Was ist Agilität? – Zum x-ten Mal gestellt, zum x-ten Mal keine Antwort

Immer wieder die Frage – von Lesern, Konferenzbesuchern, innerhalb des FAV: Was ist Agilität? Unsere Webseite „Agilität in der Verwaltung – eine einführende Übersicht“ wurde schon über 4.500-mal aufgerufen.

Aber eine schlüssige Definition, gar eine endgültige Antwort – wie soll es die geben? Gerade Agilität beruht auf der Erfahrung, dass nichts endgültig und fest ist. Wie sollte also Agilität ein starres Rahmenwerk sein, wenn sie selbst die Bewegung in einer bewegten Umwelt sein will? Wir müssen immer wieder die Anstrengung machen, mir neu über den Sinn von agilen Herangehensweisen zu verständigen.

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Community of Practice – informative Vernetzung mit der Weisheit der Vielen

Ein Beitrag mit Alexander Null aus Kassel.

Im Zusammenhang mit Agilität und agilen Organisationen taucht der Begriff der Community of Practice auf. In unserem Beitrag wollen wir zeigen, was CoPs sind, was zu einem gelingenden Austausch beiträgt und welche Erfahrungen wir in einer Community of Practice machen, in der wir seit 2020 Mitglied sind.

Bild: EME auf pixabay

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Sechs Jahre FAV: Eine Bilanz aus verschiedenen persönlichen Sichten

Am 11. Februar 2016 wurde in Karlsruhe das Forum Agile Verwaltung gegründet. Auf Initiative von Wolf haben einige Agilist:innen ihre persönlichen Gedanken zu diesen ersten Jahren zusammengestellt. In chronologischer Reihenfolge waren das: Wolf, Jan, Heinz&Otto, Alex, Heike.

INhalt

Zweck dieses Papiers
„Agilität wird eine emanzipatorische Welle“
Und wo stehen wir nun?
Ist Agilität damit überholt?
Pseudo-agile Antworten
Was unterscheidet uns von den Vertretern des Agil-Sprechs?
Thema Digitalisierung
Thema Föderalismus
Thema Kulturwandel
Thema Modernes Dienstrecht
Thema Vordringen des Faschismus
Ethisch orientierte Agilität aus der Minderheitsposition vertreten
Realistischer Utopismus
Möglichkeiten praktischen Handelns
Beispiele agilen Verwaltungshandelns
Funda-mental-Kritik des Neuen Steuerungsmodells
Abgrenzung von Moden, Auseinandersetzung mit Basisfragen von Organisation und Führung

Zweck dieses Papiers

Wolf: Ich möchte mir ein paar Gedanken machen, wo wir gut sechs Jahre nach Gründung des FAV stehen, welche Herausforderungen ich sehe und wie ich mich ihnen stellen möchte. Und ich würde diese Gedanken gerne mit einigen Kollegen und Freunden teilen, von denen ich mir Feedback wünsche und von denen ich annehme, dass wir vielleicht sogar zu gemeinsamen Einschätzungen kommen könnten.

Heinz&Otto: Ich komme dir einfach mal schräg daher.

„Agilität wird eine emanzipatorische Welle“

Wolf: Als wir den FAV gegründet haben, am 11. Februar 2016, habe ich ihn mir als Welle vorgestellt. Eine Welle, die alle, die wir mit unserem Thema erreichen, mitreißt, in Begeisterung und Bewegung versetzt, zum Surfen auf dieser Welle einlädt. So wie ich mich gefühlt hatte, als ich das erste Mal mit der agilen Welt in Berührung kam: hin- und mitgerissen von einer emanzipativen Kraft.

Heinz&Otto: Moi aussi … weiß noch, wie ich von der ersten Veranstaltung in Stuttgart heimkam und eduScrum erfunden habe, bevor ich merkte, dass es eduScrum schon gab.

Alex: Emanzipativ finde ich sehr treffend! Für mich persönlich ist es auch eine Renaissance uralter Werte sozialer Systeme, nach langen Jahren der Entfremdung durch die moderne Industrialisierung und Arbeitsteilung. Es gibt megaagile Beispiele von 1580 oder Systeme um die 1000er Wende.

Wolf: Für mich hatte Agilität vor allem zwei zukunftsweisende Ideen: das kreative, gleichberechtigte, emanzipative Team – also Abschied vom auf die Spitze getriebenen Individualismus in der Arbeit – und sein Recht auf Selbstorganisation – also Abschied von alten Hierarchien mit ihrer Konzentration aller Entscheidungsmacht an der Spitze einer Pyramide und damit das Freisetzen eines wesentlich größeren Potentials eines sozialen Systems durch Mehrhirndenken. Das, so war meine (teils unbewusste) Vorstellung, müsse allen so gehen, denen wir die frohe Botschaft bringen würden.

Heinz&Otto: Weil es mir ja in der kleinen Schule in meiner starren großen Schule so ging, wie ich agil verstand, habe ich schnell eine Denkheimat gefunden, obwohl ja Verwaltungsvorgänge meilenweit weg sind von meiner eigenen Lebenswelt.

Und wo stehen wir nun?

Wolf: Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Am Anfang ging es tatsächlich steil nach oben mit Bekanntheitsgrad, Zuspruch, Vernetzung. Und das trug auch unser Team. Aber sind diese Zeiten vorbei?     

Heinz&Otto: Anfangszeiten sind natürlich irgendwann keine Anfangszeiten mehr. Ich hatte dieses Gefühl in der kleinen Schule damals öfters. Dem Neuen wohnt der Zauber inne, heißt es doch. Und ja, das ist eben so. Aber ist das schlimm? Man erfindet neu, zieht weiter, weiß, dass man vielen Menschen viel gebracht hat und dabei sich selbst ebenso. Und das ist gut, aber jetzt ist auch gut. Ist Erfolg nur das, was lange währt? Ich finde, Erfolg ist reine Definitionssache. Ein Verein ist eben ein Verein. Ich war heute bei der Mitgliederversammlung des Startups der H0chschule für agile Bildung (HfaB) … auch ein Verein … und dachte: Nö, nicht meine Welt, dieses Formale .. und habe viel gezeichnet. Meinen eigenen Erfolg definiere ich über die kleinen Erfolge, die mir rückgemeldet werden … den Erfolg der HfaB schaue ich mir von außen an und unterstütze gerne. Aber ich bin ja auch schon 70 und darf vieles, worauf du noch warten musst.

