Im Team lernen (1)

Beim Aufsetzen von Scrum Teams stoßen wir immer wieder auf ein Thema: die Spezialisierungsfalle. Durch gemeinsames Lernen im Team aus der Spezialisierungsfalle herauskommen. Es ist ein Unterschied, ob wir fremdes Wissen übernehmen oder eigenen Wissen aufbauen.

Was ist die Spezialisierungsfalle?

Die Spezialisierungsfalle bedeutet, dass es immer nur eine Person gibt, die ein spezielles Thema bedienen kann. Dahinter steckt die Denkweise, dass es für die Organisation insgesamt günstiger ist, nur jeweils eine Expertin oder einen Expertin darin auszubilden.

Doch das führt zu langen Wartezeiten: „Das können wir erst machen, wenn Frau X oder Herr Y wieder da ist.“ Das sehen wir z. B. in Sprint Reviews, wo es dann heißt: „Wir konnten das Thema nicht abschließen, weil die Person Z fehlte.“

Aber das hat noch einen zweiten Effekt: Alle Teammitglieder verlassen sich darauf, dass Person Z eine bestimmte Aufgabe erledigt. D. h. sie schalten im Sprint Planning vorübergehend ihren Kopf aus: „Ich muss das Thema ja nicht umsetzen.“

Die Spezialisierungsfalle ist allen in der Organisation bekannt. Aber keiner geht das Thema gerne an: „Das dauert ja ewig, bis hier alle auf dem gleichen Wissensstand sind. So viel Zeit haben wir nicht.“

Was bedeutet also Wissen und Lernen im Team?

Lernen im Team

Hier ist meine Definition. Teams haben etwas gelernt, wenn folgende Sätze wahr sind: Mitglieder eines Teams nehmen in einer gegebenen Situation die Lage wahr und handeln intuitiv. Handeln bedeutet (weitere) Fragen zu stellen, eine passende Aktivität auszuführen und den Entscheidungsraum zu verändern.

Lernen im Team unterscheidet sich vom Lernen bei einer einzelnen Person, weil wir uns über den Wissenbedarf, den Zeiteinsatz und die Methoden zur Vermittlung im Team abstimmen müssen.

Beim Wissen unterscheide ich zwischen Lernen ohne und mit Verständnis oder fremdes und eigenes Wissen.

Fremdes Wissen

Bei fremden Wissen sind uns die Zusammenhänge und Hintergründe unbekannt. Andere Menschen haben etwas gelernt und geben es an uns weiter (externes Wissen). Gerade am Anfang eines Lernprozesses kann das ein schneller Einstieg sein: „Fass nicht auf die Herdplatte“, „Sperr den Unfallort ab“, „Lagere das Fleisch im Kühlhaus“, „Ziehe erst die eigene Sauerstoffmaske an, bevor du anderen hilfst“.

Wir geben oder empfangen solche Anweisungen oft, wenn die Zeit knapp ist, anderes Wissen noch wichtiger ist oder das Wissen nur selten gebraucht wird. Es ist nicht immer angemessen, die ganze Genesis aus diesem Wissenbereich zu wiederholen.

Zu diesem Lernen gehören:

  • Einzelne Worte und Sätze: Wir nehmen den Gebrauch von Worten wahr. Wir können sie sogar wiederholen. Aber sie haben noch keine Bedeutung für uns.
  • Einzelne Fachbegriffe: Wir können die Begriffe zwar (richtig) benutzen. Aber wir können nichts damit machen, wenn wir den vereinbarten Anwendungsbereich verlassen.
  • Standards: Experten haben die Sprache für einen bestimmten Bereich normiert und damit die Variantenvielfalt reduziert.
  • Verzeichnisse, Abbildungen: Experten haben Abbildungen, Listen und Nachschlagewerke erstellt und uns damit Arbeit abgenommen.
  • Methoden, Rezepte, Vorlagen, Werkzeuge: Experten haben mehrere Begriffe in eine zeitliche Reihenfolge gebracht. Mache erst dieses und danach jenes. Das erspart uns das eigene Versuchen und Irren. Aber es wird schwierig, wenn ein Schritt in der Methode nicht passt oder im Rezept eine wichtige Zutat fehlt.
  • Vorschriften und Gesetze: Eine Community hat auf Grund von (meist schlechten) Erfahrungen Handlungsempfehlungen erstellt. Je nach Schwere sind diese Handlungen freiwillig oder verpflichtend. Ich kann nicht genau abschätzen, was das Nichteinhalten für Auswirkungen hat.

