Wie lernen wir als Gesellschaft?

Großgruppenworkshops mit unterschiedlichen Beteiligten sind ein effektives Mittel, um als Gesellschaft zu lernen. Aber warum funktionieren solche Formate und was hat das mit Rinderzungen zu tun?

Die anstehenden Probleme kann kein Mensch allein lösen

Meine Kollegin Uta Kapp hat mich auf den Unterschied zwischen Human Potential und Social Potential hingewiesen. Beim ersteren geht es um die Entwicklung einer einzelnen Person. Wie werde ich eine bessere Führungskraft? Wie werde ich besser in ____? Beim letzteren geht es um die Entwicklung einer ganzen Gesellschaft. Wie können wir besser zusammenarbeiten, um anstehende Probleme zu lösen? Wir können wir gemeinsam mehr lernen?

Ich habe dazu ein Zitat von Buckminster Fuller in der Einleitung zu seinem World (Peace) Game gefunden./1, S. 1/

Ich bin sicher, dass keines der Probleme der Welt – über die wir heute alle nachdenken – Hoffnung auf eine Lösung hat, es sei denn, die gesamte Welt um die Individuen der Gesellschaft wird gründlich und umfassend autodidaktisch.

Buckminster Fuller

Fullers World Game ist ein Beispiel für eine Workshop in einer großen Gruppe, in der alle gemeinsam lernen. Inzwischen gibt es verschiedene Formate für große Gruppen.

Eine Fuller-Sicht auf die Erde (Quelle: Wikipedia)

Warum funktionieren Großgruppenmethoden?

Barabara Benedict Bunker und Billie T. Alban erzählen, wie ein Experiment des Gestaltpsychologen Kurt Lewin zur Entwicklung von Großgruppenmethoden wie Future Search oder Real Time Strategic Change geführt hat. /2, Chapter 14, S. 309/

Das US-amerikanische Kriegsministerium wollte erreichen, das Hausfrauen auch andere Teile von Rindern verwerteten, als bisher üblich war. Damit wollte man die Ernährungssituation der Bevölkerung verbessern. Kurt Lewin schlug folgendes vor: Eine Gruppe von Hausfrauen bekommt einen Vortrag, in dem die Vorteile von anderen Rindsteilen gelobt werden und in dem entsprechende Rezepte vorgestellt werden. Die eine Hälfte der Gruppe fährt anschließend nach Hause. Die andere Hälfte diskutiert den Vortrag in kleinen Gruppe und kündigt öffentlich an, sich an die Empfehlungen zu halten. Bei der Messung nach sechs Monaten stellte man fest, dass die Frauen aus der Gruppe, die diskutiert hatte mit einer höheren Wahrscheinlichkeit die neuen Rezepte ausprobiert hatte, als diejenigen, die dem Vortrag nur zugehört hatten.

Kurt Lewin und später sein Schüler Ronald Lippitt fingen an, die Gründe für den Erfolg solcher Change-Programme zu erforschen.

Jahre später hört sich Ron Lippitt die Tonbänder von Gruppensitzungen an und stellt fest, dass es Gruppen viel Kraft kostet, wenn Probleme der Vergangenheit oder der Gegenwart besprochen werden. Aber immer, wenn es um die Zukunft geht, gewinnt eine Gruppe Energie. Lippitt und sein Sohn entwickeln ein Workshopmodell für preferred futuring, für Planung einer bevorzugten Zukunft./3/

Was bedeutet das für die Verwaltung?

Buckminster Fuller gibt den Spieler:innen seines World Games einen einfach klingenden Auftrag: Lassen Sie die Welt in der kürzesten möglichen Zeit funktionieren, für 100% der Menschheit, durch spontane Zusammenarbeit, ohne ökologische Vergehen oder zuungunsten von niemandem.

Diese Idee können wir nutzen, um in einem Verwaltungsgebiet gemeinsam ein komplexes Problem besser zu verstehen. Wie wäre es, wenn für einen Moment den Gedanken beiseite schieben, dass des einen Vorteil automatisch des anderen Nachteil ist (Nullsummenspiel). Dies könnte der Ausgangspunkt für eine große Gruppe sein, in der das ganze System vertreten ist. Diese Gruppe stellt sich eine bevorzugte Zukunft vor. Beim Entwickeln und Diskutieren von Lösungen lernen alle Beteiligten.

Interessant ist, dass Buckminster Fuller bei seinem World Game ausdrücklich vom großen Plan abrät. Das ist in komplexen Systemen nicht möglich. Stattdessen empfiehlt er, sich vorzubereiten und einfach anzufangen.

Anmerkungen

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