Griff in die Bücherkiste: „Mission. Auf dem Weg zu einer neuen Wirtschaft“ von Mariana Mazzucato

Ziel der Reihe „Griff in die Bücherkiste“ ist es nicht, Kurzzusammenfassungen von Büchern zu liefern und damit den Leser:innen die Lektüre zu ersparen. Sondern umgekehrt, die Ziele und Herangehensweisen eines Buchs zu schildern und diejenigen zur Lektüre anzuregen, die sich mit entsprechenden Themen beschäftigen.

Das Buch wurde von Mariana Mazzucato verfasst, Professorin für Innovationsökonomie und Public Value am University College London. Es trägt den Titel „Mission. Auf dem Weg zu einer neuen Wirtschaft“ und ist im Jahr 2021 im Campus Verlag auf Deutsch erschienen (im gleichen Jahr wie die Originalausgabe, die allerdings den aussagekräftigeren Titel trägt: Mission Economy: A Moonshot Guide to Changing Capitalism).

Die Ausgangsfragen des Buches

Wie können wir unsere Wirtschaft so umgestalten, dass sie für die Bewältigung der großen Menschheits-Herausforderungen fit gemacht wird: vor allem Klimawende und Bewahrung der Artenvielfalt, aber auch Bekämpfung von Krankheiten, insbesondere Pandemien, und Armut? Wie können wir für eine Erhöhung der Innovationsgeschwindigkeit sorgen, damit wir vor die diversen Katastrophenwellen kommen? Wie können wir für die notwendigen Investitionen sorgen und die aktuelle Investitionsschwäche überwinden? Wie können wir dafür sorgen, dass die Wirtschaft die Grenzen respektiert, die der Planet uns setzt?
Und ganz wichtig und für das Buch zentral: Was bedeutet das für das Verhältnis von Staat und Verwaltung auf der einen Seite und Wirtschaft auf der anderen Seite? Kann der Staat seine bisherige Rolle als „Nachtwächterstaat“ beibehalten, der nur Rahmenbedingungen setzt und das aktive Steuern und Handeln „der Wirtschaft“ überlässt?

Warum ist das Buch für eine agile Verwaltung relevant?

Jeder Kollege, der in einer Verwaltung Entscheidungen zu treffen hat, wird zwangsläufig mit dem Thema „Umgang mit der Wirtschaft“ konfrontiert. Nehmen wir nur das Beispiel „Vergabe von IT-Leistungen an Externe“. Dort herrscht häufig noch der Glaube vor, „die Wirtschaft“ oder „der Markt“ mache sowieso alles besser als die Verwaltung und man könne und müsse sich ihr vertrauensvoll ausliefern. Im Ergebnis dieses Glaubens wurde IT-Expertise in großem Maße aus den Verwaltungen outgesourct. Für die Frage, „was ist denn ein gutes Fachverfahren für die Abteilung X?“ oder „welches DMS-Produkt sollen wir für die E-Akte beschaffen?“, ist man auf Rechenzentren angewiesen. Die sind aber weit weg von den Verwaltungsprozessen und empfehlen oft einfach das Produkt, das ihnen selbst am wenigsten Arbeit macht.
Mazzucato legt fundiert dar, warum die Verwaltung selbstbewusster auftreten kann und darf. Und warum sie das auch muss, will sie zur Bewältigung der globalen Herausforderungen beitragen.

Wie das Buch seine Themen behandelt

Die Autorin zeigt sich in diesem Buch in ihrem Element: nämlich der Kritik des Mythos‘, die Wirtschaft sei „innovativ“ und der Staat sei es nicht. Für mich ist deshalb das 3. Kapitel des Buchs mit der Überschrift „Fünf Mythen, die dem Fortschritt im Wege stehen“, das wichtigste. Sie zieht sich ihre wissenschaftliche Rüstung an und zieht gegen die fünf Drachen des Neoliberal-Sprechs zu Felde:

„Mythos #1: Risikobereite Unternehmen schöpfen Wert; der Staat ist nur Mittler, der Risiken reduziert“
Mythos #2: Sinn und Zweck des Staates bestehen im Reparieren von Marktversagen
Mythos #3: Der Staat ist wie ein Geschäft zu führen
Mythos #4: Outsourcing spart dem Steuerzahler Geld und senkt Risiken
Mythos #5: Der Staat sollte nicht ‚auf Sieger setzen‘“

Dieses Kapitel mit seinen 38 Seiten ist schnell gelesen, räumt fundiert mit vielen Vorurteilen auf, die uns gerade im Kommunalbereich dauernd planerisch einschränken und ist allein das Geld des ganzen Buches wert.

