Agile Transformation – von Prozess und Projekt zu Mensch und Produkt

Agile Vorgehensmodelle finden heutzutage bereits in den unterschiedlichsten Kontexten Anwendung. In vielen Bereichen ist die Rede von agiler Transformation, und die agile Transformation wird nur zu oft mit der Digitalisierung in Verbindung gesetzt. Scrum und Kanban sind nur zwei der agilen Vorgehensmodelle, die oft genannt werden und zu den am meisten genutzten gehören.

Wertewandel praktisch eingesetzt – und erforscht

Zur Agilität gehört weitaus mehr als ein reiner Einsatz von Methoden – insbesondere die Werteorientierung, wie das Agile Manifest tatsächlich schon vor 20 Jahren aufgezeigt hat. Denn, und da bin ich mir sicher, agile Werte verändern die Art und Weise, wie Menschen zusammenarbeiten und letztlich, wie ein Team tatsächlich miteinander „funktioniert“.

Doch wann erreicht ein Team tatsächlich einen hohen Grad agiler Reife? Wie agil ist denn jetzt das Team überhaupt? Woher weiß ich eigentlich, ob mein Team wirklich agil ist? Wie und was kann ich weiter verbessern?

Und genau an dieser Stelle sollte die Forschung ansetzen.

Bereits im Jahr 2017 haben wir uns auf den Weg begeben, einen Fragebogen zur Messung der Agilität zu entwickeln. Um einen geeigneten Fragebogen, der agile Werte berücksichtigt, zu entwickeln, wurden zunächst sechs Dimensionen von Agilität definiert. Für die Definition der Dimensionen wurden die agilen Werte mit den traditionellen Werten verglichen.

Es entstanden die Dimensionen

  • kommunikativ,
  • änderungsaffin,
  • selbstorganisiert,
  • produktgetrieben,
  • verbesserungsorientiert und
  • iterativ.

(Eine genaue Erläuterung der Definitionen findet sich hier https://www.springerprofessional.de/towards-a-standardized-questionnaire-for-measuring-agility-at-te/19244898)

Da die Aufgaben von agilen Teams je nach ihrem Umfeld und ihrer Branchensozialisierung, wie zum Beispiel im Kontext der öffentlichen Verwaltung oder in einer Produktionsunternehmung, sehr unterschiedlich sein können und sich eben nicht mehr ausschließlich auf die Softwareentwicklung beschränken, galt es, einen Fragebogen zu entwickeln, der sich auf unterschiedliche Kontexte anpassen lässt.

Unser Fragebogen wurde mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden entwickelt, und von daher musste ebenfalls der aktuelle Forschungsstand im Bereich der Messung von Agilität ausreichend berücksichtigt werden.

Es entstand ein Fragebogen zur Messung der Agilität mit 36 Items. Eine Übersicht zu den Items findet sich unter obigem Link in englischer Fassung.

Mit Hilfe einer Fallstudie konnten wir zeigen, dass wir innerhalb dieser Dimensionen entsprechende Testwerte für ein Team tatsächlich messen können.

Erkenntnisse und Mehrwert – was wir nun wissen

Doch was sagen letztlich Messwerte aus? Ja, es stimmt, wir haben Zahlen und können sagen: das Team ist agil, das Team ist nicht agil, das Team ist ein bisschen agil. Das Team schneidet in bestimmten Dimensionen besser und in anderen schlechter ab.

Ja genau, aber welchen Mehrwert bringt uns denn nun ein Messinstrument?

Ein Messinstrument ist nur dann gut, wenn ich anhand der Ergebnisse etwas ableiten kann. Es zeigte sich, dass wir sowohl an der Verteilung der Antworten der Teammitglieder den Zustand eines Teams als auch anhand der Testwertergebnisse den Fortschritt der Agilität eines Teams erkennen konnten. Nun galt es, einen Prozess für die agile Transformation zu entwickeln, in dem dieses Messinstrument zielgerichtet zum Einsatz kommen kann.

Nur durch einen zielgerichteten Einsatz einer Messung können die Ergebnisse einen Mehrwert bringen.

Hierfür haben wir ein 7-stufiges Prozessmodell entwickelt, dass zeigt, wie sich eine Messung der Agilität anhand eines Fragebogens in einen agilen Transformationsprozess einbauen lässt. (Quelle: https://ieeexplore.ieee.org/abstract/document/9141094)

Der entwickelte Prozess besteht aus den folgenden (sechs bzw. optional sieben) Stufen.