Wolf: Der FAV ist nicht mehr vorrangiger oder gar einziger Ansprechpartner, wenn es um „Agilität in der Öffentlichen Verwaltung“ geht. Die Zugriffszahlen auf unsere Website nehmen ab. Die Zahl der Follower stagniert. Die Anmeldungen für unsere Frühjahrskonferenz 2022 sind extrem schleppend. Die Gründe und Einflussfaktoren sind nicht ganz klar, aber ich interpretiere sie als eine Degression.

Heike: Ist das nicht eher auch ein gutes Zeichen, dass wir nicht mehr vorrangiger Ansprechpartner sind? Das zeigt doch, dass es viele erfasst hat … Ich finde du bist sehr streng im Urteil an der Stelle und für mich mischen sich hier Betrachtungen

  • Hoffnung, dass sich agiles Mindset und Tun in der Verwaltung durchsetzt
  • Rolle/ Beitrag unseres Vereins
  • die ganz persönliche Wolf- Ebene

Heinz&Otto: Das Thema ist ja auch inzwischen kein neues Thema mehr und viele meinen, sie hätten ihre Position zu Agilität, Verwaltung und Machbarkeit gefunden.

Wolf: Zwar ist das Thema „Agilität“ scheinbar auch in der Öffentlichen Verwaltung angekommen. In einigen wenigen Verwaltungen gab es auch tiefgehende Transformationen (wie z.B. beim Bauhof Herrenberg). Aber in einer weit größeren Zahl von Organisationen dürfte das eingetreten sein, was Peter Bauer „Die agilen Schmetterlinge sind fort“ genannt hat: in vielen Verwaltungen erprobten Mitarbeiter:innen neue Arbeitsformen, vor allem in Projekten außerhalb der Linienwelt. Aber nach ersten hoffnungsvollen Schritten gerieten viele dieser Initiativen ins Stocken und versandeten schließlich: die Vertreter:innen der alten Kultur hatten schnell die Gefahr gespürt, die Agilität für sie bedeutete, und sich beeilt, das Neue zu ersticken.

Alexander: Das steht im krassen Gegensatz zur Entwicklung in der der freien Wirtschaft, wo die Qualitätssteigerungen von Produkten oder Zusammenarbeit längst klar sind, auch wenn sie vielleicht nicht mehr “agil” genannt werden.

Heinz&Otto: Da bin ich anderer Meinung. Es sieht zwar so aus, als wäre es ein Prozess, bei dem Leute der alten Kultur aktiv in Abwehr gegangen wären … aber ich denke, das Neue ist eben nur am Anfang auch so stark gewesen, weil die neuen Arbeitsformen zuerst prickelnd waren, dann normal und später eher lästig. Die alte Kultur ist für einen selbst eben dann doch die entspanntere … AUSSER IM PROZESS HAT SICH DIE HALTUNG WIRKLICH VERÄNDERT.

Heike: ich bin mir nicht sicher, ob ich das so resümieren würde, dass viele Initiativen ins Stocken geraten sind. Siehe z.B. die Stadt Heidelberg oder die Unis Rostock und Bielefeld. Kann es nicht auch sein, dass das, was anfangs noch etwas Besonderes war, teilweise schon als selbstverständlich Einzug gehalten hat? Nicht in Größenordnungen, aber…

Wolf: Zeitgleich kamen die Usurpatoren. Auf einmal schossen Angebote traditionell konservativer Bildungsinstitutionen wie Landesakademien oder auch der KGSt („Wir begleiten Kommunen auf dem Weg zu einer agilen und nutzendenzentrierten Verwaltung“) aus dem Boden, die schnelle Anwendbarkeit von Methoden versprechen, aber vom emanzipatorischen Inhalt abstrahieren. Hier wird vor allem ein oberflächlicher Agil-Sprech geboten, der sich nur graduell vom Schaudern-machenden Business-Denglisch unterscheidet.

Heinz&Otto: Du sagst es … Methoden versprechen scheinbaren Erfolg … am Ende verlaufen Aufbruchsstimmungen aber wieder im Sande oder werden vom Alltag verwässert.

Ist Agilität damit überholt?

Trotz dieser abflauenden Nachfrage nach „Agilität im eigentlichen Sinne“ glaube ich nicht, dass Agilität überholt ist. Agile Herangehensweisen sind relativ gut geeignet, mit komplexen bis chaotischen Situationen umzugehen. Verschiedene Varianten agiler Methoden können einigermaßen befriedigend an unterschiedliche Arten und Grade von Unsicherheit angepasst werden. Gemeinsame Nenner sind iterative und inkrementelle Arbeitsweisen mit ständigen Feedbackschleifen aus unterschiedlichen Sichten und Expertisen und eher dialogische Lösungsfindung statt hierarchischer Entscheidungsmacht von Einzelnen.    

Heinz&Otto: Immer mit der richtigen Haltung gekoppelt.

Alexander: Was oft weder bekannt noch bewusst ist: Zur Entlastung beider Seiten, also von Teams und Hierarchie. Für den einzelnen Kopf an der Spitze ist die alleinige Entscheidungsfindung unglaublich belastend und die Organisation ist dann exakt so intelligent wie dieser eine Kopf, im Vergleich zum Nutzen des gesamten Potentials eines Kollektives durch Mehrhirndenken.

Wolf: Die Existenzthemen, vor denen die Menschheit heute steht, heißen Krieg, Klimawandel und Pandemie. Die Reihenfolge ist Geschmackssache, und vielleicht sind es morgen schon mehr. Zu diesen „äußeren“ Herausforderungen kommt eine aus dem tiefsten Inneren der Gesellschaft: die neue weltweite faschistische Strömung.

Die entscheidende Frage, um die Effizienz des Staates im Umgang mit diesen Herausforderungen zu beurteilen, lautet: Werden diese Herausforderungen im Wesentlichen im jetzigen Handlungsmodus gut adressiert und ein „Weiter-so-mit-etwas-Engagement“ reicht aus – oder kann man fast von einem „Staats- und Verwaltungsversagen“ sprechen (Normenkontrollrat 2015), das eine tiefgreifende Staatsreform dringend verlangt? Um es ein bisschen zu quantifizieren: müssen wir unsere Handlungsintensität um 50% oder um 300% steigern, um mal bei irgendeinem dieser Probleme „vor die Welle“ zu gelangen?

