Über Frithjof Bergmanns ‚eigentliche‘ Idee des New Work

Frithjof Bergmann, Hinweiser auf das Wirklich-Wirklich-Wollen im New Work
Foto: Wikipedia

Für die meisten Menschen ist die Arbeit wie eine leichte Erkältung. Bis Freitag hält man es noch aus.

Frithjof Bergmann

In den 1970er Jahren brachte Herr Bergmann den Begriff ‚New Work‘ auf die Welt, dieser fristete jedoch lange ein Mauerblümchen-Dasein. Ich selbst bin auf den Begriff vor etwa 9 Jahren aufmerksam geworden, da ich Herrn Bergmann live bei einem Vortrag in Köln kennenlernen durfte. Und ja, das resonnierte heftig!

Seit dem hat sich der Begriff stark verbreitet, besonders in den agilen Welten, über deren Haltungswerte wir hier immer wieder auf dem Blog sprechen. Allerdings versteht so manch Einer darunter eher oberflächliche Arbeitsumfeldverbesserungen wie Kickergeräte, Kochabende oder auch das Angebot von Körperertüchtigung während der Arbeitszeit, und ja, durchaus auch Kinderbetreuungsräume im Unternehmen.

Herr Bergmann meint mit New Work von Anfang etwas ganz anderes. Laut der jährlichen Gallup-Studie arbeiten über 80% der Menschen in der westlichen Welt nur, um mit dem Lohn am Leben bleiben zu können, d.h. das Leben außerhalb der Arbeitszeit genießen zu können. Was, wenn sie aber während der Arbeit auch lebten? Schließlich verbringen wir inklusive dem Arbeitsweg über die Hälfte der Wachphase hier. Was, wenn Mensch seine Arbeit als völlig sinnerfüllt sähe, weil er sie ‚wirklich wirklich‘ gerne machte?

Herr Bergmann stellte schon sehr früh fest, das Bildung darauf ausgerichtet ist, dass der Aufwachsende sein Selbst nicht als die große Rolle betrachtet. Und so lässt sich für die Allermeisten nach der ge-regel-ten Aus-bildung (nettes Wortspiel) eine starke Armut an Begierde feststellen. Das wäre ganz anders bei jenen mit Begierde, bei ihnen sei das Wirklich-Wirklich-Wollen wahrzunehmen. Und es gehe damit nicht darum, dass Mensch Spaß beim Arbeite habe. Spaß sei nicht genug, denn da gehe noch viel mehr im doppelten Wirklich-Wollen.

Wenn man Wochen damit zubringt auf der Suche nach dem perfekten Aschenputtelglasschuh anstatt an seinem eigenen Inneren herumzuwühlen, erweist sich das meist als verloren Zeit.

Frithjof Bergmann

Ich erinnere mich an ein Interview mit Herrn Bergmann, in dem er erzählte, wie häufig stark-gebaute, tätowierte Männer, die am Fließband arbeiten, in Tränen ausbrachen, wenn er ihnen die Frage stellte, was sie denn eigentlich in ihrem Leben wollen. Er führt das darauf zurück, dass diese Menschen von Kindesbeinen an, von ihren Eltern, dann Lehrern und Pfarrern und dann von ihren Chefs daran gehindert wurden, sich dieser Frage zu stellen. Mensch habe eben zu funktionieren. Er solle „keine Flausen im Kopf“ haben, wie ich häufiger von meinem Großvater hörte.

Arbeit solle zu einem erfüllenden Inhalt des Lebens werden. Um Mensch dorthin zu führen, sollten Zentren der Neuen Arbeit eingerichtet werden, in denen kompetent dorthin geführt wird. Besonders mit Blick auf die nun vermehrt vor uns liegende Automatisierung. Wir hätten bisher nur den Anfang gesehen. Und Herr Bergmann ist sich sicher, dass wir ohne das Konzept der Neuen Arbeit diese Automatisierung nicht gut überleben werden.

Es gäbe unendlich viele Möglichkeiten, Arbeit appetitlicher zu machen, ertragbarer zu machen, und so zu mehr Erfolg eines Unternehmens kommen. Das wäre aber kein authentischer Weg, zur Neuen Arbeit zu gelangen. Auch die Einführung so genannter Wohlfühlmanager gehöre zu dieser nicht-authentischen Form.

Wenn es nur um den Geschäftserfolg und nicht um den Menschen selbst geht, dann ist dies keine Neue Arbeit.

Frithjof Bergmann

So gehöre der freie Freitagnachmittag für die Google-Mitarbeiter, das zu tun, was sie wirklich wirklich wollten, zu den nicht authentischen Reformen hin zur Neuen Arbeit, auch wenn es gute Effekte zeigte.

Eigentlich darf sich doch gar nicht die Frage stellen, ob Unternehmensführer überzeugt werden müssen, dass sie Mitarbeiter dabei haben wollen, die reich an Begierden sind. Denn am Ende sollte doch klar sein, dass wirklich-wirklich-wollende Menschen kreativer sein werden, und damit doch zum Erfolg führen müssten.

ABER. Ich kann mir vorstellen, dass viele Unternehmer fürchten, dass in dem Augenblick, wo sie ihre Mitarbeiter dahin führen zu erkennen, was sie eigentlich in ihrem Leben wollen, diese dann eben nicht mehr an dem Platz weiter machen wollen, an dem sie sind und dem Unternehmen den Rücken kehren werden.

Und ein ABER noch dazu: Der Prozess, einen Menschen hin zum Erkennen seines eigentlichen Wollens zu bringen, sei ein sehr langer, meint Herr Bergmann. Demnach dürfte die Angst vor dem Gehen des tüchtiger werdenden Mitarbeiters nicht so groß sein, oder?

Nach dem eingangs erwähnten Vortrag von Herr Bergmann in Köln war ich motiviert, sein Buch Die Freiheit leben mit nach Hauses zu nehmen. Auch über diesen Inhalt lohnt es sich zu schreiben. Mal schauen, vielleicht im nächsten Artikel …

Autor: Dr. Martin Bartonitz

Geboren 1958 und aufgewachsen in Dortmund, am Rande des Kohlenpotts, einem Schmelztiegel während der Gründerzeit eingewanderter Menschen. 1992 nach der Promotion in experimenteller Physik gewechselt von der Messprozess- in die Geschäftsprozesssteuerung. Mit Blick auf die Erfahrungen in der Optimierung der Effizienz von Prozessen in der Bürowelt kam in den letzten Jahren immer mehr die Erkenntnis: Das Business machen die Menschen. Und wenn nur nach der Effizienz geschaut wird, dann wird auch noch die letzte Motivation in den Unternehmen zerstört. Daher sollten Organisation und auch die eingesetzte Software die Menschen in ihrer Kreativitität unterstützen und sie nicht knechten. Selbstbestimmtheit statt Fremdbestimmung sollte uns den nächsten Schub in unserer gesellschaftlichen Entwicklung bringen. Aufgrund dieser Überzeugung schreibe ich hier mit.

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