Zuständigkeiten und Zustände: Eine Fehlentscheidung einer Arbeitsagentur – und wie sie vermutlich zustande kam

Dieser Artikel ist ein Ping-pong – Wolf macht den Anfang und schlenzt dann das Bällchen elegant übers Netz schweizwärts, damit Veronika damit weiterspielt…

Eine Arbeitsagentur bestellt für eine schwer depressive Versicherte einen Chirurgen als Gutachter. Der bescheinigt ihr Gesundheit. Daraufhin wird ihr Hilfeantrag abgelehnt. Wie mag eine solche Fehlentscheidung wohl zustande kommen? Würden agile Arbeitsmethoden das verhindern?

Die Datenlage

Unsere Kenntnisse dieses Falls stammen aus einer Tageszeitung. /1/ Trotz dieser dünnen Faktenbasis haben wir uns entschieden, ihn zum Gegenstand unserer Überlegungen zu machen.

Der Fall

Die Chronik der Ereignisse ist schnell erzählt:

  • Julia R. ist Buchhalterin, seit über 20 Jahren in der gleichen Firma.
  • 2015 erkrankt sie an schwerer Depression. Als Auslöser werden der Tod eines engen Freundes und schwere Krankheitsfälle in der Familie vermutet.
  • Ihr Arzt schreibt sie arbeitsunfähig. Sie verbringt 16 Wochen im Krankenhaus, danach „lange Zeiten“ in einer Tagesklinik. Nach 78 Wochen endet der Anspruch auf Krankengeld.
  • Die Krankenkasse rät, Arbeitslosengeld zu beantragen.
  • Die Arbeitsagentur in P. schickt Julia R. zu einem Gutachter, einem Facharzt für Chirurgie und Sozialmedizin. Er erklärt: „Von psychischen Sachen verstehe ich nichts“, erklärt Julia R. aber für arbeitsfähig: „Vollschicht leistungsfähig, täglich sechs Stunden und mehr“. Nur eine Tätigkeit als Buchhalterin komme nicht mehr in Frage.
  • Der behandelnde Psychiater schreibt Julia R. weiterhin krank.
  • Die Arbeitsagentur in P. ignoriert dies und fordert Julia R., sich sofort wieder eine Vollzeitstelle zu suchen.
  • Julia R. sieht sich dazu nicht in der Lage. Die Arbeitsagentur verweigert ihr daraufhin das Arbeitslosengeld und verweist sie an das Jobcenter.
  • Dort stellt sie einen Hartz-IV-Antrag. Das Jobcenter fordert sie auf, von ihrem Bankguthaben in Höhe von 24.000 € zu leben. Unterstützung erhält sie keine.
  • Julia R. reicht Klage gegen die Arbeitsagentur vor dem Sozialgericht ein.
  • Ein Sachbearbeiter der Arbeitsagentur auf Landesebene überprüft den Fall noch einmal. Er sieht keinen Anlass zur Nachbesserung: „Für uns ist die Frau gesund. Wir richten uns nach der Aussage des Gutachters.“ Das Gutachten inhaltlich anzuzweifeln sei nicht seine Aufgabe. „Wir können doch nicht jedes Gutachten in Frage stellen lassen.“
Eine Bewertung der Ergebnisse

Der Zeitungsartikel ist umfangreich, zwei Zeitungsseiten lang. Wir finden ihn gründlich recherchiert und glaubwürdig genug, um Außenstehenden wie uns ein Bild der Situation zu erlauben. Das entstehende Bild ist an den meisten Stellen ziemlich präzise, nur an einigen weist es Lücken auf (zum Beispiel: warum sagt der Gutachter, Julia R. könne nicht mehr als Buchhalterin arbeiten?). Teilweise ist sein Stil tendenziös und von dem Frust geprägt, der der Journalistin hochgekommen sein mag, als sie sich diesen Einzelfall anschaute.Raumsoziogramm
Es kann uns also nicht um Verallgemeinerung auf „das Verwaltungshandeln“ gehen. Aber der Artikel zeigt: das ist mögliches Verwaltungshandeln in Deutschland. Und darum geht es uns hier: Welche Faktoren machen es möglich, dass solches Verwaltungshandeln stattfindet, ohne dass jemand die Notbremse zieht?