Heinz&Otto: Um 5%, wenn man gleichzeitig die Haltungskomponente um 300% steigern könnte. Wie das geht, weiß ich allerdings nicht. Irgendwie steht da der Mensch an sich schräg im Weg rum.

Pseudo-agile Antworten

Wolf: Die Antworten der „verwaltungswissenschaftlichen Elite“ (Alessandro Pellizzari) gehen eindeutig in die erstere Richtung. Nur zur Illustration ein typisches Beispiel, nämlich ein Kommentar, den Daniel Dettling, Leiter des „Institut für Zukunftspolitik“, Mitte März in der FR loslassen durfte („Für einen innovativen und effizienten Staat“):

  • „Die Digitalisierung ist die drängendste Herausforderung.“
  • „Eine Staatsreform muss beim Bund beginnen. Die ministerielle Verwaltung gleicht oft einem Silo…“
  • „In einer beschleunigten und komplexeren Welt geht es um agile und flexible Strukturen. Herausforderungen wie die Digitalisierung werden nur mit einem Kulturwandel in Staat und Verwaltung bewältigt werden.“
  • „Ein zuverlässiger und exzellenter Staat braucht ein modernes Dienstrecht mit modernen Dienstbezeichnungen, einer stärkeren Leistungsorientierung, mehr Durchlässigkeit und besseren Aufstiegschancen.“

Heinz&Otto: Sehr plakativ und oberflächlich. Ja klar geht es in dieser komplexen Welt um agile Strukturen. Haha. Und jetzt? Hört sich an, als wären die Probleme eben mit einer flexibleren Organisationsmöglichkeit zu bewältigen. Was meint er mit Kulturwandel? Steckt da bei ihm der wesentliche Teil von Agilität? Oder meint er mit Kulturwandel nur organisatorischer Wandel im Umgang mit dem Wandel der Welt. „Agilität ist in erster Linie eine Sache der Haltung.“ Dieser Satz von Tom war mein erster Input in Stuttgart, der mich damals überzeugt hatte, dass ich da richtig bin.

Was unterscheidet uns von den Vertretern des Agil-Sprechs?

Wolf: Mein Vorschlag ist, dass wir die Minderheitsposition, in der wir uns befinden, annehmen. Organisatorisches Wachstum ist zur Zeit weitgehend nebensächlich. Was uns fehlt, ist eine klare, auch unseren Leser:innen und Netzpartnern nachvollziehbare Abgrenzung von den pseudo-agilen Phrasierungen. (Alexander:  und damit das Trennen der Basisfragen von Organisation und Führung von den aktuellen Moden.)

Heinz&Otto: Witzig, das ist auch für mich der entscheidende Punkt für die HfaB (Hochschule für Agile Bildung, Zürich). Jetzt kommt ja ein erstes wissenschaftliches „Werk“ von „uns“ beim Beltz-Verlag heraus. „Entwicklungsorientierte Bildung – ein Paradigmenwechsel.“ Ich habe es schon gelesen. Au Backe. Sehr theoretisch fundiert, sehr weit weg vom Alltag.  Nur wenn man selbst drin ist in der Materie, kann man auf die eigene Praxis beziehen. Also eher eine wissenschaftliche Werbung für eine agile Hochschule … erreicht aber noch nicht die Praktiker:innen. Der zweite Band soll jetzt aber konkrete Praxisbeispiele in den Fokus nehmen. Unsere Leser:innen und Netzpartner sollten wissen, dass unsere Position nicht abgehoben von der Praxis ist, sondern umsetzbar … im Kleinen und Mittelgroßen – mit allen Problemchen, die die Alltagspraxis mit sich bringt.

Thema Digitalisierung

Wolf: Ich versuche, das mal am obigen Beispiel von Daniel Dettling durchzudeklinieren. Er verwendet Digitalisierung als einen Wortcontainer, allumfassend und nirgends fassbar, völlig losgelöst von jedem Sinn. Wie würden wir das formulieren?

  • Wenn wir den Herausforderungen des anstehenden superschnellen Umbaus unserer Wirtschaft gewachsen sein wollen, brauchen wir ein bundesweites schnelles Internet mit 100%iger Abdeckung. Eine Politik, die auf Kosten dieser Abdeckung die Lizenzen der Netzbetreiber zu Höchstpreisen verhökert, um den Bundeshaushalt zu sanieren – aber auf die Netzabdeckung verzichtet, ist ideologisch bestimmt und kurzsichtig. Strategischer Infrastrukturausbau ist eine genuin staatliche Aufgabe. Diese Aufgabe nicht anzupacken aus Rücksicht auf eine jeder sachlichen Begründung bare, als Glaubensartikel verkündete „Schuldenbremse“ ist ein Vergehen an der Zukunft der jungen Generationen.
  • Wir werden den Aufgaben der Verwaltung nicht gerecht werden können, wenn wir in ihrem Innern am Prinzip der Einzelsachbearbeitung ohne Unterschriftsbefugnis festhalten. Schnelle Entscheidungen bedeuten: dezentrale Entscheidungsmacht und subsidiäre Führung. Dafür ist die Volldigitalisierung der Verwaltung eine unverzichtbare Grundlage. Digitale Arbeitsweisen unterstützen Teamarbeit und sie erlauben es, betroffene Bürger, Unternehmen und die Zivilgesellschaft aktiv in Entscheidungsprozesse einzubinden. Nur so werden wir schnell und haben eine Chance, mit den schwindelerregenden Änderungen der Welt Schritt zu halten.

