Hybrid an der Schule

Oh ja, herzlich willkommen zurück im Präsenzunterricht des Schuljahres 2020/21. Willkommen in dieser fast wohligen Normalität. Dort, wo die Lehrenden wissen, wo es lang geht … sie kennen immerhin den Bildungsplan und ihr eigenes Fach … und die Lernenden lassen sich führen und das gemeinsame Ziel heißt, diesen Bildungsplan zu erfüllen und dafür Noten zu bekommen bzw. zu vergeben. Und alles wieder in der guten alten Analogwelt, in der die Digitalisierung nur noch im Verwenden des Aktivboards statt der Kreidetafel zu finden ist. Wenn es bei Ihren Kindern in der Schule inzwischen anders zugeht: Gratulation. Ich denke, es wird die Ausnahme sein.

Nein, nein, dies soll beileibe keine Lehrerschelte sein. Die Beschreibung ist auch etwas überspitzt vorgetragen … in der Absicht, bei Eltern (also vielleicht genau bei Ihnen) und Ihren Kindern (die nebenbei auch Schüler:innen sind) für das hybride Lernen zu werben. In meinem letzten Blogbeitrag über Neues aus der Hattie-Studie hatte ich von Hatties Top-Five erzählt. https://agile-verwaltung.org/2021/07/15/hattie-agil-for-future/

Dazu gehören „die Beurteilung des eigenen Leistungsniveaus und das seiner Peer-Group“. Dieses „Lernende als Experten wahrnehmen“. Und ganz stark: Die „kollektive Wirksamkeitserwartung.“ Das sind die effektivsten Faktoren für erfolgreiches Lernen. In den letzten zwei Jahren Homeschooling haben diese Faktoren bei so manchen Lernenden vollautomatisch starke reale Effekte gezeigt. Nämlich dann, wenn sich Schüler:innen zu Lernteams zusammengeschlossen hatten. Wenn sie digitale Meetings im Team durchgeführt und die neuen Plattformen und Tools schulisch auch eigenständig für sich selbst und das Team genutzt hatten. Das waren erstaunlich viele. Und an diese erstaunlich vielen jungen Menschen wende ich mich hier. Ich würde meinen, man findet sie in den Altersgruppen ab 14 Jahren – aber natürlich verstärkt in Oberstufenklassen. Die Schule der Zukunft sollte man hybrid denken.

Die Idee dahinter ist schlicht und richtet sich in erster Linie an aktiv denkende Schüler:innen für die komplexe Durchführung und an ihre Eltern für die entspannte und eher zurückhaltende Unterstützung und Prozessbegleitung. Die Idee für die Lernenden heißt: Behaltet die Teamstrukturen des letzten Schuljahres bei … und trefft euch weiterhin neben der Schule auf eurer Homeschooling-Plattform (eure Eltern können sie locker am Laufen halten). Gründet quasi ein eigenes kleines digitales Bildungs-StartUp neben der normalen analogen Schule. Arbeitet also hybrid. Um effektiver zu lernen, um gezielter zu arbeiten, um vernetzter zu arbeiten, um zufriedener zu arbeiten, um euch im Kopf unabhängiger von der Schule selbst zu machen, um die Selbstwirksamkeitserwartung auszuspielen und um viel Zeit zu sparen, die ihr sicher sinnvoll einsetzen könnt.

Nein, es ist nicht zusätzlich zur Schule, es ist nur ein selbst agil gestalteter eigener zeitsparender effektiver Lernraum im Schulalltag. Ich mache es einmal an einem konkreten Beispiel fest: Den Hausaufgaben.

In der Hattie-Studie haben Hausaufgaben an sich keine hohe Effektstärke. Um genau zu sein: 0,29. Erst über 0,4 spricht Hattie von erstrebenswerten Faktoren. Lernende als Experten wahrnehmen besitzt z.B. den Faktor 1,2. (Kleine Effektstärkenkunde: 0,4: Durchschnitteffektstärke aller inzwischen fast 300 Faktoren, die in der weltweit größten Bildungsstudie daraufhin untersucht wurden, wie lernwirksam sie sind. Die Skala reicht inzwischen bis 1,85)

Ich will mich nicht auf die reine Zahlenspielerei einlassen …. Nur ist auch ohne Hattie jedem klar, der selbst die Schulbank gedrückt hat: Wenn ich in der Lage bin, mit einem kleinen Team Hausaufgaben zu machen, dann bespiele ich dabei vollautomatisch ganz viele Lernkanäle, die mit dem Aufgaben lösen alleine zu Hause am Schreibtisch nicht mehr viel zu tun haben. Als Meetingformat bekommt ein Hausaufgabentreffen gleichzeitig eine komplexe Einschätzungsmöglichkeit des eigenen Leistungsniveaus und auf das der Peer-Group. Hausaufgabenmeetings könnten sich zu echten Startrampen erfolgreichen eigenständig agilen Lernens entwickeln, ohne dass der eigentliche Unterricht agil sein muss.

