Selbstbestimmung Hui, Fremdbestimmung Pfui?

Marianne Gronemeyer, emiritierte Professorin für Erziehungs- und Sozialwissenschaften

In diesem Artikel möchte ich das Plädoyer von Marianne Gronmeyer für die Nicht-Ächtung der Fremdbestimmung vorstellen. Sie sieht in der Fremdbestimmung eine wichtige Funktion in unserer Gesellschaft. Ob diese aber einen guten oder schlechten Beigeschmack hat, da kommt es eben auf die Art und Weise des Zustandekommens des Arbeistauftrags an. Frau Gronemeyer stellt in ihrer Einleitung bedenkenswert fest:

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Der Unterschied zwischen selbstbestimmter und fremdbestimmter Arbeit ist unkenntlich geworden, und das ist ganz im Sinne derer, die das Sagen haben. Es kann ihnen gar nichts Besseres passieren, als wenn die Untergebenen sich ihrer Willensfreiheit rühmen und an ihre Entscheidungsfreiheit glauben. Betrug und Selbstbetrug wirken da einträchtig zusammen. Denn natürlich möchte man sich lieber als Herr im eigenen Hause fühlen denn als Knecht unter fremder Knute.

In vielen unserer Artikel schreiben wir über unsere Haltungen während des gemeinsamen Arbeitens. Auf Augenhöhen um eine Lösung ringen,  ist so eine andere Redewendung, wenn es um Agilität geht, im Rahmen komplexer Beziehungen sich an ein Ziel heranzutasten.

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Selbstausbeutung: das neue Leiden des 21. Jahrhunderts?

Fremdausbeutung mit extrinsischer Motivation (Foto: Wikipedia)

In der modernen Arbeitswelt mit u.a. agilen Elementen, in der von der besonderen Haltung gesprochen wird, sich selbst weniger fremdbestimmt sondern mehr selbstbestimmt wahrzunehmen, in der nicht befohlen sondern geführt wird, in der Freiräume zur eigenen Entfaltung geschaffen werden, in der eigenverantwortliches Arbeiten Spaß macht, scheint es zu einem neuen Krankheitsbild zu kommen. In meiner Familie als auch im Bekanntenkreis habe ich inzwischen mehrere Fälle von Depression und Burn-Out miterleben müssen.

Prof. Byung-Chul Han führt in seinem Buch Müdigkeitsgesellschaft aus, dass diese Erkrankung eine Selbstausbeutung ist. Während noch bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts der Arbeiter über offenkundigen Gehorsamkeit angetrieben wurde und so deutlich erkenntlich war, dass er in der Fremdausbeutung war, wandelte sich das Bild nun zunehmend. Die alten Zügel wurden immer mehr gelockert. An ihre Stelle tritt nun eine andere, kaum wahrnehmbare strukturelle Gewalt, die des Können-dürfens, die am Ende auch nur wieder ins Müssen ausufert:

Anstatt sich vor einer wie auch immer gearteten äußeren Macht zu fürchten, kollabiere der Mensch des 21. Jahrhunderts an der Unendlichkeit seiner Möglichkeiten.

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