Heinz&Otto: Ich sage es mal aus dem Bildungsbereich: Funktionierende Digitalisierung muss aus der Praxis einer Schule wachsen. Es müssen Gelder vorhanden sein, mit denen man die Ansprüche der Schule umsetzen kann .. und klar benötigt es auch kluge digitale Vernetzung mit den Behörden … und damit digitale und technische Unterstützung und Betreuung. Aber wie sagt man so schön: „Wenn man schlechten Unterricht digitalisiert, wird es zu schlechtem digitalen Unterricht.“ In der Praxis mit Aktivboards vor 10 Jahren und Kolleg:innen, die sich schwer damit taten, wurde der digitalisierte Unterricht sogar schlechter. Digitalisierung an Schulen muss einen pädagogisch-didaktischen Gesamtbackground haben und es bringt nur dann Mehrwert, wenn sich Lehrpersonen als Team begreifen und wirklich zusammenarbeiten wollen. Und sich dann solchen Plattformen wie Scobees bedienen und sie nutzen. Dann wird digitalisierte Bildung zu besserer Bildung. Ich vermute, dass es in Verwaltungen ähnlich zu sehen ist.

Thema Föderalismus

Dettling knüpft an die weit verbreitete anti-föderale Stimmung als angeblich ineffizient an, wenn er eine „Staatsreform“ zu erst beim Bund ansiedelt.

  • Warum beim Bund? Warum nicht gerade, eines Subsidiaritätskonzeptes würdig, bei den Kommunen – um deren Selbstverwaltung und Selbstfinanzierung (!) zu stärken? Wenn es irgendwo Lösungskompetenzen gab in den letzten Jahren, dann doch hier und dort auf dieser Ebene.
  • Damit die Kommunen schneller und effizienter auf Herausforderungen reagieren können, brauchen sie finanzielle Unabhängigkeit von Bund und Ländern. Nur dann können sie wirklich agil handeln. Wenn eine Staatsreform ihren Namen verdienen soll, brauchen auch deutsche Kommunen – analog zur Schweiz – ein eigenes Steuerheberecht.

Heinz&Otto: Digitalisierung muss alle Ebenen durchsetzen … Zusammenarbeit ist natürlich viel leichter in einzelnen Kommunen, die fortschrittlich denkende Verwaltungschefs haben. Dort sehe ich die für jeden erlebbare Praxis angesiedelt … ich sehe aber auch, dass es Hand in Hand mit den übergeordneten Behörden ablaufen sollte. Ich schalte mal auf Schulmeister: Die Grundeinheit liegt im Schulbereich, dort steckt die eigentliche Kraft, dort kann z.B. Digitalisierung Wirkung zeigen. Es muss ein Pull-Prinzip von Schulen aus bestehen. Kein Push-Prinzip von der Behörde aus. Motto:“ Wir stellen euch mal die Technik hin, dann seid ihr digitalisiert.“  Schulen und Behörde entspricht Kommune und Bund.

Thema Kulturwandel

Wolf: Dettling stellt eine Forderung auf, lässt sie aber völlig inhaltsleer. Was heißt „Kulturwandel“? Welche Kultur soll von wo nach wo gewandelt werden?

Wenn ich versuche, den Begriff anhand der Vorschläge von Philipp Hübl zu konkretisieren, dann komme ich in etwa auf folgende Aussagen:

  • Durch das Neue Steuerungsmodell ab Mitte der 1980er Jahre wurde das paternalistisch-obrigkeitliche Verhältnis Staat ↔ Bürger ersetzt durch das Konstrukt Staat ↔ Kunden. Das erscheint zwar weniger „autoritär“ und eher auf Augenhöhe. Aber die neue Sichtweise hatte auch Nebenwirkungen: immer kommt der Kunde zum Lieferanten – nie umgekehrt. Die Antragsphilosophie wurde zum herrschenden Paradigma. Das schlagendste Beispiel war jetzt in Coronazeiten eine Organisation des Impfwesens, bei der die aufsuchende Impfung den Verantwortlichen nicht einmal in den Sinn kam. Die neoliberale NSM-Ideologie von der „Eigenverantwortung des Kunden“ als alleingültiges Prinzip ist den Verwaltungsleitungen schon in Fleisch und Blut übergegangen.
  • Wir sind demgegenüber der Meinung, dass es nach wie vor – neben dem Prinzip der Eigenverantwortung – auch eine Fürsorgeverpflichtung des Staates gegenüber seinen Bürgern und Einwohnern gibt. Das hat nicht nur etwas mit dem Grundprinzip der gesellschaftlichen Solidarität zu tun, das der Staat im Auftrag der Gesellschaft seit der französischen Revolution zu befördern verpflichtet ist („fraternité“). Sondern es entspringt auch dem Eigeninteresse der demokratischen Verfasstheit, die das immer weitere Abdriften namhafter Teile der Bevölkerung in staatsferne Milieus unbedingt stoppen und umkehren muss. Bei Strafe unseres Untergangs – da können wir gar nicht schwarz genug sehen!

Heinz&Otto: Ich erzähle das mal wieder aus der Sicht des alten Schulmeisters. Ist ja immerhin so eine eigene kleine Lebenswelt, ein eigener Kosmos. Wenn man Agilität und Bildung nur versteht mit Augenhöhe plus Eigenverantwortlichkeit der Kunden (also der Schüler:innen), dann hängen die „Schwachen“ ab (warum auch immer sie im schulischen Kontext „schwach“ sind). Neben möglichst viel Eigenverantwortung muss auch genau dann betüttelt werden, wenn es notwendig ist. Und das ist natürlich oft notwendig. Auch wenn die Kunden nicht mehr Schüler:innen heißen, sondern Bürger:innen.

Thema Modernes Dienstrecht

Wolf: Das ist auch so ein Erbe des neoliberalen NSM-Geistes. Dettling vertritt individuelle „Leistungsorientierung“ statt Teamarbeit, Förderung von Karrieregeilheit – also von allseitiger Konkurrenz der Mitarbeiter:innen gegeneinander statt von solidarischer Zusammenarbeit.

Ich gehe eher von folgenden Positionen aus:

  • Ein modernes Dienstrecht, das dieses Namens würdig ist, verzichtet auf alle individuellen „Anreizsysteme“. Alle Vorstellungen, durch „Leistung“ hebe sich der engagierte Einzelne aus der Masse der Mittelmäßigen heraus und dies verdiene LoB und Anerkennung, blockieren die Produktivität der Verwaltung. Motivation entsteht durch Sinn. Wir fördern alles, was den Mitarbeiter:innen im Public Service Energie zuführt, um ihre sinnvolle Arbeit im Dienst der Gesellschaft zu leisten. Wir trennen uns von allen Vorstellungen und Regeln, die anstelle der sinnvollen Arbeit im Team das egoistische Eigeninteresse stimulieren und produktive Energie an Nullsummenspiele der Konkurrenz verschwenden.