Das Ergebnis des Falles ist aus meiner Sicht unbefriedigend, in folgenden Punkten:

  1. Das Gutachten ist von einem zwar „zuständigen“ (= Sozialmediziner des Ärztlichen Dienstes), aber nicht fachkundigen Mediziner erstellt worden und nach menschlichem (Laien-) Ermessen falsch. Und der Mediziner wusste offenbar, dass er nicht fachkundig war, unterschrieb das Gutachten aber dennoch.
  2. Die Sachbearbeiter sowohl der Arbeitsagentur in P. als auch der Landesagentur nehmen das Gutachten trotzdem zur Entscheidungsgrundlage. Offenbar wissen sie, was sie tun. Was für ein Ausdruck „für uns ist die Frau gesund“!:

für uns! – Für wen? Für uns „als Beamte“?
Also wohl auf Deutsch: „für uns als Menschen ist die Frau offenbar krank, aber für uns als Sachbearbeiter ist sie gesund“. Ein anderer Sinn dieses Satzes ist nicht vorstellbar!
Für mich ist das ein Bild von zwei Fällen von Verrohung, und als Vehikel dieser Verrohung die Verwendung von „alternativen Fakten“.

Spekulation über die Hintergründe

„Interessiert sich von den vielen teuren, von Steuern finanzierten Arbeitsberatern keiner für den Menschen hinter dem Antrag?“, fragt die Journalistin des Artikels, und gibt selbst die Antwort: „Nein.“
Ich würde es vorsichtiger formulieren. Es gibt eine Verrohung in diesem Ablauf, ja. Aber die Handelnden begründen ihre Taten immer, wie wenn sie gegen ein Gewissen argumentieren müssten. Es gibt schon noch ein Gefühl „für den Menschen hinter dem Antrag“. Aber dieses Gefühl wird, quasi als eine Gewalt gegen sich selbst, niedergewalzt.
Gründe für Verrohung gibt es bekanntlich viele. Im professionellen Bereich sind es häufig Loyalitätskonflikte, die die Betroffenen in einer Zwickmühlensituation bringen (double bind).
Spekulation über einen möglichen Loyalitätskonflikt des Arztes: „Wie stehe ich da, wenn ich den Fall ablehne, mich für unzuständig erkläre? Der Sachbearbeiter hat mich ja gerade beauftragt, weil er in mich Vertrauen setzt und meine Gutachten schätzt. Wie wird sich sein Bild von mir ändern, wenn ich den Auftrag ablehne? Stehe ich dann als Waschlappen da, der die Sozialerschleicher nicht hart genug anfassen mag?“
Spekulation über einen möglichen Loyalitätskonflikt des SB der Arbeitsagentur in P.: „Wir haben unsere Kennzahlen. Unsere Ablehnungsquote soll dieses Jahr auf 35 % steigen – letztes Jahr lag meine gerade mal bei 27%. Wenn wir es dieses Jahr wieder nicht schaffen, steht unsere Abteilung ganz schön mies da. Und sooo elend wie andere sieht Frau R. gar nicht aus – sie wird’s schon verkraften.“

Was wäre agil vielleicht anders möglich?

Der Ping-pong-Ball springt hier nach professionellem Rückhandvolley leicht angeschnitten elegant geführt in die rot-weisse Tischhälfte.

Der geneigte Leser mag sich daran erinnern, dass wir in den frühen Anfangszeiten dieses Blogs hier und hier vorgeschlagen hatten, den Begriff ‚agil‘ und konkrete Anwendungswege für die Verwaltung dazu mit sechs kurzen Merksätzen darzustellen. Nehme ich das doch nochmal hervor:

Das Ganze in den Blick nehmen…
  • Welches Anliegen genau soll hier eine Lösung finden?
    – Julia R wird hier sicher eine andere erste Antwort geben als die Behördenvertretenden oder allfällige Gutachter.
    Der Sachbearbeiter anders als die Chefetage.
  • Wer hat oder vertritt welches Interesse dabei?
  • Was ist für wen wichtig? Was braucht wer? Was braucht Julia R., was braucht die Behörde, um ihre Aufgabe zu erfüllen?
  • Was ist gleich von Bedeutung, was mittelfristig wichtig, was auf lange Sicht?“

Wenn solche Fragen gestellt und die oft unterschiedlichen Antworten formuliert werden, entsteht ein Gesamtbild der Situation, das in konstruktive Wege führen kann. Reflexartige Standards, Missverständnisse, Unterschiede in Informationsstand und Ansichten wie auch Entfremdung im Umgang mit der Sache und der betroffenen Person werden sichtbar(er) und können einfliessen in die Lösungsfindung:
Lösung für die betroffene Bürgerin, Lösung für die Erfüllung des Grundauftrages der Behörde in Kenntnis ihrer Möglichkeiten, Pflichten und Grenzen etc…
Big pictures verändern die Perspektiven.