Feedback ist wichtig für das Lernen. Beim Benutzen dieses Wissens bekommen wir aus der Situation heraus aber nur binäres Feedback: Erfolg oder Misserfolg. Ich habe einen Fachbegriff richtig benutzt oder nicht. Ich habe mich an das Rezept gehalten oder nicht. Aber ich weiß nicht genau, was beim Misserfolg zu tun ist. Ich suche in meinem Verzeichnis einen Lieferanten. Beim Anrufen stelle ich fest, dass es diesen Lieferanten nicht mehr gibt. Aber ich weiß nicht, wie ich einen anderen Lieferanten finde, der noch nicht im Verzeichnis steht.

Dieses Wissen hilft uns bei bestimmten Routinevorgängen und unterstützenden Prozessen. Dieses Wissen vereinheitlicht Vorgänge und macht die Zusammenarbeit mit anderen einfacher.

Eigenes Wissen

Wenn wir selbst lernen, kennen wir auch die Hintergründe und Zusammenhänge. Wir erarbeiten uns dieses Wissen selbst (sowohl als Individuum als auch im Team). Wir setzen uns Ziele und überlegen uns: „Wie könnte das wohl gehen?“ Dies macht den Großteil unserer Arbeit aus.

Zu diesem Lernen gehören:

  • Mem, Idee, Gedanke: Beim Wahrnehmen oder Betrachten fällt uns etwas ein. Aber dieses Etwas ist noch unvollständig oder es fehlen noch die Beziehungen zu anderen Gedanken.
  • Gestalt: Wir haben eine intuitive Vorstellung von einem Begriff. Unser Gehirn hat sich ein inneres Modell erstellt. Wir können es nicht unbedingt sprachlich ausdrücken. Aber wir kennen die Grenzen des Begriffs und wir wissen, wie wir mit diesem Begriff arbeiten.
  • Wissensnetz: Wir können mehrere Gestalten in Beziehung setzen. Andere Begriffe dafür sind Wissenslandkarte oder Concept Map.
  • Mitschrift, Notiz, Zeichnung: Wir haben wichtige Dinge selbst aufgeschrieben.
  • Plan, Konstruktion, (Versuchs-) Aufbau: Wir bringen verschiedene Ideen in eine Reihenfolge.
  • Werte, Vereinbarungen: Eine Community einigt sich darüber, was gutes Handeln ist. Die Mitglieder entscheiden sich aktiv für oder gegen Werte. Ich erkenne sofort, ob das Einhalten Auswirkungen hat.

Beim Benutzen dieses Wissens bekommen wir spezifisches Feedback über ein breites, analoges Spektrum von Möglichkeiten. Mit diesem Feedback sind wir in der Lage unsere Vorstellung von etwas anzupassen und unsere Vorgehensweise zu ändern.

Dieses Wissen hilft uns bei wissensintensiven Vorgängen und in unseren Kernprozessen. Beim Erzeugen dieses Wissens erleben wir Geschichten. Die sind oft nach Jahren immer noch sehr präsent. Das Wissen ist sehr individuell. Das erschwert die Kommunikation mit anderen.

Lernstrategien

Mit dieser Unterscheidung können wir unsere Strategie zum Lernen im Team entwickeln:

  • Wollen wir uns fremdes Wissen zu eigen machen, um vor allem Routinevorgänge oder unterstützende Prozesse zu verbessern?
  • Wollen wir uns Zeit für eigenes Lernen nehmen, um besser in unseren Kernprozessen oder innovativer zu werden?

Die Grenzen sind natürlich nicht so eindeutig.

Das fremde Wissen können wir „einkaufen“: Literatur, standardisierte Schulungsmaßnahmen, Musterprozesse, Checklisten. Aber das Problem ist, dass wir die Geschichten dahinter nicht kennen. Wir müssen Energie aufwenden, damit wir uns die Dinge merken können.

Das eigene Wissen müssen wir selbst erzeugen. Wir bringen unsere eigenen, „dreckigen“ Notizen mit und diskutieren im Team darüber. Es ist nicht klar, was richtig und was falsch ist. Man könnte über jeden Punkt debattieren. (Das kostet auch Kraft).

Sehen wir uns konkrete Strategien im nächsten Teil an.

2 Kommentare zu „Im Team lernen (1)“

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