Heinz&Otto: Es gab einmal an Schulen die Idee, leistungsgerechter zu bezahlen. Hat sich aber am Ende zerschlagen … gut so. Weil es ja Lehrpersonen gibt, die viel mehr tun als andere. Aber schon dies in Zahlen zu packen, bringt viele Schwierigkeiten mit sich. Motivierte Mitarbeiter:innen sind normalerweise viel belastbarer und empfinden die Mehrarbeit anders als dauerstöhnende Lehrpersonen. GEW-Untersuchungen vor 20 Jahren haben gezeigt, dass sich Lehrer:innen durch Aktivität ihre eigene Gesundheit erhalten, weil aktiv sein gesund hält. Weil zufriedener. Sinnvolle Arbeit bringt Zufriedenheit. Wer im Team auf Leistungsorientierung des Einzelnen setzt, kann den Teamspirit nicht halten. Wenn es das Team ist, das auf Leistung angesetzt wird, ist das etwas anderes. Wäre Schule als gesamte Schule einem Markt ausgesetzt, dann wäre das ein großer Vorteil.

Thema Vordringen des Faschismus

Wolf: Wovon Dettling nicht spricht und auch sonst niemand der Offizial-Agilisten: Wir haben es – ähnlich zu den 1920er Jahren und doch ganz anders – mit einem Vordringen faschistischer Werte, faschistischer Weltdeutungen und faschistischer Machtstrukturen zu tun. Und zwar spreche ich nicht nur von den AfD-Wählern, die einige faschistische Narrative adoptieren, auch nicht von Rechtskonservativen, die sich aus dem Anbiedern an die faschistische Strömung Vorteile versprechen – sondern von den ganz eingefleischten Kadern, die die Demokratie bewusst zerstören wollen, die die Macht ergreifen wollen und dazu klandestine Strukturen und Terrorzellen aufbauen. Also diejenigen, die sich mit nichts weniger abgeben als der Vernichtung der bestehenden Gesellschaft und eines großen Teils der Menschen.

Dieser Herausforderung muss sich die Verwaltung als Teil ihres gesellschaftlichen Auftrags stellen, nämlich für Stabilität und Sicherheit zu sorgen. Und wenn es nicht gelingt, den Vormarsch des Faschismus anzuhalten, wird uns auch sonst nichts gelingen. Faschismus stellt aber auch eine innere Gefahr da: immerhin sind es bestimmte Teile der Exekutive – Armee, Polizei, Geheimdienste – in denen die ersten bewaffneten Zellen, zum Äußersten entschlossen, aufkeimen.      

Alexander: Erschwerend hinzu kommt die Ultra-Individualisierung durch Cancel Culture, die eigentlich eine Erfindung von Diktaturen war und heute im stärker in Demokratien verschärft wird. Der agile Ansatz wäre eine gesunde Ambiguität, die Auseinandersetzung mit “dem Anderen” statt der Verbannung. Natürlich ist die Auseinandersetzung mit den verstörenden Tweets eines faschistoiden Präsidenten eines demokratischen Staatenbundes anstrengend, aber sie wäre absolut notwendig, um Demokratie zu stützen, das heißt Meinung nicht einfach zu verbieten, und Licht in Biotope zu lassen, in denen ansonsten abgekoppelt von jedem Feedback die Probleme von morgen heranwachsen.

Ethisch orientierte Agilität aus der Minderheitsposition vertreten

Realistischer Utopismus

Sollen wir auf den Begriff der Agilität verzichten? Sollen wir ihn den Usurpatoren überlassen und sozusagen „jenseits der Buzzwords“ einfach nur noch inhaltlich argumentieren?

Ich schwanke. Aber ich tendiere eher dazu, den Begriff zu verteidigen und gegen neoliberale Umdeutungen zu verteidigen. (Alexander: Oder ihn in einem neuen Rahmen zu denken, auf die Basisfragen der Soziologie, Psychologie etc., also die Basisfragen von Organisation und Führung.)

Sicher, die Geschichte agiler Vorgehensweisen hat auch viele Anbiederungsversuche an die Mächtigen in Politik und Wirtschaft gezeitigt. Wenn ich die Betonung auf die (unbestreitbare) Effizienz der agilen Vorgehensweisen lege („in der Hälfte der Zeit das Doppelte leisten“, Jeff Sutherland) und nicht auf ihre emanzipatorischen Fundamente (die doch die einzigen Garanten jener Effizienz sind), wecke ich falsche Vorstellungen bei Verantwortlichen, die sich ein schnelleres Arbeiten ihrer Untergebenen wohl wünschen, sie aber in der Position der Untergebenheit belassen wollen.

Aber dem brauchen wir ja nicht nachzugeben. Eher im Gegenteil. Wir müssen uns der mühevollen Arbeit der immer weiteren und tieferen Grundlegung unterziehen; wenn wir für uns selbst immer klarer werden wollen, was Agilität eigentlich „wirklich“ bedeuten soll. Und damit machen wir auch für Andere immer nachvollziehbarer, warum Effektivität und Effizienz bei der Bewältigung der aktuellen Herausforderungen nur mit mehr Agilität zu erreichen sind. Immerhin bedrohen diese Herausforderungen zum ersten Mal seit über 100.000 Jahren den Fortbestand der Menschheit. Und eine Chance haben wir nur, wenn wir agile Transformationen als Bestandteil einer neuen Aufklärung betreiben, die tatsächlich auch die Verwaltung erreicht.

Heinz&Otto: Ich selbst habe ja schon den Rückzug vom Namen angetreten … das „Forum agil lernen und lehren“ nenne ich ja inzwischen einfach „Forum kollaborative Improvisation“. Aber das ist eher mein persönliches Ding. Zusammenarbeiten und gemeinsam professionell improvisieren … das ist wie bei einem starken Jazz-Stück. Das geht nur mit Augenhöhe und jeder bringt sein Bestes ein. Damit kann ich gut argumentieren. Bei dem Wort agil gehen an Schulen inzwischen schon häufig die Scheuklappen hoch, weil dort der Begriff verbrannt ist. Jede:r Lehrer:in hat Freunde, die von Agilität im Betrieben z.T. heftige Dinge erzählen, die eigentlich immer mit „mehr Stress, mehr Arbeit, weniger Zeit“ besetzt sind.

