Mitarbeiter in hierarchiefreien Organisationen: Verantwortung übernehmen und eigene Entscheidungen treffen

Entdecken Sie die Geheimnisse einer hierarchiefreien Organisation! In diesem Blogbeitrag erfahren Sie, wie klare Prinzipien mehr bewirken, warum Handbücher meist überflüssig sind und welche Fähigkeiten Mitarbeiter:innen und Führungskräfte mitbringen sollten. Lassen Sie sich inspirieren und erfahren Sie mehr über Selbstorganisation, Soziokratie und Verantwortungsbewusstsein.

Im zweiten Teil unseres Interviews sprechen wir über die Voraussetzungen und Erfolgsfaktoren einer hierarchiefreien Organisation. Lesen Sie, warum klare Prinzipien mehr bewirken und Handbücher meistens überflüssig sind.

Ersten Teil verpasst? Hier geht es zum ersten Teil des Interviews.

Entscheidungen richtig treffen: Know-how-Aufbau

Maria: Welche Entscheidungsfindungsmodelle habt ihr eingesetzt und Know-how aufgebaut?

Cornelia: Konsent-Entscheidungen oder integrative Entscheidungsfindung waren die kompliziertesten Konzepte. Das Format des Einzelentscheids innerhalb der Rolle und das Konsultationsverfahren nutzen wir ebenfalls. Wir haben klare Strukturen und Prinzipien, welches Modell in welcher Situation eingesetzt wird. Die Mitarbeiter:innen entscheiden jeweils, welches Verfahren gerade nötig wird. Klare Entscheidungen und Verantwortlichkeiten haben entscheidend dazu beigetragen, die Umstrukturierung gut zu bewältigen.

Anforderungen an Mitarbeiter und Führungskräfte

Maria: Was glaubst du, welche Fähigkeiten sollten Mitarbeiter:innen und Führungskräfte mitbringen, um hierarchiefrei arbeiten zu können?

Cornelia: Als Geschäftsführerin musste ich lernen, sehr klar zu kommunizieren. Die Einladung, eine Entscheidung für jemand anderen treffen zu sollen, musste ich erkennen und zurückgeben lernen. Eher in die Konsultation zu gehen, als die Entscheidung für einen anderen zu treffen. Eine starke Verführung, wenn man lange in klassischen Führungsrollen war. Mitarbeiter:innen brauchen eine hohe Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und nicht zu erwarten, dass jemand kommt, dem man die Verantwortung für eigene Entscheidungen geben kann. Wenn jemand bei uns eine Aufgabe übernimmt, ist er dafür entscheidungsverantwortlich. Natürlich kann man sich Unterstützung oder Konsultation einholen. Am Ende treffen die Mitarbeiter:innen die Entscheidung über ihr Handeln. Sie sind verantwortlich für das, was zu tun ist, um die Aufgabe zu erfüllen. Man muss sehr reflektiert sein und an den eigenen Verhaltensmustern arbeiten wollen. Grundsätzlich muss die Bereitschaft da sein: „Ja, ich möchte Verantwortung tragen und meinen Beitrag leisten.“ Es erfordert ein hohes Maß an Disziplin und Pflichtgefühl, sich an Abmachungen und Zusagen zu halten.

Prinzipien statt Regeln: Zusammenarbeit gestalten

Maria: Welche Regeln oder Prinzipien der Zusammenarbeit haben sich für euch herauskristallisiert? Welche Leitplanken helfen euch?

Cornelia: Guter Punkt. Von festgehaltenen Verhaltensregeln halte ich nicht viel. Cornelia: Guter Punkt. Von festgehaltenen Verhaltensregeln halte ich nicht viel. Dinge, die ich mir nicht merken kann und sie mir aufschreiben muss, sind im täglichen Handeln irrelevant. Handbücher, Dienstanweisungen – häufig unnötig. Unser Organisationsberater hat uns mitgegeben: stellt keine Regeln auf, sondern Prinzipien! Das kennt man aus der Soziokratie und Holokratie. Im Laufe des Prozesses haben wir unsere Form dazu gefunden. Immer wieder haben wir für uns Prinzipien herausgearbeitet, die unsere tägliche Arbeit begleiten. Die Überschrift unserer Prinzipien zur Konfliktlösung lautet beispielsweise: Für meinen Ärger bin ich selbst verantwortlich, auch für die Lösung des Problems. Das ist harte Arbeit an sich selbst. Lösungen selbst aktiv anzugehen und nicht darauf zu warten, dass etwas im Außen die Lösung reicht.

