Lernzirkel – ein kleiner Überblick

“Ich möchte gern Beratung für Zirkelformate machen. Aber: Wofür verwende ich eigentlich welches Zirkelformat? Worin unterscheiden sich die einzelnen Formate?” Maike hat diese Fragen bei der Session zu “Lernzirkeln” auf dem Barcamp “New Work in der Verwaltung 2023/2033” gestellt. Eine entsprechende Übersicht gibt es bisher nicht. Und damit entstand die Idee, die unterschiedlichen Zirkelformate Working Out Loud (WOL), LernOS und ALEx miteinander zu vergleichen und eine Übersicht zu erstellen, die eine Hilfestellung zur passenden Auswahl bieten soll. Mit dieser Übersicht erheben wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit im Hinblick auf Zirkelformate oder gar Formate zum selbstorganisierten Lernen. Wir haben uns schlicht an den Formaten orientiert, bei denen wir als Gruppe über Erfahrungen verfügen.

Gemeinsam Lernen in einer kleinen Gruppe, Bild von StockSnap auf Pixabay

Wer sind wir?

Ausgehend vom Barcamp haben wir in einer kleinen Gruppe nach und nach zusammengefunden – die vorhandenen Netzwerke aus vorhergehenden Zirkeln haben uns schnell wachsen lassen. Wir alle bringen Erfahrungen mit dem ein oder anderen Zirkelformat mit und verfolgen die Entwicklung aus unterschiedlichen Perspektiven heraus. In alphabetischer Reihenfolge sind wir:

  • Nicole Engelhardt, Mediendidaktikerin & Führungskraft an der FernUni in Hagen, Erfahrungen mit Working Out Loud und ALEx
  • Maike Mach, Personalentwicklerin an der Uni Kassel, Erfahrungen mit Working Out Loud
  • Barbara Meissner, Mitarbeiterin im Ressort Bildung der Technischen Hochschule Nürnberg, Erfahrungen mit LernOS und Working Out Loud
  • Sabrina Reich, Wissenschaftsmanagerin im Agility Lab der Uni Stuttgart, Erfahrungen mit LernOS
  • Nancy Warbeck, Mitarbeiterin im Bereich Forschung, Transfer und Innovation an der Hochschule Heilbronn, Erfahrungen mit Working Out Loud

Wir haben uns mit den unterschiedlichen Formaten auseinandergesetzt, um einerseits uns selbst weiterzuentwickeln. Gleichzeitig verfügen wir über Erfahrungen und/oder Ideen zum Einsatz der Lernzirkel in unserer Organisation, in der Vernetzung von Wissenschaftler*innen untereinander sowie mit der Wirtschaft, Vernetzung und Onboarding von Kolleg*innen, Entwicklung von Führungskompetenz und Unterstützung Studierender beim selbstorganisierten Lernen.

Warum Lernzirkel?

Wir leben alle mittlerweile in der VUKA Welt. Für uns alle ist Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität zu einem Teil unseres Lebens geworden und damit wurde die kontinuierliche Veränderung zum Normalfall.  Es gibt ständig neue Dinge auf die man sich einstellen muss, Informationen und Wissen fließen schnell und veralten gleichzeitig auch schnell durch stetige Weiterentwicklung – so wird die eigene Weiterentwicklung und ein ständiges Dazulernen in einer VUKA Umgebung zu einer grundlegenden Voraussetzung. 

Der Begriff des Lebenslangen Lernens ist schon lange nicht mehr neu – bedeutet aber in der Umsetzung auch die Notwendigkeit neuer Lernformen. An diesem Punkt setzen Lernzirkel an – es geht nicht mehr darum, ein 2-tägiges Seminar zu einem Thema zu besuchen, wo im ungünstigen Fall dann doch nur 5% der Inhalte auf den konkreten Arbeitsalltag übertragen werden können. Es geht darum, punktuell, schnell und pragmatisch mit Hilfe des Wissens und der Erfahrung anderer Menschen Herausforderungen im Berufsalltag lösen zu können. Das erfordert auch eine innere Haltung Wissen teilen zu wollen und nicht das eigene Wissen zu bewahren – Silodenken hat hier keinen Platz. 

Bevor wir gleich auf die Spezifika der einzelnen Formate eingehen möchten, möchten wir vorab noch kurz die Gemeinsamkeiten zusammenstellen. Bei allen drei Ansätzen handelt es sich um Formate

  • zum selbstorganisierten Lernen mit individueller Zielsetzung,
  • die einer vorgegebenen methodischen Struktur folgen,
  • die das Lernen in einer kleinen Gruppe von 4-5 Personen fokussieren (mit Ausnahme von LernOS, wo es auch Varianten für Individuen und Tandems gibt) und
  • deren Dauer auf ein vorgegebenes Zeitfenster festgelegt ist.

Was haben wir herausgefunden?