An der Hochschule für agile Bildung heißt das „Zauberwort“ inzwischen Entwicklungsorientierte Bildung. Das kommt ganz harmlos daher, ist aber Agilität in unserem besten Sinne. An der Entwicklung des Menschen Schüler orientiert, am Stand seiner Leistung … aber auch orientiert an der Veränderung der Welt. An der schnellen Entwicklung der digitalen Möglichkeiten. Und und und. Nach reiner Wissensorientierung früher und seit den 70er Jahren mit Reformpädagogik & Co die Kompetenzorientierung kommt jetzt die Entwicklungsorientierung dazu … integriert aber Wissensorientierung und Kompetenzorientierung. Ist also kein Gegensatz.

Möglichkeiten praktischen Handelns
Beispiele agilen Verwaltungshandelns

Jan: Ich schlage vor, Beispiele zu finden, bei denen Verwaltungshandeln zu unseren Werten passt. Sie arbeiteten am Ende vielleicht agil, aber der Ausgangspunkt war anders.

Wolf: Das ist das, was die Friday-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer „Possibilismus“ nennt und was eine pragmatisch-utopische Vorgehensweise darstellt: „… wir (sprechen) viel über Imagination, über die Notwendigkeit, Zukunft zu lernen, über Future Literacy. So etwas braucht aber immer auch einen Reality-Check: Was wird denn schon gemacht? Was ist möglich und wie kann es auch schneller gehen?“ /Anmerkung 1/

Fundamental-Kritik des Neuen Steuerungsmodells

Wolf: Das ist zwar eine theoretische Arbeit, aber ich finde, man muss sie trotzdem leisten. Und zwar abwägen, wo das NSM von Beschäftigten als Fortschritt empfunden wurde und wo es zu einem Abbau grundlegender Werte (z.B. der Solidarität, der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung) geführt hat. Also wo wir neu denken müssen, um zu einem ethisch fundierten Handeln zu kommen.

Abgrenzung von Moden, Auseinandersetzung mit Basisfragen von Organisation und Führung

Alex schlägt vor, hinter das zu schauen, was nach der extremen Eintaktung der Gesellschaft in Fließbanddenken seit der Erfindung der Dampfmaschine mit direkter Überleitung in extreme Arbeitsteilung und mechanistischem Denken, hinter den “neu entdeckten” sogenannten agilen Werkzeugen aus systemischer Sicht steckt. Welche Prinzipien von Kommunikation, Berücksichtigung von Kontext und Umwelt, Reaktionen und Feedback, Nutzung von Mehrhirndenken werden hier genutzt, worauf kommt es ganz banal an, wenn man auf die Basisfragen von Organisation und Führung schaut. Zerlegt in diese Bestandteile zeigen sich verschiedene populäre Irrtümer von Agilität aus einer neuen Perspektive, zum Beispiel der Irrtum, dass Hierarchie und Agilität zusammen gedacht werden sollten oder gar müssen.


Anmerkung

/1/ „Die Normalität ist selbst die Krise“. Interview mit Frank Augustin, Eneia Dragomir und Lia Polotzek, agora42, Ausgabe 02/2022, S. 43.


Gesetze ohne Regelungen? Eine Vision für die Verwaltung 2040

Im FAV und darum herum hat sich eine Diskussion entsponnen, wie eine gute Verwaltung in (ferner?) Zukunft aussehen könne. Kann die Kooperation mit dem Bürger bei der Bearbeitung seiner Anliegen zum Normalfall werden, statt weiter vor allem über ihn zu entscheiden? Und ist das überhaupt ein sinnvoller Wunsch?

Ich halte diesen Wunsch für sinnvoll. Oder anders: ich halte ihn für absolut dringend. Wir müssen unsere Entscheidungsprozesse unbedingt beschleunigen und auch ihre Ergebnisse verbessern – sonst können wir die Megaherausforderungen Klimakrise, Pandemie, Flüchtlingsaufnahme getrost vergessen. Solange bei uns nicht das Motto gilt „Digitalisierung zur Unterstützung von grundlegenden Prozessverbesserungen“, sondern „Digitalisierung an Stelle von Änderungen“ werden wir immer den diversen Tsunamis hinterherschwimmen. Und nie vor die Welle kommen.

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Wenn der Bierdeckel die Arbeit erleichtert…  

Von Essenz, Strategie und vom Fokushalten in der Praxis
Ein Beitrag von Veronika Levesque und Christine Gebler

Drei Menschen sitzen in der Gastwirtschaft am Stammtisch «Kein Bier vor Vier» und genießen den Feierabend. Abelia Abteilleit, die einen Bereich in einer Behörde leitet, Lennie Liest, interessierter Verwaltungsmensch und Blogleser des Forums Agile Verwaltung und Beate Berate, die Organisationsberaterin ist. Es herrscht hörbar gute Stimmung.

Abelia Abteilleit
Mensch Lennie, hör mal, ich muss dir was erzählen. Ich hab bei der Arbeit jetzt endlich auch einen Bierdeckel. Richtig toll. Einen selbst entwickelten!

Lennie Liest  
Ja, klar, wir sitzen hier in einer Kneipe!  

Abelia Abteilleit
Nein, so mein‘ ich das nicht – einen Bierdeckel mit unserer Vision und Ausrichtung für unsere Arbeit.  Ja, Du hast richtig gehört. Das Thema Bierdeckel hatten wir schon mal – erinnert ihr Euch?? Da wollte so´n Politiker die Steuererklärung total einfach machen; hat leider nicht geklappt. Aber wir haben´s geschafft. Wir haben eine strategische Ausrichtung entwickelt, die auf einen „Bierdeckel“ passt. 

