Das Märchen von den sieben Sprints

Das Märchen von den sieben Sprints

Es war einmal in einem kleinen Königreich im Norden, wo die Bürger lange in Schlangen vor der Schreibstube standen. Manche warteten 47 Abende, bis ihre Genehmigung kam – und manchmal kam sie gar nicht, denn niemand wusste, wo die Papiere gerade waren. Der König war betrübt. Seine Untertanen zogen in andere Länder.

Die Schreibstube war aber ratlos: „Das ist eben so, wie es seit Großvaters Zeiten ist.“ Da kam eines Tages ein weiser Wanderer in die Schreibstube und sprach zu der Leiterin: „Ihr seid gefangen in euren alten Wegen. Aber ich kenne ein Geheimnis: Es gibt einen Weg, schneller zu werden – nicht durch große Magie auf einmal, sondern durch sieben kleine Wunder, je eines in zwei Wochen.“ Die Leiterin verstand nicht. „Sieben Wunder? In zwei Wochen?“ Der Wanderer nickte: „So funktioniert die Magie der agilen Sprints. Wollt ihr es versuchen?“

Der Erste Sprint: Die Sichtbarkeit

Die Leiterin wählte fünf ihrer besten Schreiber:innen aus – und den Wanderer als Ratgeber. Sie setzten sich zusammen und sprachen: „Was ist das erste echte Problem, das wir sofort lösen können?“ Eine Schreiberin rief: „Die Bürger wissen nicht, wo ihr Antrag ist! Sie rufen täglich an, und wir wissen es selbst nicht!“

Der Wanderer lächelte. „Das ist die erste kleine Magie. Nicht alles auf einmal – nur das.“ Sie nahmen bunte Zettel und hefteten sie an die Wand. Auf jeden Zettel schrieben sie einen Antrag. Jeder Antrag bekam eine Farbe: Gelb für „gerade angekommen“, Blau für „geprüft“, Grün für „fertig“. In zwei Wochen war es getan. Und siehe da – die Bürger brauchten nicht mehr anzurufen. Sie kamen vorbei und sahen sofort: Mein Antrag ist gerade bei der Prüferin. Wartet noch zwei Tage und Abende. Die Schreiberin sagte zum Wanderer: „Das ist ja wirklich Magie!“ Aber der Wanderer sprach: „Das ist nur der erste kleine Sieg. Jetzt kommt das Wichtigste: Ihr müsst das alle zwei Wochen lang tun. Immer wieder, immer besser.“

Der Zweite und Dritte Sprint: Das Lernen aus der Wahrheit

Nach zwei Wochen trafen sie sich wieder. Der Wanderer fragte: „Was haben wir gelernt?“ Ein Schreiber sagte: „Die Bürger sind glücklicher – aber wir sind gar nicht schneller.“ Eine Schreiberin sagte: „Ich merke: Viele Anträge scheitern, weil die Bürger falsche Papiere mitbringen. Das dauert länger als die Prüfung selbst!“

Der Wanderer nickte weise. „Seht ihr? Das ist die Wahrheit. Nur wer beobachtet, lernt. Nur wer lernt, wird besser.“ Im zweiten Sprint erstellten sie eine klare Checkliste. Jeder Antrag bekam nun beim Eintreffen eine Prüfung: Sind alle Papiere da? Der Bursche, der die Checkliste prüfte, sollte die Bürger sofort anrufen, wenn etwas fehlte – nicht erst zwei Wochen später. Im dritten Sprint fragten sie drei Bürger: „Wie geht es euch?“ Und die Bürger sagten: „Es ist schneller geworden. Statt 47 Abende sind es jetzt 21.“ Der Wanderer sprach: „Seht ihr? Jeder Sprint ist ein kleiner Schritt. Nicht groß, nicht teuer – aber echt.“

Der vierte Sprint: Das Opfer des alten Weges

Aber nun geschah etwas Merkwürdiges: Der alte Schreibmeister, der seit 30 Jahren alles so tat wie immer, wurde böse. „Das ist Wahnsinn!“, schrie er. „Wir haben die Arbeit perfekt verteilt! Warum sollen wir täglich zusammensitzen? Warum müssen wir uns alle zwei Wochen neu überlegen?“ Der Wanderer setzte sich zu ihm hin. „Alte Wege sind bequem. Aber sie führen nicht ans Ziel. Wollt ihr, dass die Bürger glücklicher sind oder nicht?“ Der alte Schreibmeister war verstummt. Im vierten Sprint geschah das Wunder: Der Schreibmeister sagte: „Vielleicht… vielleicht könnte man auch die Zahlungsaufforderungen schneller machen. Ich weiß einen Weg.“ Der Wanderer lächelte. „Seht ihr? Wenn Menschen frei sind, Fragen zu stellen, dann geben sie die besten Antworten.“