Konfliktlösung in hierarchiefreien Organisationen

Maria: Der Alltag bietet doch so viel Gelegenheit, sich zu ärgern, jetzt soll ich selbst dafür verantwortlich sein?

Cornelia: Das Gefühl des Ärgerns ist erstmal da. Jedes Gefühl hat seine Berechtigung. Aber du bist verantwortlich dafür, was du mit dem Ärger machst. Häufig sind die Quellen des Ärgers in Erwartungen zu finden, die nicht erfüllt oder ausgesprochen wurden. Dann heißt es, im Kontext des Ärgers, Dinge anzusprechen und aktiv nach einer Lösung zu suchen.

Für Konflikte, die Mitarbeiter:innen nicht selbst lösen können, haben wir ein Stufenmodell:

  • 4-Augen-Gespräch oder Konsultation
  • Einbindung eines Schlichters
  • Kollegiale Beratung oder Supervision
  • Ein Dritter trifft die Entscheidung, die akzeptiert werden muss

Bei jeder Stufe geht es darum, Ideen zu finden, was man machen könnte, um das Problem zu lösen. In der Regel kommt man dabei selbst auf eine Idee, was man daraus macht. Das heißt eben nicht, ich spreche mit fünf Leuten beim Kaffee über meinen Ärger und die rennen dann los und lösen mein Problem. Der Ball kommt immer wieder zu mir zurück. Die Kollegen werden mich fragen, „Was ist dein nächster Schritt? Wie könntest du den Konflikt mit dem Betroffenen lösen?“ Erst wenn man das versucht hat und scheitert, geht es eine Stufe weiter. Sich Hilfe zu holen, bedeutet für uns auch, sich sehr klar zu sein oder zu werden, was das eigentliche Anliegen ist und wie es aussehen könnte, wenn das Problem oder der Konflikt weg ist.

Fazit und Empfehlungen

Maria: Welches Fazit über den Veränderungsprozess vom Bürokratiemonster zur hierarchiefreien Organisation ziehst du und welchen Rat würdest du anderen geben?

Cornelia: Maria, jeder Ratschlag ist ein Schlag (lacht). Mein Fazit: ich will nie wieder anders arbeiten! Ich möchte gar keinem sagen müssen, was sie zu tun haben. Das sind alles erwachsene Leute. Im Privatleben schreibt den Mitarbeiter:innen auch keiner vor, wie sie was zu tun haben. Und die Mitarbeiter:innen bekommen es hin!

Wenn ich Empfehlungen aussprechen soll, dann diese:

  • Klare Entscheidung & Commitment der Geschäftsführung
  • Unterstützung von Außen einholen, sonst dreht man sich im Kreis
  • Nötiges Know-how aufbauen, damit Mitarbeiter:innen schnell selbst wirksam werden können
  • Klare Rollen und Zuständigkeiten klären
  • Freigabe von oben: So tun, als ob das Ziel schon erreicht wäre. Jeden Tag!
  • Gnadenlos ausmisten: Prozesse, Regeln, die nicht hilfreich oder nötig sind
  • Klare Strukturen zur Konfliktklärung aufbauen
  • Prinzipien statt Regeln als Leitplanken gemeinsam entwickeln

Indem man diese Empfehlungen beherzigt und aktiv an der Umsetzung arbeitet, kann der Übergang zu einer hierarchiefreien Organisation erfolgreich gestaltet werden. Dabei ist es wichtig, stets offen für Veränderungen zu sein und das gemeinsame Ziel im Auge zu behalten.