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Cha-Cha-Cha-Change: Vom stetigen Wandel – als Projekt getarnt

Beginnen wir mit Phantasie: Stellen Sie sich vor, Sie sind eine kleine, unschuldige Maus, die in der Ecke eines großen Konferenzraumes hockt und neugierig die Stuhlreihen voller Menschen sowie die bunte Projektion auf der großen Wand am Kopfende des Raumes neben einem dynamisch gestikulierenden, wichtig aussehenden Redner beäugt. Sie haben zwar als Maus vermutlich keine Ahnung, was da verkündet wird, aber Sie huschen, weil Sie neugierig sind, durch die Stuhlreihen, unter den Füßen der Menschen hindurch, den herrlichen Geruch der Schnittchen im Näschen, die an der Seitenwand auf Tischen bereitstehen. Auf Ihrem Weg, den Sie routiniert unbemerkt zurücklegen, vernehmen Ihre sensiblen Öhrchen viel Getuschel: „Ständig wird hier was Neues angefangen, das macht alles Extraarbeit, aber es wird eh nichts umgesetzt…“, „Wenn die mich mal fragen würden, dann wüssten die, wie man es besser machen kann…“, „Das System muss sich grundsätzlich ändern! Die Politik ist gefordert! Da brauchen WIR doch nicht mit anzufangen, das nützt doch eh nichts!“, „Schon wieder alles umstrukturieren? Wir sind ja mit der letzten Reorganisation noch nicht mal fertig!“, „Ständig sind neue Gesetze, Standards und Anweisungen umzusetzen – man kommt gar nicht mehr hinterher!“. Und wie Sie da so huschen stellen Sie fest, weil Sie eine kluge kleine Maus sind (Neugier ist ja bekanntermaßen ein Zeichen für Intelligenz), dass Sie diese Sätze schon häufiger in diesem Konferenzsaal gehört haben. Sie können also beruhigt Richtung Schnittchen trappeln – für Sie ist die Auftaktveranstaltung zum neuen Change-Projekt keine Bedrohung, sondern eine günstige Gelegenheit, an Leckereien zu kommen.

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Führen auf Distanz und Kollaboration in virtuellen Settings. Das bedeutet KnowHow, Arbeit, Rahmung – und Haltung.

Viele unserer Arbeitsabläufe basieren darauf, dass wir Arbeiten linear oder parallel denken und organisieren.  Denn solange Papierdossiers arbeitsprägend waren, war der Zugang zu Information und Verlauf limitiert. Schon wenn die Bearbeitenden nur in unterschiedlichen Büros tätig waren, musste die Zusammenarbeit entweder nacheinander oder gleichzeitig zusammenkommend passieren. Von unterschiedlichen Abteilungen gar nicht zu reden. Übersicht, Legitimation – oder oft eher Aufsicht und Kontrolle – spielten hier eine zentrale Rolle. Insbesondere wenn mehrere Abteilungen oder Bereiche beteiligt waren, musste das über die Hierarchiestufen geklärt, abgeglichen, erlaubt und organisiert werden. Viele unserer derzeitigen Prozesse und Arbeitsformen fussen instinktiv auf diesen Gesetzmässigkeiten.  

Digital geprägte Arbeitsformen könn(t)en aber einer anderen Logik folgen – und tun es häufig, auch wenn niemand sie absichtlich einführt. Denn digital zu arbeiten, hat nur wenig mit Technik zu tun – aber sehr viel mit Alternativen und variablen oder neuen Vorgehensweisen, die durch technische Errungenschaften möglich und sinnvoll werden:

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Papier „Acht Handlungsfelder für die nächste Bundesregierung“ – ein paar Anmerkungen

Im letzten Oktober hat ein Autorenkollektiv aus Bundesministerien, Bundes- und Landesbehörden, Hochschulen und Beratungseinrichtungen ein Papier mit dem Titel „Eine moderne Verwaltung ist Voraussetzung für Deutschlands Zukunftsfähigkeit und Demokratie. Acht Handlungsfelder für die nächste Bundesregierung“ in die öffentliche Diskussion gegeben. /Anmerkung 1/ Wir möchten gerne zur Verbreitung dieses Papiers beitragen, weil wir eine Diskussion um die Frage „Was bezwecken wir eigentlich mit einer Verwaltungsmodernisierung?“ für extrem wichtig halten. Und da hat das Papier noch einige Lücken.

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Lean und ich und die Verwaltung

Kennen Sie das auch? Man macht einen mehrwöchigen Kurs (Lean auf gut deutsch), man tauscht sich aus mit den anderen Kursteilnehmer:innen, man hört der Referentin (Mari Furukawa-Caspary) zu, man merkt wie die Kursinhalte im Laufe der Wochen langsam immer tiefer „einsickern“ und dann merkt man plötzlich, dass das, was man da lernt und gelernt hat, das ganze Leben betrifft. Plötzlich gibt es überall Assoziationen und bei mir ist es auch so.

## Lean ##

Wir haben am letzten Mittwoch ganz viel gelernt über die 3 M´s, Mura und Muro, und was sie bedeuten:

Mari Furukawa-Caspary : Wie entsteht unnötiger Aufwand: Die drei M’s Muri, Mura, Muda

etwas strapaziert (Muri);

etwas schwankt (Mura);

etwas ist unnötig (Muda).

Wir sprachen darüber, was diese 3 Übel bewirken und warum man unnötigen Aufwand nicht mit sich herumschleppen sollte.

Am nächsten Tag sehe ich, dass bei mir keine Ordnung herrscht. Die 5 S von Toyota, über die wir eine Woche vorher gesprochen haben, und diese 3 M im Alltag konsequent umzusetzen, ist neben dem normalen Familienleben, der Arbeit und den ehrenamtlichen Projekten kaum zu schaffen. Außer man nimmt sich bewusst Zeit dafür, räumt auf, schafft Ordnung, sortiert, trennt sich von Unnötigem und schafft so Ordnung und Raum für anderes, vor allem Zeit, um sich intensiver mit wichtigen, wertvollen Dingen zu beschäftigen, und dies in Ruhe, oder um kreativ zu sein. So würde man dann unnötigen Aufwand vermeiden, mehr schaffen und hätte ein gutes Auskommen mit den Rahmenbedingungen und Anforderungen des Lebens.

## Lean und ich ##

Und so geht es mir gerade:

Ich sehe, die Küche ist unaufgeräumt, mein Schreibtisch verlangt nach Aufmerksamkeit, das Zimmer meiner Tochter sieht genauso aus, wie mein Schreibtisch und die Küche. Ich habe mir vorgenommen – und dieser Entschluss reift immer mehr – dass ich dies in den Griff bekommen möchte.

