzeswerk erfaßt sind.

    Zitat: „Worte wie „Effizienz“ und „Schnelligkeit“ gelten als Werte an sich“

    Ja, höhere Taktung bedeutet meist eine höhere Effizienz und eine höhere Effizienz bedeutet: Das „Ding“ (was immer es ist) hat jetzt einen höheren Wert, zumindest monetärer Art.

    Beispiel: Algorithmen sind effizienter als Karteikarten.

    So weit, noch kein Problem, sondern bloß ein höherer Wert an sich und ethisch neutral wie ein Küchenmesser. Wenn wir aber dieses Zahlen-Konstrukt in der Programmierung von autonom agierenden Waffensystemen einsetzen, haben wir eines.

    Zitat: „ihre Umsetzung kann positive, aber auch sehr negative Folgen haben“

    Ja, bis hierhin wurde noch keine moralische Wertung abgegeben. Die muß nun folgen, sobald die Wirkung über die FUNKTION absehbar ist.

    – Nirmalo

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  3. Die erste Gefahr eines engen Regelwerks für die Kommunikation besteht darin, daß das Gefühl der Freiheit verloren geht. Die zweite besteht darin, daß von der Sache und der Argumentation in der Sache abgelenkt wird, die dritte besteht darin, daß der größere Teil der Aufmerksamkeit auf die KommunikationsFORM gerichtet wird und die vierte besteht darin, daß es zur automatischen Einschaltung der Autozensur kommt.

    Dann ist die Freiheit
    des Denkens beerdigt.

    Die intelligentere Variante ist folglich:
    So viel Freiheit, wie nur eben möglich.

    Das Brainstorming basiert auf Freiheit, nicht auf Einengung.

    Ein Einwand
    von Nirmalo

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  4. Vielen Dank für diesen Reife-Schritt, liebes Forum. Genauer: liebe Forumsbetreiber.

    Früher oder später kommt der Moment, an dem es Zeit ist, über Grenzen und Regeln zu sprechen.
    Wenn man Teambuilding nach Tuckman als Orientierung verwendet, dann ist das der Eintritt in Phase 3 – Norming.
    Wenn man Maslow zur Orientierung heranzieht, dann steuern Regeln auf der Ebene 3 die Zugehörigkeit.

    Es scheint demnach so, als wäre mit diesem Kommentar, den ihr nicht freigegeben habt, ein Zustand erreicht, an dem es gilt, eine Grenze aufzuzeigen.
    Der nächste Schritt ist dann, einen Algorithmus zu entwickeln und vor allem zu veröffentlichen, der es den Beteiligten ermöglicht, selbstbestimmt zu entscheiden, ob etwas noch dazu gehört oder schon nichtmehr.
    Indem man eine solche Regel tranparent macht, erschafft man einen Freiraum, innerhalb dessen selbstbestimmtes Handeln möglich wird, … da man nicht vom Urteil anderer „Autoritäten“ im Sinne von Machtinstanzen abhängig ist.
    Ihr habt das mit diesem Beitrag getan.
    Der nächste Schritt könnte nun sein, die Kommentare nicht mehr zu kuratieren, sondern erst bei einer Regelverletzung mit Hinweis auf den Forums-Kodex zu editieren oder zu unterdrücken.
    Dann wäre man bei Tuckman in der „Performance-Phase“.
    Bei Maslow würde man die Anerkennung den übrigen Beteiligten überlassen (Likes & Comments) und erst bei Zuwiderhandlung einschreiten, damit der Autor, der gegen die Regel(n) verstösst, sich selbst aktualisieren (aka „Lernen“) kann.

    Diese, meine persönliche Auffassung fusst auf jahrzehnte langer Erfahrung aus Projekten innerhalb größerer und größter Organisations-Kontexte. Die Grundlage bildet eine juristische Grundausbildung mit Staatsexamen und ein paar weitere wissenschaftliche Erkenntnisse, die ich ich mir mit der Zeit angeeeignet habe. Sie ist streng subjektiv verfasst und darf als einladung zur Praxisverprobung verstanden werden.
    Mir ist noch keine wissenschaftliche Studie bekannt, die diese Zusammenhänge im Detail unterfüttert oder widerlegt hat.
    … Das heißt nicht, dass sie nicht existiert – sie ist mir nur nicht bekannt.

    Wer mehr darüber erfahren möchte, wie ich zu dieser Weltsicht kam, mag gern den Reisebericht unseres ‚altered Ego‘ Frank zur Großartigkeit jenseits der #EgoBarriere verfolgen:
    https://leanpub.com/kdz/c/agile_Verwaltung

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