Überspitzt formuliert bekommen wir mit WOL eine strukturierte Methode an die Hand, die über das zunächst im Vordergrund stehende zu definierende individuelle Ziel schnell über die Aufgaben der Circle Guides den systematischen Auf- und Ausbau des eigenen – möglichst nutzbringenden – Netzwerkes und das Sichtbarmachen der eigenen Person, Haltung & Arbeit in sozialen Medien in den Fokus rückt. Der große Gewinn innerhalb einer Organisation ist die einfache Vernetzung von Kolleg*innen, die langfristig eine gute und niedrigschwellige Zusammenarbeit fördern kann. 

Mit ALEx wurde eine pragmatische, schnell anwendbare Methode entwickelt, die Elemente von WOL (selbstgesteuertes Lernen), Scrum (agiles Arbeiten) und Lern- und Experimentierräumen (Neue Arbeitswelt) miteinander kombiniert. So gelingt ein zeitlich überschaubarer, gut strukturierter erster Einstieg in selbstorganisiertes, agiles Lernen und Arbeiten. 

LernOS ist sicherlich die Methode mit dem größten Gestaltungsspielraum und Variabilität in der Anwendung. Es wurde entwickelt als ein Betriebssystem für lebenslanges Lernen, das sich aus den drei Bereichen Mindset, Skillset und Toolset zusammensetzt. LernOS bietet eine praxiserprobte Vorgehensweise, die Elemente von Getting Things Done (GTD), Objective und Key Results (OKR) und Working Out Loud (WOL) kombiniert und damit kontinuierliches Lernen im alltäglichen Leben verankert möchte, ganz unter dem Motto “Keep Calm & Learn on!”.  

Unser Fazit

WOL kommerzialisiert sich, ist aber unschlagbar in den Aspekten Struktur und Vernetzung. ALEx ist ein guter, pragmatischer und niedrigschwelliger Eintritt in eine Methode des selbstorganisierten, lebenslangen Lernens im Team. Mit LernOS hat Simon Dückert ein “Betriebssystem” für lebenslanges Lernen entwickelt, das sich stetig verfeinert, wächst und variabel an verschiedene Bedarfe von Menschen und Organisationen angepasst werden kann, gleichzeitig aber auch eine intensivere Beschäftigung und mehr – gut investierte – Zeit erforderlich macht. 

Die Zirkelformate im Detail

Lernzirkel – Lernwege im Kontext der Digitalisierung

Vor gut einem Jahr bin ich der Begeisterung einer Musterwandler-Kollegin gefolgt und habe meinen ersten Working-Out-Loud-Zirkel gestartet. Los ging es zu Beginn des Lockdowns im März. Es war der Start einer anstrengenden Zeit, da die mit der Pandemie einhergehenden Anforderungen an unser E-Learning-Team uns gut gefordert haben. Will frau in der Zeit noch was Neues angehen? JA! Ich habe die wöchentlichen Zirkeltreffen immer wieder als sehr bereichernd erlebt. Und es tat gut, gerade in der Zeit sich auch einen Freiraum für etwas anderes einzuräumen.

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Gedanken zur brauchbaren Illegalität in Hochschulen

Vor einigen Wochen hat Stefan Kühl, Organisationssoziologe an der Universität Bielefeld, via Twitter  auf seinen Artikel „Wie gehen Leitungen mit Illegalität um?“ aufmerksam gemacht. Er thematisiert darin die alltäglichen Regelverstöße von Mitarbeiter*innen in Hochschulen und betrachtet es unter dem Aspekt der brauchbaren Illegalität, ein Begriff, der auf Niklas Luhmann zurückgeht. Folgender Satz ist mir beim Lesen hängen geblieben: „Letztlich stellt erst die alltäglich praktizierte Illegalität sicher, dass Organisationen überhaupt funktionieren.“ Mein erster Impuls hierauf: Das darf doch so nicht sein! Weiterlesen „Gedanken zur brauchbaren Illegalität in Hochschulen“

