Im Westen nichts Neues – oder: Wie neu ist Agilität?

Die kurze Antwort auf diese Frage, die immer wieder und wieder gestellt wird, lautet: gar nicht neu, überhaupt nicht, vom asiatischen Raum gar nicht zu sprechen, kann man auch eurozentrisch betrachtet sagen, dass, um nur ein Beispiel zu nennen, die politischen Prozesse der modernen Schweiz, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden sind, zwar nicht den Titel ‘agil’ so aber doch deutliche Züge agilen Vorgehens tragen. Weil es der Situation entsprach und noch entspricht. Ich erkläre also hiermit die Frage „wie neu ist agil denn nun?“ für beantwortet mit „nicht neu“. Fertig.

Fast fertig. Viel spannender dünkt mich nämlich die Frage, warum etwas, das nicht neu ist, jetzt plötzlich [wieder?] grosses Interesse erfährt – wenn man mal davon absieht, dass das Attribut „neu, modern und innovativ“ so, wie „weisser als weiss, jetzt mit GANZ neuer Formel“ sich meist gut verkauft.

Auch fürs Marketing unter anderem von Beraterinnen und -ern, Verzeihung, Consultants, und auch Hochschulen mit der Message und Mission „neu und wenn Sie nicht dabei sind, verschlafen Sie DEN neuesten Trend“ taugt es anscheinend. Leider.

Was hat sich denn geändert, beziehungsweise, was ist passiert, dass wir dem soliden Pfad der bewährten Standards, der stabilen Prozesse, des fachlichen Nachvollzugs von Best Practices und der soliden professionellen Planung untreu werden und nach Alternativen spähen?

These: Wir befinden uns in einer Zeit, in der neue technische Möglichkeiten ständig neue berufliche, persönliche, gesellschaftliche oder vermarktbare Möglichkeiten generieren, die Geschwindigkeit von Entwicklung und Veränderung höher, Zusammenhänge verwickelter und alte Wahrheiten wackliger werden. Wo also bewährte Standards, stabile Prozesse, solide Planung (siehe oben) viel ihrer tröstlich-sicheren Wirksamkeit spürbar einbüssen.

In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts – zur Erinnerung, das war die Periode des Wirtschaftswunders, des verbreiteten Wohlstandes durch stetiges Wachstum, der Wiedervereinigung, aber auch des kalten Kriegs … – waren die Grenzen einigermassen klar gezogen:

  • Mein wirtschaftlicher und beruflicher Wirkungsraum war relativ klar und überschaubar – Internationalität zum Beispiel gab es, war aber eher abstrakt oder exotisch.
  • Gut und Böse waren recht klar verteilt, gut und schlecht auch.
  • Was ich gelernt habe, ermächtigt mich, erfolgreich zu tun, und zwar nach den Regeln der Kunst, die Nicht-Gelernte nicht kannten. Darin lag einer der Schlüssel zum Erfolg – Wissens- oder Könnensvorsprung in einem klaren Bereich, der auch nicht so leicht von anderen aufzuholen war. Wer die Standards der eigenen Profession kannte und anwandte, konnte nicht ganz fehlgehen. Eine Erfolgsgarantie in Werten wie «Gelernt ist halt gelernt» und «ohne Fleiss kein Preis».
  • Fortschreiben des Vorhandenen erlaubte, es anzupassen und erfolgreich zu bleiben. Risiko von wirklich anders gedachter Innovation lohnte sich in einem solchen Umfeld nicht, es war dumm und unvorsichtig, das Bestehende auf’s Spiel zu setzen.

Heute erleben das unsere Jungen – und nicht nur die!! – anders:

Die Korrelation zwischen Einsatz und Fleiss einerseits mit Erfolg andererseits schwindet…
  • Wissen ist leicht zu erhalten. Ich brauche nicht für alles ausgebildete Fachleute, ich kann auch auf anderen Wegen zumindest an Information gelangen, sogar an sehr profunde und hochaktuelle.
  • Solides Vorwissen garantiert den Erfolg bei weitem nicht mehr, eine «gute» Ausbildung führt oft in prekäre Anstellungen. Trotz guter Noten und ausgewiesener Fachlichkeit. Es gibt nicht nur und immer weniger klare etablierte Wege zum beruflichen Erfolg.
  • Auch Aufwand, Fleiss und Einsatz und Erfolg stehen in keinem 1:1-Verhältnis zueinander. Start-Ups und Gründer wissen: Vor dem Erfolg ist der Aufwand oft unberechenbar und hoch – im Erfolg nimmt er ab, der Aufwand. Fleiss ist also nicht gleich «wird schon». Influencer sind da ein Beispiel. Wie soll ich jungen Menschen die alten Tugenden vermitteln, wenn andere Erfolg haben mit… ja womit eigentlich? Aufmerksamkeit heischen?
  • Auch hat Erfolg keine unbegrentzte Geltungsdauer. Heute ein Hit und morgen in der Versenkung. Was früher eher Künstlern „passierte“ ist heute Allgemeingut.
  • Das regelkonforme Handeln und das Fortschreiben des Bewährten verliert an Wert. Es sind neue Ideen, die auf den Kopf stellen und Wellen machen – manchmal kurze kleine, manchmal triggern die aber auch grosse Entwicklungen. Uber und AirBnB, Taxiunternehmen ohne Autos und Hotels ohne Immobilien – der Wert dieser Unternehmen liegt nicht mehr im Materiellen. Das ist ein Rückbezug auf die Gründerzeit, die Zeit der Erfinder, der Tüftler, der Dichter und Denker, als die Menschheit mutig war und Undenkbares so lange ausprobierte, bis die Glühbirne brannte oder der Motor antrieb oder der Erfindende verhungerte. «Eine Kutsche ohne Pferd, die spinnen doch komplett, Hirngesprinste, und selbst wenn, das wird sich NIE durchsetzen, wer will den sowas…». „Ein Telefon für unterwegs, mit Fotoapparat, so ein Quatsch, das hat doch nichts miteinander zutun, Gadgetzeugs….“.
  • Die Trennschärfe von bisher eher getrennten Lebensbereichen löst sich rasant und immer radikaler auf: Freizeit / Arbeit / Urlaub wechseln sich im Minutenrhythmus ab. Job ist Job – fertig – und dann Schnaps ist Schnaps – und dann gibt es Digital Nomads, die alles mischen. Immer. Freiwillig.

Was war nochmal die Frage? Ah ja, oben stand es:

«Was hat sich denn geändert beziehungsweise, was ist passiert, dass wir dem soliden Pfad der bewährten Standards, der stabilen Prozesse, des fachlichen Nachvollzugs von Best Practices und der soliden professionellen Planung untreu werden und nach Alternativen spähen?»

Genau.

Autor: Veronika Lévesque

Veronika Lévesque ist beim Institut für Arbeitsforschung und Organistionberatung iafob Organisationsbegleiterin. Und Projektmensch mit einer Vorliebe für Fragen, für die es noch keine fertige Antwort gibt. Begeisterte Grenzgängerin: Unterwegs in 4 Ländern, 3 Sprachen und am liebsten in den Zwischenräumen zwischen Disziplinen. Schwerpunkte: Transformationshebammerei, Organisations- und Entwicklungshandwerk (Manufaktur, nicht von der Stange), Agile Spielfelder in nicht-agilen Umwelten, Methodenentwicklung, Umgang mit Nicht-Planbarem, Bildungssysteme vs. nicht-formale Bildungswege und 'Fehler machen schlauer.’

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