Im Hauptteil versucht Mazzucato detailliert aufzuzeigen, wie wir unseren Beitrag zu den dringenden Herausforderungen leisten können. Damit meint sie die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele, vor allem Klimawandel und Gesundheitsfürsorge. Dabei entwirft sie ein Rahmenwerk für Projekte, in dem Staat und Verwaltung als Auftraggeber und Wirtschaftsunternehmen als Auftragnehmer gut zusammenarbeiten und die üblichen Projektkatastrophen vermieden werden können. Sie wählt sie Ausgangspunkt das Apollo-Projekt „Mondlandung“ in den 1960er Jahren und beschreibt genau, wie die NASA damals mit der ungeheuren Komplexität dieses Vorhabens umging und insbesondere die Kooperation zwischen Verwaltung und Wirtschaft selbstbewusst gestaltete.

Sie versucht, diese Vorgehensweise auf heutige gesellschaftliche Großprojekte anzuwenden und schöpft dabei aus ihrem umfangreichen konkreten Wissen, zum Beispiel als Beraterin der EU-Kommission bei der Verwirklichung des Green New Deals.

Was das Buch nicht sagt

Mazzucato zitiert Richard Newton, der vor einigen Jahren die Frage aufwarf:

“Warum bringen es Gesellschaften, die innovative Großtaten wie die erste Mondlandung realisierten, nicht zustande, gesellschaftliche Herausforderungen wie die Existenz von Slums oder das Analphabetentum zu besiegen oder auch nur organisiert anzugehen?” (Seite 138)

Ihr Buch versucht, diese Frage zu beantworten. Aber das gelingt nur teilweise. Nach meinem Eindruck spart das Buch zu sehr den Machtaspekt aus: Die Mondmission stellte in den USA keine Machtpositionen in Frage. Im Gegenteil, die meisten Mächtigen (Mazzucator spricht von der „Weißen Elite“) standen hinter dem Projekt. Das ist heute ganz anders. Eine konsequente Klimapolitik würde den gesamten fossilen Kapitalismus in Frage stellen – und die Nutznießer dieses Teils der Wirtschaft wehren sich massiv. Bis dahin, autokratische Regimes zu installieren, wie in Russland, oder es mindestens zu versuchen, wie mit Trump in den USA. Die Projekte, die Mazzucato entwirft, setzen immer einen weitgehenden gesellschaftlichen Konsens voraus, bei dem alle Mitglieder der Gesellschaft das gemeinsame Ziel gutheißen. Tun in der Realität aber durchaus nicht alle.

Bibliografische Angaben und weitere Informationen

Mariana Mazzucato : Mission: Auf dem Weg zu einer neuen Wirtschaft, aus dem Englischen von Bernhard Schmid. Mai 2021, Campus Verlag,
ISBN 13: 9783593512747,

Eine Diskussion über ihr Buch auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=-uTNPSCaMmU

Wer Marina Mazzucato mal sehr lebendig kennenlernen will, kann sich einen TED-Talk von 2013 anschauen: https://www.ted.com/talks/mariana_mazzucato_government_investor_risk_taker_innovator

Auf unserem Blog haben wir Mazzucato schon mehrfach zitiert. Zuletzt Christoph Schneider im März 2022 unter https://agile-verwaltung.org/2022/03/14/innovative-infrastruktur-fur-einen-innovationsstaat/

Autor: Wolf Steinbrecher

Volkswirt und Informatiker. Zuerst als Anwendungsentwickler in Krankenhäusern und Systemhäusern tätig. Dann von 1995 bis 2008 Sachgebietsleiter für Organisation und Controlling in einem baden-württembergischen Landkreis (1.050 MA). Seitdem Berater für Teamarbeit und Dokumentenmanagement. Teilhaber der Common Sense Team GmbH Karlsruhe, www.commonsenseteam.de. Blogger bei www.teamworkblog.de.

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