Ich habe noch etwas weiter philosophiert. Ich bin (geborener) Berliner, vielleicht besitze ich die „typische Berliner DNA“ . Bei einigen Nachbarn ist es nicht so, die haben ganz aufgeräumte Wohnungen, ich komme rein und denke: WOW, was für eine Ordnung, welche Klarheit. Vielleicht sehe ich aber deren ungeordnete Ecken nur nicht, wo „das Zeugs“ liegt, das für sie unnötigen Aufwand macht. Dieses Zeugs, das verhindert, die Dinge zu machen, die man eigentlich tun könnte.

So habe ich mir vorgenommen, für die nächsten Wochen ruhig Ordnung zu schaffen. Genau zu sortieren und zu ordnen – die ersten zwei S (der 5 S von Toyota).

Mari Furukawa-Caspary : 5S als Einführungstool

Nur nicht zu viel auf einmal, das schaffe ich nicht, aber gründlich Ordnung schaffen möchte ich schon: vielleicht auf meinem Arbeitsplatz, dachte ich, doch es fängt noch tiefer an – im Haushalt. Und wenn ich das geschafft haben sollte, so hoffe ich, dass dann auch die Ordnung im Kopf noch mehr wird und ich dann mehr, einfacher, strukturierter und mit weniger Aufwand Dinge verfolgen kann. Weil da dann einfach mehr Raum und Platz ist und ich weiß, wo ich alles finden kann in meinem Kopf und auf meinem Schreibtisch und in meiner Küche. So fange ich heute an.

## Lean und ich und die Verwaltung ##

Folgender anderer Gedanke noch:

Was hat das mit Berlin zu tun, was hat das mit Verwaltung zu tun, warum schreibe ich das in unserem Blog des Forum Agile Verwaltung? Im letzten Kurs habe ich eine These aufgestellt oder, anders gesagt, habe ich meinen Frust raus gelassen. Wenn ich als Bürger auf diese Verwaltung schaue, wie es in Berlin läuft, auf die „Blackbox“, die die Verwaltung für mich darstellt, erlebe ich ihn oft: den großen Frust, weil man als Bürger an Prozessen, die nicht geordnet laufen und die nicht funktionieren, nichts ändern kann.

Mit den Jahren, denke ich, manifestiert sich dies wie eine DNA in der ganzen Stadt, dieses liebevolle Chaos, das Schmudellige, das stets Unfertige. Alles verändert sich bei uns in Berlin und zwar immer, dabei erscheint nie etwas so richtig fertig. Das ist attraktiv, das zieht die Menschen an, weil Veränderung attraktiv ist und „jedem Anfang ein Zauber inne wohnt“, wie wir am Anfang des Kurses unter den Teilnehmer:innen schmunzelnd feststellten.

Doch ein anderer Anteil ist, das man dies akzeptiert, denn man hat es ja in seinem ganzen (Berliner) Leben noch nie großartig anders kennengelernt. Die Sachen funktionierten eben „nie“, diese Sachen lassen sich eben (auch) nicht ändern, auf Bürgerämtern wird eben lange gewartet, die Termine gibt es nur mit sehr viel Vorlauf… Es ist einfach so. Und so etwas frustriert die Berlinerin, den Berliner und es frustriert wahrscheinlich auch die Menschen, die in der Verwaltung arbeiten. Wenn so ein Mensch Frust entwickelt und etwas ändern möchte, dann versucht er in seinem Umfeld aufzuräumen – wie ich jetzt – oder er versucht auch Sachen besser zu verstehen oder möchte – wie ich – den Hebel finden, der die Welt „besser“ oder schöner macht.

So geht es vielleicht auch den Politiker:innen, die jetzt in Berlin neu im Amt sind. Sie haben sich Sachen vorgenommen. Sie wollen Sachen verbessern, anpacken, und genau das braucht man, das brauchen wir Menschen, das braucht unsere Stadt und das braucht auch die Verwaltung.

Zusammen mit anderen Ebenen wie dem Bund, wo im Koalitionsvertrag jetzt steht, dass wir eine attraktive, moderne Verwaltung werden möchten – bürgerorientiert und gut funktionierend.

Koalitionsvertrag 2021 steht auf Seite 10 von 178

Letztendlich möchte Verwaltung attraktiver Arbeitgeber werden. So ist es auch in Berlin eigentlich wichtig, dort den Hebel zu finden, der das Ganze verändert. Den Hebel für die Veränderung eines althergebrachten, preußischen Systems der Verwaltung: Was funktioniert, ist vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäß? Wie kommen wir zur Erneuerung, nicht nur, aber auch in kleinen Inseln und im Großen und Ganzen? Wie kann die anstehende Transformation bei den anstehenden großen Themen  #klima #gemeinwohlorientierung gelingen – meine Herzensthemen, die ich gerade bewege und die mich bewegen. Ich muss bei mir persönlich anfangen, sie umzusetzen, Ordnung schaffen, Platz schaffen, Raum, um die Dinge gut zu machen und ein gutes Auskommen zu haben.

Wer daran interessiert ist, vor allem Berliner Verwalter:innen, bitte meldet Euch. Vielleicht können wir das mal besprechen, das fände ich spannend – Eure Sicht darauf und so erzeugen wir vielleicht gemeinsam ein Momentum, um etwas zu verändern. Das würde mich freuen.

Ich freue über Rückmeldungen und darauf, Berliner Verwalter:innen zu treffen, gerade auch Euch, Berliner Forumsmitglieder.

Drei Vorgehensweisen bei der DMS-Einführung: Philosophien, Erfolgskriterien, Risiken

1.   Vom Ende her denken

Der folgende Beitrag ist die leicht geänderte Version eines Kapitels aus dem Implementierungsleitfaden DMS – Teil 1 Begeisterung für das Projekt wecken. Schon ganz zu Beginn eines E-Akten-Projekts muss der:die Projektleiter:in daran denken, wie später eine konkrete Einführung in einem begrenzten Sachgebiet stattfinden soll. Je nachdem, welche Vorstellungen man davon hat, wird der Projektplan ganz unterschiedlich ausfallen.

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