Fazit

Der Wandel hin zu einer hierarchiefreien Organisation erfordert klare Entscheidungen, Commitment der Geschäftsführung, externe Unterstützung und den Aufbau von Know-how. Ebenso wichtig sind klare Rollen, Zuständigkeiten, Strukturen zur Konfliktklärung und Prinzipien statt Regeln als Leitplanken. In einer solchen Organisation sind sowohl Führungskräfte als auch Mitarbeiter:innen gefordert, die Art ihrer Kommunikation zu prüfen, Verantwortung zu übernehmen und aktiv an der Lösung von Konflikten zu arbeiten. Durch das stetige Streben nach Verbesserung kann der Übergang zu einer hierarchiefreien Organisation erfolgreich realisiert werden, was sowohl für Führungskräfte als auch Mitarbeiter:innen zu einer erfüllenderen Arbeitsumgebung führt.

Interesse geweckt?

Stellen Sie Ihre Fragen an Cornelia Adolf in unserer Agilen Mittagspause! 

In einem interaktiven Format hast Du Gelegenheit, Impulse und Erfolgsfaktoren für deinen Arbeitsalltag mitzunehmen und dich aktiv einzubringen.

Über die Interviewpartner 

Conny Adolf, Geschäftsführerin des Familienanlaufs e.V. , 

Das Interview wurde erstmals am 17.02.2023 auf dem Teamworkblog veröffentlicht. Hier finden sie den Link.

Autor: Maria Kühn

Die systemische Agilistin Maria Kühn wird von ihren Kollegen gern als energiegeladene Piratin und Katalysator bezeichnet. Mit menschlich zugewandter Authentizität, Pragmatismus und Leidenschaft wirkt sie raum-und rahmengebend daran, bestehende Resilienzen und Potentiale zu entfalten, nachhaltig zu fördern und so die Selbstbefähigung von Menschen und Teams in Organisationen zu steigern. Nach 22 Jahren Berufserfahrung ist sie spezialisiert auf - die Begleitung von kleinen und großen Veränderungsprozessen in Organisationen und Projekten in komplexen Veränderungsprozessen - Visual Facilitation und Trainings agiler Methoden und Scrum-Framework - Co-Creator für Seminarkonzepte, Workshops, modulare Individualworkshops, Trainings, interaktive Impulsvorträge - Führungsklausuren und Führungskräftetrainings und Teamentwicklung in komplexen Strategie- und Entscheidungsverfahren - Partizipative Online-Formate

2 Kommentare zu „Mitarbeiter in hierarchiefreien Organisationen: Verantwortung übernehmen und eigene Entscheidungen treffen“

  1. Hallo Maria,

    den folgenden Text habe ich gestern unserer Oberbürgermeisterin als eMail zukommen lassen – mein Feedback auf den letzten Besuch in der Stadtverwaltung.

    Lieben Frühlingsgruß 🌷
    von Nirmalo

    ……………………………………………………………………………….

    Betr.: Wertschätzung

    Liebe Frau (…),

    gestern hatte ich Gelegenheit wegen dreier Angelegenheiten die Verwaltung aufzusuchen und war ziemlich überrascht.

    Mit sechs Ihrer Mitarbeitenden hatte ich direkten Kontakt, einige andere konnte ich während des Wartens indirekt in ihrem Umgang mit anderen Kunden erleben.

    Es fühlte sich einfach gut und wohlwollend an, wie man von Seiten der Ämter mir und den anderen Bürgern begegnete: Außergewöhnlich respektvoll!

    So soll es selbstverständlich und Standard sein – in allen Behörden.
    Der Staat und seine Organe, sich als Diener der Bürger verstehend.

    Da ich annehme, daß Sie als Leiterin der hiesigen Stadtverwaltung Urheberin dieser freundlichen Philosophie sind, gilt zunächst Ihnen mein herzlicher Dank und meine lobende Anerkennung!

    Als ein Bürger unter vielen sage ich stellvertretend für die vielen anderen Bürgerinnen und Bürger, denen Sie und Ihre Mitarbeitenden – wie ich gestern sehen konnte – genau so liebenswürdig begegnen:

    DANKESCHÖN ! 🌼

    Mit freundlichen Grüßen
    Nirmalo J.Schröder

    Gemeinwohl

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