…cross-funktionale verantwortliche Teams bilden…

Politische Interessen, finanzielle Vorgaben, generelle Präzedenzen, gesetzgeberische Rahmen, medizinische Diagnostik, alle diese sind Teil der Fragestellung. Verschiedene Fachlichkeiten beleuchten verschiedene Aspekte. Das Handlungsteam hat so die Zutaten, die es braucht, um Einsichten zu gewinnen, zu analysieren, abzuwägen, aufeinander zu reagieren, voneinander zu wissen, zu nuancieren und abgestützte und tragfähige Lösungen zu diskutieren.
Wenn das Team verantwortlich handeln kann in dem, was geschieht, – das heisst im Rahmen bestimmter Voraussetzungen und Vorgaben entscheiden und realisieren kann – dann kann Identifikation und Interesse an der Gesamtlösung entstehen. Das ist eine gute Voraussetzung für eine der Situation adaptierte sinnvolle Auseinandersetzung – punktuelle abstrakte Loyalitäten wie eine verordnete Ablehnungsquotenerhöhung bekommen einen anderen Kontext zugunsten von Entscheidungsmarge und Bezug zur realen gegebenen Situation.

…und die Anspruchsgruppen einbeziehen.

Was spricht dagegen, Julia R. in den Prozess einzubeziehen? Die Gründe für ein bestimmtes Vorgehen oder unterschiedliche Vorschläge und deren Entwicklung mitzubekommen? Dass vielleicht nicht herauskommt, was sie sich erhofft und dass das unangenehm für alle Beteiligten ist, damit konfrontiert zu sein? Das passiert allerdings auch in der geschilderten Vorgehensweise.aufnahme23
Sie muss sich mit ihrer Situation auseinandersetzen – und das müssen die Sachbearbeiter, Gutachter, potentiellen Arbeitgeber auch. Sie existentiell, die anderen professionell. Jeder aus seiner Rolle heraus. Auf die gegebenen Umstände bezogen.

Mit überschaubaren Änderungen und Teilergebnissen experimentieren…

Standards, Routinen, Regulierung und geformte vorgefertigte Prozesse haben Vorteile (wie Sicherheit, Nachvollziehbarkeit, Vergleichbarkeit) – und Nachteile. Komplexität ist mit zu starren Vorgehensweise nur sehr bedingt oder gar nur scheinbar beizukommen und die Gefahr besteht, an komplexen Realitäten mit Vorgefertigtem gezielt vorbei zu handeln. Statt mit dem einen grossen Wurf eine theoretisch valide Lösung zu verfolgen (und eventuell immer wieder auf dieser Basis flicken und nachbessern zu müssen ohne viel weitere Optionen), kann es hilfreich sein, kleinschrittiger vorzugehen. In Arbeitssituationen herauszufinden, was Julia R. leisten kann und was nicht. Bessere oder ihrem aktuellen Zustand angemessenere Varianten zu erkennen, nachzujustieren oder nach kurzer Zeit festzustellen, dass der letzte Versuch ein falscher Weg war und einen anderen suchen zu können – weil noch keine früh gestellte Weiche anderes versperrt. Für den Menschen, aber auch zum Schutz einzusetzender Mittel.

…regelmässiges Feedback von innen und aussen einholen…

Unbeteiligte können mit Aussensicht oft Dinge erkennen, die die Involvierten nicht (mehr) mitbekommen. Weil mit der Zeit Distanz fehlt, weil sich Vorgeschichte mit tagesfrischer Realität mischt, weil der Prozess wichtiger wird als das Produkt… Für Feedback einen aktuellen Stand verständlich, ausreichend vollständig und greifbar formulieren zu müssen, kann ebenso hilfreich und bereichernd für ein Team sein wie es die eigentlichen  Feedbacks selbst sind.

…und das System immer wieder angemessener machen.

Das eigene Vorgehen nach oder während solcher Verläufe immer wieder zu betrachten und die Möglichkeit zu gewinnen, aus Erfahrung Schlüsse zu ziehen und die Marge zu haben, danach angepasst zu handeln, immer wieder situationsbezogen und reflektiert, erlaubt, statt ‚best practices in Form des ersehnten  EINEN Ei des Kolumbus zu suchen, viele ‚good practices‘ zu sammeln. Und die sind nicht exklusiv, davon kann man gar nicht genug haben. Die Limitierung der einen besten Lösung, die ja meist gar zu schwer bis gar nicht zu finden ist, entfällt.

Also?jonglage flieder

Das heisst alles nicht, dass agil alles besser oder angemessener hätte gelaufen sein könnte gemusst. Darüber nachzudenken macht aber Blickwinkel, Denkwege und vielleicht auch Handlungsoptionen auf.

 

Anmerkungen

/1/ Frankfurter Rundschau: „Für uns ist die Frau gesund“, Ausgabe vom 21. April 2017, Seiten 20-21

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