Agilität und Haltung: Die blockierten Liegestühle
In der agilen Community ist derzeit wieder viel von „Haltung“ die Rede, oft in Verbindung mit „Entwicklung“. Fragen wie „Wie kann ich mich selbst entwickeln?“ – „Wie kann ich Haltungsänderungen in meiner Organisation bewirken?“ – „Bzw. anderen helfen, an ihren Haltungen zu arbeiten?“ – Wobei unter Haltung oft ein „agiles Mindset“ verstanden wird oder auch andere Definitionen.
Dabei wird so getan, als könnten einzelne Menschen oder auch Gruppen (Teams, Organisationen) ihre Mindsets aufgrund eines persönlichen Beschlusses („intrinsische Motivation“ – ganz wichtig!) einfach mal so ändern. Als Selbstoptimierung, so wie man auf einen Marathonlauf hin trainiert. Vernachlässigt wird dabei, dass Änderungen immer Resultate von Wechselwirkungen sind zwischen
- den Individuen auf der einen Seite und
- der Gesellschaft und den Systemen, in die sie eingebettet sind, auf der anderen.
Ohne an den Systemen und ihren Strukturen zu rütteln, gibt es auch keine nachhaltigen Änderungen im „Habitus“.
Ein Beispiel
Letzten Herbst waren meine Frau und ich in einem südlichen Land im Urlaub. Das Hotel hatte insbesondere Werbung mit seinen drei Swimmingpools gemacht. Als wir aber früh am ersten Morgen zum Pool-Areal hinabstiegen, erwartete uns eine Überraschung. Kein Liegestuhl an den Pools war noch „verfügbar“. Fast alle waren mit einem Handtuch „reserviert“ worden.
Andererseits befand sich gerade mal eine Handvoll Gäste im Badebereich. Aber keine Chance. Es gab keine zwei Liegen mehr nebeneinander. Wir mussten unseren Vormittag anderweitig verplanen.
An der Rezeption
Wir fragten im Hotel nach. Bis vor 6, 7 Jahren, sagte man uns, war das nicht so. Die Leute gingen zu verschiedenen Tageszeiten an den Pool und fanden einen Liegestuhl – aber viel-leicht nicht an der „idealen Stelle“.
Irgendwann hatte jemand damit begonnen, einen „idealen Liegestuhl“ noch vor dem Früh-stück mittels Handtuch zu reservieren. Erst zogen einige andere nach und dann noch weitere. Menschen, die erst um 11 Uhr an den Swimmingpool wollten, reservierten einen Platz schon um 8 Uhr. Wer von 9 bis 10 schwimmen wolle, fand nichts mehr. Die Überreservierung „auf Vorrat“ führte zur Unterauslastung der Liegestühle, die die meiste Zeit leer blieben, und zum Engpass für die, die sie gerade brauchten.
Mögliche Interventionen
Welche Lösungen für diese Situation wären denkbar?
- Bleiben wir erstmal auf der persönlichen Ebene. Ich ärgerte mich sehr. Eine erste spontane Idee von mir war, alle Handtücher vor dem Frühstück in den Pool zu werfen. Aber dann bin ich davor zurückgeschreckt. Ich befürchtete, von einem der Handtuchbesitzer auf frischer Tat ertappt zu werden. In meiner Phantasie sah ich eine harte Auseinandersetzung, im Grenzfall körperlich. Auf einmal wurde mir bewusst, dass ein Handtuch eine Machtressource darstellt, mit einem Hauch von Gewaltdrohung. Vielleicht bin ich besonders ängstlich, aber ich ließ es bleiben.
- Es gibt Erfahrungsberichte und Studien. Dabei wird ein wirksames Modell genannt: „Verbot von oben“. Hotels haben die Praxis des „Handtücherns“ verboten, bis hin zu finanziellen Sanktionen (die Kaution für das Handtuch ist futsch). Das funktioniert ohne Ausnahme.
- Ein anderes Beispiel ist die Einführung eines „Marktsystems“. In einigen Hotels konnten Gäste einen VIP-Liegestuhl mieten. Der wurde gekennzeichnet und war ständig für sie reserviert. Das wurde dann auch von anderen Gästen respektiert.
- Und wie steht es mit der Arbeit am individuellen Verhalten? Das wäre doch eine Superidee für einschlägige Berater: Seminare für Hotelgäste anbieten! Etwa unter dem Titel „Der Liegestuhl, das agile Mindset und ich“. Dafür gibt es aber keine erfolgreichen Beispiele. – Da muss die agile Community jetzt ganz stark sein!
Thesen
- Wer über die Entwicklung und Stärkung agiler Haltungen spricht, darf von Strukturen nicht schweigen.
- In „strukturlosen Strukturen“ (wie im Beispiel der Gäste im Hotel, die nichts miteinander zu tun haben) ist der Appell an die Einzelnen, sich nicht egoistisch zu verhalten, illusorisch. Die Grundidee von Agilität ist die Selbstorganisation von strukturierten Gruppen („Teams“). Diese Voraussetzung ist dann einfach nicht gegeben.
- Wenn aber Selbstorganisation seitens der Betroffenen („Gäste“) nicht möglich ist, muss eine Autorität von außen (Hotelleitung) für Ordnung sorgen. Durch Verbote, durch Organisation eines „Marktes“ – auf jeden Fall durch Schaffung von Strukturen. Wirksame Strukturen bewirken dann, was einfache Appelle nicht schaffen: das „gute Benehmen“ der Gäste zu erzwingen.
- Strukturen haben immer etwas mit Macht zu tun. Die emergente Verhaltensänderung der Hotelgäste beruhte auf einer Machtressource der Einzelnen: des Handtuchs. Eine mögliche Antwort der Hotelleitung würde auf ihrer Macht beruhen: Verbote aussprechen und mit Sanktionen untermauern. – Es geht nie einfach um moralische Überzeugung zum Guten hin, sondern auch um Interessen und die Macht, sie durchzusetzen.
- Übertragung dieser Erkenntnisse auf Verwaltungen: Wenn wir hier agile Verhaltensweisen verbreiten wollen, dürfen wir uns um die Frage nach Strukturen nicht herumdrücken. Welche künftigen Strukturen würden Agilität befördern? Welche bestehenden behindern sie aktuell? Welche „Autoritäten“ könnten die neuen Strukturen schaffen? Wer hat welche Interessen und Machtressourcen?
Natürlich kann das unangenehm werden. Vielleicht müssen wir uns mit Verfechtern alter Hierarchien anlegen. Eventuell schaden wir so unserer Verwaltungskarriere. Aber dies nicht zu tun endlos aus einer Position von „Wissenden“ an noch Unerleuchtete über „Mindset“ und „Haltungen“ predigen und dabei völlig wirkungslos bleiben: ist ja vielleicht auch nicht so erfüllend.

Danke dir für die Hotel-Metapher. Für mich gut nachvollziehbar und nützlich in meiner Position.
Lieber Wolf, danke für diesen wunderbaren, anschaulichen Artikel. Verhalten ist – wie Du auch schreibst – kontextabhängig – Strukturen sind ebenfalls Kontext. Eine Strukturveränderung könnte auch die Liegestühle betreffen, zunächst die Machtressource des Hotels: Keine mit Handtuch belegbaren Liegestühle am Pool bedeutet keine vorreservierbaren Machtressourcen… und umgekehrt denke ich darüber nach, mit was die Handtücher Einzelner in der Verwaltung gleichzusetzen sind… 😉