Der fünfte Sprint: Die Zahlen sprechen

Nach fünf Sprints (zehn Wochen) fragte die Leiterin: „Wanderer, woran erkennen wir, dass wir besser werden?“ Der Wanderer brachte sie zu einem großen Pergament, auf dem er Striche gezählt hatte:

  • Durchlaufzeit: war 47 Tage, jetzt 9 Tage
  • Fehlerhafte Anträge: waren 40%, jetzt 5%
  • Bürgerzufriedenheit: war 30%, jetzt 85%

Die Leiterin weinte vor Freude. „Das ist wirklich wahr?“ Der Wanderer nickte. „Zahlen lügen nicht. Aber wisst ihr, was noch wichtiger ist? Schaut auf eure Schreiber:innen.“ Und die Leiterin sah es: Die Schreiber:innen waren nicht mehr müde und verbittert. Sie lachten. Sie sprachen miteinander. Ein neuer Bursche hatte sogar eine Idee für ein automatisches Zahlungsschreiben gehabt – etwas, das der alte Schreibmeister gar nicht für möglich gehalten hatte.

Der sechste Sprint: Die Nachricht verbreitet sich

Die Nachricht verbreitete sich im Reich. Bald kamen andere Schreibstuben und fragten: „Wie habt ihr das geschafft?“ Die Leiterin lud sie ein und zeigte ihnen die bunten Zettel, die Checklisten und die Zahlen. Der alte Schreibmeister erzählte ihnen von seinem Zweifel und seiner Überraschung. Der König selbst besuchte die Schreibstube und sah: Das Unmögliche war möglich geworden. Der Wanderer sprach: „Vergesst nicht: Der erste Sprint war der Schwierigste. Jetzt wird es einfacher. Andere Schreibstuben werden schneller, weil sie von euch lernen.“

Der siebente Sprint: Und wenn sie nicht gestorben sind…

Nach sieben Sprints (14 Wochen) war die alte Art, Anträge zu bearbeiten, ein Märchen der Vergangenheit. Die Schreibstube im kleinen Königreich war jetzt schnell, froh und mutig. Sie probierten ständig Neues aus. Manchmal funktionierte es, manchmal nicht – aber immer lernten sie etwas.

Die Bürger des Reiches brauchten keine 47 Abende mehr zu warten. Sie kamen hin, stellten ihren Antrag und zwei Wochen später war alles fertig. Manche sogar schneller. Der Wanderer sagte beim Abschied: „Vergesst nicht: Die Magie der Sprints ist keine Reise mit Ende.“ Es ist ein neuer Weg zu leben. Jeden Tag ein wenig besser. Jeden Sprint ein wenig klüger.“ Die Leiterin fragte: „Wanderer, wer seid ihr wirklich?“ Der Wanderer lächelte. „Ich bin der Geist der kontinuierlichen Verbesserung.“ Es gibt mich überall dort, wo Menschen bereit sind, zu lernen, statt zu urteilen, zu handeln, statt zu träumen und kleine Siege zu feiern, statt auf die große Erlösung zu warten.“

Und damit verschwand der Wanderer in den Morgennebeln. Die Schreiber:innen arbeiteten aber weiter – schneller, besser, froh. Und wenn sie nicht gestorben sind, arbeiten sie noch heute in ihren Sprints, feiern ihre kleinen Siege, und jede zweite Woche wird das Königreich ein kleines bisschen wundersamer.

… und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Die Moral der Geschichte

Wie in den echten Märchen der Brüder Grimm ist auch diese Märe eine Geschichte von Verwandlung durch Hartnäckigkeit und den Glauben an das Kleine. Nicht der Held, der die große Schlacht gewinnt – sondern die Vielen, die jeden Tag ein bisschen besser werden. Nicht die große Magie – sondern die kleine, wiederkehrende, die sich addiert. Und wie in allen echten Märchen lohnt, sich der Weg nur, wenn man ihn wirklich geht.

Märchen, sagt man, haben einen wahren Kern …

Der Impuls für das Märchen entsprang direkt der Onboarding-Praxis unseres agilen Prozessentwicklungsteams. Da klassische Framework-Erklärungen oft zu abstrakt blieben, haben wir uns bewusst für einen unkonventionellen Weg entschieden: Wir haben die Logik von Scrum und iterativen Sprints in eine narrative, bildhafte Geschichte übersetzt. Das Märchen-Format dient als didaktischer Brückenschlag zwischen Methode und Verwaltungspraxis. So ermöglichen wir neuen Mitarbeiter:innen einen spielerischen Einstieg, bauen Hürden ab und schaffen ein gemeinsames Verständnis für unsere agile Arbeitsweise – ganz ohne methodische Überfrachtung.

Credits

Organisationsentwicklung Hamburg-Wandsbek.
Mit ein bisschen Hilfe von LLMoin (Text)

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