  1. Die Dimensionen innerhalb des Fragebogens können in einem ersten Schritt im Gespräch mit dem Team für eine Anwendung auf den anwenderspezifischen Kontext angepasst werden. So können fundierte Entscheidungen hinsichtlich der Gewichtung der Dimensionen getroffen werden.
  2. In Stufe 2 erfolgt eine Anwendung des Fragebogens und somit eine erste Messung der Agilität eines Teams.
  3. In Stufe 3 werden die Ergebnisse der Befragung ausgewertet, indem für jede Dimension ein Testwert ermittelt wird. Ebenfalls zeigt das Antwortverhalten der Teammitglieder auf, wie einig sich diese in der Bewertung der Items sind.
  4. Auf Basis der Testwertermittlung müssen die Ergebnisse der Befragung nachfolgend allen Stakeholdern verständlich und übersichtlich präsentiert werden. Es wird empfohlen, die Ergebnisse im Rahmen eines Meetings zu diskutieren, welches von dem Experten angeleitet wird, der die agile Transformation begleitet. Das Ziel ist es, ein einheitliches Verständnis über die gewonnenen Ergebnisse zu schaffen.
  5. Im nächsten Schritt wird die Durchführung eines Workshops empfohlen, in dem Herausforderungen reflektiert sowie Maßnahmen und Ziele zur Überwindung festgelegt werden. Die Herausforderungen in der agilen Transformation ergeben sich aus der Betrachtung der Ergebnisse in den einzelnen Dimensionen. Zu diesen Herausforderungen müssen konkrete Maßnahmen abgeleitet werden, durch die diese überwunden werden können. Hier können verschiedene agile Praktiken und Methoden zur Lösung der identifizierten Herausforderungen diskutiert werden. Anschließend werden für die Dimensionen geeignete Maßnahmen zur kontinuierlichen Verbesserung festgelegt. Um eine Überprüfung der Zielerreichung zu ermöglichen wird empfohlen, für die einzelnen Dimensionen das Ergebnis zu definieren, welches in der nächsten Testwertermittlung zu erreichen ist.
  6. Die Erreichung der definierten Ziele kann anschließend bei einer weiteren Durchführung der Befragung festgestellt werden. Hierzu wird die beschriebene Handlungsempfehlung ab Stufe 2 dann erneut durchgeführt. Die Gewichtungsfragen dürfen im Vergleich zur ersten Befragung zunächst nicht verändert werden, damit eine Vergleichbarkeit der beiden Ergebnisse ermöglicht wird.
  7. (Optional) Im Anschluss an den Vergleich der Ergebnisse ist eine Anpassung der Gewichtungsfragen möglich, um das Lernen aus den Erfahrungen und geänderten Rahmenbedingungen berücksichtigen zu können. Hierbei muss beachtet werden, dass diese Anpassung eine Auswirkung auf das Ergebnis hat. Daher muss erneut ein Ergebnis mit den Antworten auf die Beurteilungsfragen aus der aktuellen Befragung, sowie den aktualisierten Gewichtungsfragen ermittelt werden. Dieses dient dann als Basis für den Vergleich und die Bestimmung der Zielerreichung mit der nachfolgenden Befragung.

Es zeigte sich, dass auf Basis der Messergebnisse ein deutlich zielgerichteterer Einsatz agiler Methoden zur Erhöhung der agilen Reife eines Teams stattfinden kann. Des Weiteren kann nachvollzogen werden, ob die bisher angewandten agilen Methoden zielführend eingesetzt werden oder eine Anpassung erfolgen sollte.

Das Team an sich wird ebenfalls deutlich in den Fokus gesetzt. Herrscht eine unterschiedliche Wahrnehmung der agilen Arbeitsweise oder es bestehen Dysfunktionalitäten innerhalb eines Teams, können diese anhand der Ergebnisse erkannt, analysiert und durch entsprechende Maßnahmen behoben werden.
Anmerkung: Sowohl bei der Entwicklung eines Fragebogens zur Messung der Agilität als auch bei der Entwicklung eines Prozessmodells zur Unterstützung der agilen Transformation handelt es sich um einen kontinuierlichen Lernprozess und in diesem Artikel um einen aktuellen Forschungsstand.

Ein Gedanke zu „Agile Transformation – von Prozess und Projekt zu Mensch und Produkt“

  1. Liebe Hannah,

    ein spannender Ansatz: Befragung nach agilen Verhaltensweisen als Teamintervention – und das Ganze auf wissenschaftlicher Basis. Respekt!

    Euer Prozess ist als etwas längerfristige Begleitung angelegt.

    Wäre es auch vorstellbar, die Befragung als Internventionsmethode einzusetzen, um mit einem Team überhaupt ins Thema Agilität einzusteigen und den Begriff über konkrete Verhaltensweisen nachvollziehbar zu „operationalisieren“?

    Liebe Grüße
    Ute Enderlein

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