Impulse für eine Innovationskultur an Hochschulen

In unserer Hochschule beschäftigen wir uns derzeit damit, wie wir eine auf alle Hochschulbereiche ausgeweitete Innovationskultur schaffen und kontinuierlich pflegen können. In diesem Kontext recherchiere ich, suche nach Beispielen und greife u.a. Literaturempfehlungen von anderen auf. Eine Empfehlung, die ich in diesem Kontext erhalten habe, ist das Buch „Das dynamische Unternehmen“ von Karla Schlaepfer und Martin Welz (2017 erschienen bei Schäffer-Poeschel). In den folgenden Abschnitten folgt nun allerdings keine Zusammenfassung des Buches. Stattdessen möchte ich gezielt einige, wenige Anregungen aufgreifen, die ich darin finden konnte und die bei mir Ideen zur Umsetzung an unserer Hochschule ausgelöst haben. Motivationskultur als Teil der Innovationskultur Wir wünschen uns Kolleginnen und Kollegen, die begeistert ihrer Arbeit nachgehen, vor Engagement, Ideen und Tatendrang nur so sprudeln. Ist das aber die Realität in Hochschulen? In einigen Bereichen sicherlich. Gerade die Wissenschaft ist häufig durch intrinsisch motivierte Menschen geprägt, die für ihr Fach und ihren Forschungsschwerpunkt brennen. Im sog. Third Space sieht es vermutlich etwas anders aus. Verwaltungs- oder auch Administrationstätigkeiten gelten nicht unbedingt als die spannendsten und abwechslungsreichsten Aufgabenfelder. Wie kann es dennoch gelingen, auch hier eine Umgebung für motivierte Mitarbeitende zu schaffen? Ein Vorschlag lautet „Bedeutsamkeit schaffen“, z.B. durch die Initiierung von Begegnungen (vgl. S. 26). Konkret heißt dies, Mitarbeitende aus dem Third Space in den Austausch zu bringen mit Studierenden und Lehrenden, die letztlich die Endkunden sind.
„Eine wachsende Zahl von Studien belegt, dass Endnutzer, Kunden, Klienten, Patienten und andere, die von Produkten und Dienstleistungen eines Unternehmens profitieren, überraschend effektiv sind, andere zu motivieren, härter, effizienter und produktiver zu arbeiten“ . (zit. n. Grant 2011, ebd.)
sipgate hat in diesem Kontext gerade für ein Open Test Lab geworben. Ich finde, sowas sollten wir auch an Hochschulen mal anbieten und damit Entwickler*innen, Systemadministrator*innen und Sachbearbeiter*innen mit Hochschullehrer*innen und Studierenden in Kontakt bringen. Aus Fehlern lernen anstatt sie zu leugnen Mir persönlich ist es nach wie vor ein großes Rätsel, warum wir uns so schwer damit tun, Fehler und das darin vorhandene Entwicklungspotential als solches anzuerkennen, und stattdessen immer wieder dazu neigen, Projekte als erfolgreich beendet zu etikettieren und kurz darauf das Projekt in der Schublade zu versenken. Als Kind habe ich bereits den Glaubenssatz „Aus Fehlern lernt man“ mit auf den Weg bekommen, wofür ich sehr dankbar bin. Innovationskultur braucht genau das! Es braucht die Möglichkeit des Versuchs und des möglichen Scheiterns. Denn: Wir lernen daraus, wie es nicht geht, entwickeln stattdessen neue Lösungsansätze, probieren diese erneut aus und mit etwas Glück ist im nächsten Anlauf das Problem gelöst oder gar eine Innovation geboren. Deswegen gehört eine Fehlerkultur unabdingbar auch zur Etablierung einer Innovationskultur. Vielleicht als pragmatisches Beispiel: Kartoffelchips sind – zumindest der Legende nach – auch nur erfunden worden, weil sich ein Gast mehrfach über die zu dicken Kartoffeln beschwert hatte. Konkret unterstützt werden kann dies durch sog. Fuck-up-Nights, wie sie einige Hochschulen bereits anbieten/angeboten haben (vgl. Hochschule Koblenz, PH Heidelberg oder SRH Hochschule Berlin). Eine andere, wie ich finde, sehr schöne Idee besteht darin, Scheitern explizit zu belohnen und hervorzuheben. So verleiht Google unter seinen Mitarbeiter*innen einen Pinguin Award oder die Engineers without Borders veröffentlichen einen Failure-Report. Auf der diesjährigen HFDCon in Bonn am 21.10. wird ein Science-Slam zum Thema „My worst Teaching Experience“ angeboten – eine mögliche Variante, diese Ideen auf Hochschulen zu übertragen. Ich persönlich kann mir das aber auch gut inhouse unter den Mitarbeitenden des Third Space vorstellen: Sich regelmäßig – gern auch erstmal im vertrauteren kleinen Kreis, z.B. dem eigenen Dezernat, treffen und Geschichten vom eigenen Scheitern präsentieren, um daraus gemeinsam zu lernen. Das digitale Oregon-Experiment Bei der Neugestaltung der Fußwege auf dem Gelände der University of Oregon ging das verantwortliche Team einen bis dahin ungewöhnlichen Weg. Anstatt von Architekten Fußwege planen zu lassen, sähte man einfach Gras, ließ es wachsen und beobachtete, wo sich Trampelpfade abbildeten. Diese Trampelpfade wurden dann als feste Wege angelegt und entsprechen somit zu 100% den Wünschen derjenigen, die tagtäglich darauf unterwegs sind. Wie lässt sich das nun digital abbilden? In meinem Umfeld beschäftige ich mich viel mit den passenden digitalen Lehr- und Lernumgebungen. Es gibt immer wieder neue Tools, die wir gern testen würden, dafür fehlt letztlich aber die Zeit. Aber warum sollen überhaupt wir entscheiden, was getestet werden soll – warum lassen wir nicht diejenigen entscheiden, die damit zukünftig lernen bzw. lehren sollen? Über für Testzwecke freigeschaltete Landingpages, die einen Zugang zum Tool simulieren, ließe sich herausfinden, woran unsere Zielgruppen interessiert sind. Letztlich werden die Seiten nicht beworben, der Zugriff erfolgt allein via Suchanfragen. So lässt sich herausfinden, wo die Interessen der Nutzer*innen liegen und auf dieser Basis eine Priorisierung festlegen. Neugierig geworden? Dann empfehle ich die Lektüre. Das Buch hält definitiv noch einiges an Impulsen bereit.