Noch einmal. Mir ist klar, dass dieser eigenständige Ansatz auch eine Sache des Alters und des eigenen Freundeskreises ist … aber in Homeschoolingzeiten hatten so viele schon automatisch wie Scrum-Team-Natives gelernt, ohne es bewusst wahrzunehmen. In Zeiten, in denen man nicht in die Schule durfte, wurde Schule manchmal beinah zum Sehnsuchtsort … und eigenständiges Lernen war für manche plötzlich gar nicht mehr „unanständig“. Das Wort „Streber“ hatte zeitweilig keine Bedeutung mehr. Was für eine Erleichterung. Wenn man es schaffen könnte, möglichst viele der online zusammenarbeitenden Schüler:innen-Teams der Homeschooling-Phasen davon zu überzeugen, jetzt als hybrid-arbeitenden Schüler:innenteams auf ihren Meeting-Plattformen weiterzuarbeiten – bei Hausaufgaben, bei der Vorbereitung auf Klassenarbeiten, beim Füllen von Wissenslücken durch die Team selbst oder durch einen externen Coach aus einer höheren Klasse … ein Online-Coach-on-demand würde die Zukunftsform der Nachhilfe … dann würde sich Schule für diese Schüler:innen ganz wesentlich verändern, ohne das sich ihre Schule selbst dabei verändert hätte.

Kommen Sie. Träumen wird man doch noch dürfen. Speziell wenn die Träume ohne größere Kosten tatsächlich umsetzbar wären. Agile Bildung ist eben in erster Linie eine Sache der Haltung.

Heinz Bayer

Hochschule für agile Bildung

Zürich

Autor: Heinz Bayer

Forum agil lernen und lehren - www.aufeigenefaust.com Team Weiterbildung - Hochschule für agile Bildung - hfab.ch

2 Kommentare zu „Hybrid an der Schule“

  1. Gibt es denn auch agile Ansätze für die armen Kinder, die das 14. Jahr noch nicht errecht haben und die Grundschulbank drücken? Das Modell „hybrid“ für Unterricht in Pandemiezeiten hat sich komischerweise auch nicht durchsetzen können, obwohl man Gerüchte hörte, dass es (natürlich an anderen Schulen) funktionierte und Lehrkräfte den Unterricht mit einer Hälfte der Kinder in der Schulklasse parallel per iPad und BigBlueButton-Meeting in die Häuser der anderen Hälfte übertragen ließen.
    Zum Abschluss: Ist nicht jegliches agiles Wirken eine Sache der Haltung?

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    1. Zwei kurze Antworten:
      1. Stimmt. Jedes agile Wirken sollte eigentlich in erster Linie eine Sache der Haltung sein. Aber agil wird eben oft nur unter dem Aspekt der Effektivität verkauft.
      2. Natürlich gibt es agile Ansätze für die armen Kinder unter 14. 😎 14 ist von mir auch nur als grober Erfahrungswert gewählt. Der Artikel richtet sich ja eigentlich direkt an die jungen Menschen selbst mit folgender Ansage: „Wartet nicht, bis eure Lehrer:innen agile Konzepte anwenden, sondern nehmt eure Bildung z.T. einfach selbst in die Hand. Und nutzt dabei die Tools im Team, die ihr in Homeschooling-Zeiten kennengelernt habt.“
      Heinz Bayer
      p.s. Ich war 35 Jahre Gymnasiallehrer und habe viele aktive im Bildungsbereich selbstständig handelnde junge Menschen erleben dürfen, wenn man ihnen den Raum dafür gab. Vielleicht 10 bis 20% eines Jahrgangs. Einen digitalen Team-Raum für Hausaufgaben etc kann man sich selbst nehmen. Wenn 10 bis 20% eines Jahrgangs selbstständig erfolgreich hybrid arbeiten würden, dann könnten sie Schule verändern. Über „Ansteckung“. 😎 Fridays for future zeigt ja auch, welche Kraft in uns Menschen steckt, wenn wir „angesteckt“ sind.

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