Krise für Fortgeschrittene

Die Corona-Pandemie hat in kurzer Zeit mehr in Bewegung gebracht als je eine politische Bewegung, ein Gesetz oder ein Krieg. Sie hat die Welt verändert – und sie hat uns alle bewusster gemacht für die Gegenwart, für das „Jetzt“. War das Jahr ein besonders intensives Training in Sachen Agilität? Welches Fazit können wir ziehen?

Ein Beitrag von Ursula Brummack und Christine Gebler, Foto von Gerd Altmann/pixabay

Was für ein Jahr… Wer bisher nicht darin geübt war, Situationen so zu nehmen, wie sie kommen, der war dieses Jahr mitunter gezwungen, die Kontrolle abzugeben. Wir alle mussten flexibel bleiben und uns darauf einlassen, morgen andere Entscheidungen zu treffen, als sie einen Tag zuvor sinnvoll gewesen wären. Wer bisher nicht wusste, was man unter der VUKA-Welt versteht, der weiß nun, wie es sich anfühlt, denn wir alle sind derzeit Teil davon: Während die Infektionsraten sich auf ungeahnt hohem Niveau bewegen, ist ungewiss, ob man sich das Virus selbst auch einfängt, ob die Corona-Maßnahmen überhaupt helfen und wie die Situation in drei Monaten sein wird. Das Infektionsgeschehen ist nicht nur global, sondern selbst regional komplex und die Situation wirkt sich bis ins persönliche Umfeld aus, auf einige positiver als gedacht, auf Andere katastrophal.

In Vorbereitung auf diesen Beitrag haben wir in unserem Netzwerk nach Heldengeschichten gefragt und bekamen wenige Rückmeldungen. Vielleicht erlebt jede*r von uns die eigene Heldenreise in dieser Krise als noch nicht abgeschlossen. Möglicherweise war vor Weihnachten auch einfach keine Zeit, um Heldengeschichten zu schreiben. Oder ist die Bestimmung von Helden mit Blick auf die Krise ein schwieriges Thema? Denn Helden zu definieren heißt auch, zu polarisieren, es verführt zur Bewertung „Verlierer“ oder „Gewinner“. Und die geht oft noch anders aus, als zu Beginn gedacht.

Corona zeigt uns, wo die Schwächen unserer Gesellschaft sind, aber auch wozu wir fähig sind und welche Stärken wir haben – sowohl persönlich, gemeinschaftlich als auch organisational. Über Helden, aber auch Gewinner und Verlierer ist in diesem Jahr viel diskutiert worden. Das sind bestimmte Menschen in Berufen, Branchen – systemrelevant oder nicht, Menschen, die gerade sehr hart arbeiten und dabei an ihre Grenzen kommen, oder im Gegenteil andere, die kaum noch etwas zu tun haben und sich neu erfinden müssen… Wo stehen hier eigentlich die Verwaltungen und ihre Beschäftigten? Wagen wir Hypothesen und einen Blick in die Amtsstuben, die durch Corona angeblich einen Schub in Sachen Modernisierung bekommen haben…

Zu den Gewinnern dürften die Verwaltungen zählen, die die Aufgabe der Daseinsvorsorge für die Stadtgesellschaft flexibel erfüllen konnten: die unterstützt, geschützt und begleitet haben, wo es gerade notwendig war und die in diesem Zuge auch den Einsatz von Ressourcen auf Brennpunkte konzentriert haben. Es sind sicherlich Behörden, die im definierten Sinne „agil“ agierten. Gewinner sind aus unserer Sicht auch Organisationen, die ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter technisch problemlos ins Homeoffice schicken und Bedingungen schaffen konnten, in denen diese auch remote in gutem Kontakt miteinander blieben. Und Verwaltungen, in denen zusammengehalten wurde und wo es keine Rolle spielte, wer unter normalen Bedingungen für was zuständig ist. Also Organisationen, die es schaffen, professionell aufgestellt zu sein für Herausforderungen, die sich nicht ankündigen. Das alles ist gleichzeitig der Härtetest für deren Kultur, aber das wäre ein Thema für einen anderen Beitrag…

Der Staat, die Verwaltungen sind aber auch die Verlierer dieser Krise. Sie waren und sind in vielen Bereichen von den erforderlichen Maßnahmen stark gefordert, wenn nicht sogar überfordert und bewältigen die Situation bei ohnehin knappen Ressourcen nur noch mit viel persönlicher Energie und auf Kosten anderer Projekte und Vorhaben. Sie müssen liefern, und zwar umgehend und aus dem Stehgreif, wie am aktuellen Beispiel „Aufbau der Impfzentren“ deutlich wird. Die langfristigen, auch finanziellen Folgen sind für Staat und Verwaltung noch gar nicht absehbar. Die Kommunen sind davon am meisten betroffen, mit ihnen die (Ober-)Bürgermeister*innen und Landräte*innen, die Entscheider*innen als vorausschauende Ansprechpartner*innen vor Ort, denn sie sind die Macher*innen am Ende der langen Kette des Subsidiaritätsprinzips unseres Staates. Sie werden die Auswirkungen nicht nur in den kommunalen Haushalten sehr, sehr lange spüren und ausgleichen müssen. So manches Projekt, das möglich und vielleicht auch dringend nötig gewesen wäre, dürfte mangels Ressourcen, die für die Krise einzusetzen waren, bis auf weiteres gestrichen sein.

Wer sind nun weitere Helden, gleich ob Gewinner oder Verlierer? Es gibt viele, die in den letzten Monaten mit Einfallsreichtum, Entscheidungskraft und Vorbildfunktion agier(t)en. Viele von Ihnen sind Teil unseres Alltags, unserer Stadt, in der wir leben, unseres Umfelds. Werden die eigentlichen Leistungen zur Bewältigung dieser Zeit nicht auch von den vielen „Unsichtbaren“ vollbracht, in unserer Nachbarschaft, in Organisationen, Netzwerken und Gemeinschaften, als Ehrenamtliche? Durch die vielen Einzelnen, die durch ihr rücksichtsvolles Handeln einen positiven Einfluss nahmen und nehmen? Sei es durch Mut und außergewöhnliche Ideen, durch das Pflegen von Kontakten und Zusammenhalt, durch Besonnenheit, Durchhaltevermögen, gegenseitige Unterstützung, durch das Zeigen von Stärke, oder auch den Verzicht auf Unvernunft und Panikmache. Auch ihnen sei „Danke dafür!“ gesagt.

Möglich, dass unsere Gesellschaft durch diese Zeit bewusster und reifer, geradezu erwachsener wird. Möglich, dass es unzählige Helden gibt, die diese Zeit einfach durchstehen und damit sich und anderen helfen, sie zu bewältigen. Vielleicht sind wir langfristig alle Gewinnerinnen und Gewinner, nur anders, als wir es uns vorgestellt haben.

Bleibt weiter heldenhaft – und startet hoffnungsvoll und gesund in ein vielversprechendes, gutes, neues Jahr.

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