Inspiration, Partizipation, Kreativität – innovative Ansätze bei der Entwicklung einer neuen Stadtteilbibliothek in Würzburg

Stadtentwicklung in Würzburg: Bei der Konversion eines ehemaligen Flug- und Militärgeländes fungiert die Stadtbücherei als Treiber von Innovation und Bürger/innen-Beteiligung. Inspiriert von internationalen Beispielen geht das Bücherei-Team neue Wege, um die Bibliothek eng an den Bedürfnissen der Stadtteilgesellschaft auszurichten. So wird die Konzeption mittels Design Thinking for Libraries gemeinsam mit Würzburger Bürgerinnen und Bürgern erarbeitet.
Ein Erfahrungsbericht über die Anwendung dieser innovativen Methode.

Ein neuer Stadtteil entsteht: Die Stadt Würzburg entwickelt im Ortsteil Hubland ein ehemaliges Militärgelände. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Areal als Fliegerhorst und Kaserne und ab den Fünfzigerjahren bis ca. 2010 von der US-Army genutzt. Mittlerweile ist das Gelände im Eigentum der Stadt Würzburg. Geplant ist, dass dort künftig 4-5 Tausend Menschen ein Zuhause finden. Zurzeit findet dort die Landesgartenschau 2018 statt. Auch die Erschließung mit Verkehrswegen, Nahversorgung, Gewerbe etc. und die Bebauung mit Wohngebäuden hat begonnen.

Damit sich die künftigen Bewohner/innen ihren Stadtteil aneignen, sich einleben und dort wohlfühlen können, braucht es jedoch mehr als Wohnungen und Nahversorgung. Deshalb wird das Team der Stadtbücherei Würzburg im Hubland eine zusätzliche Stadtteilbücherei als „3. Ort“* für alle schaffen. Dieser 3. Ort wird ganz wesentlich zur Entwicklung der Stadtteilgemeinschaft beitragen; er ermöglicht Teilhabe, Kennenlernen, Vernetzung, Aktivität und Bildung.
* Das Zuhause gilt als 1. Ort, als 2. Ort die Arbeitsstätte. Der Begriff „3. Ort“ beschreibt öffentliche Begegnungsräume für Menschen: zum Beispiel Cafés, Bibliotheken, Museen, Theater, Buchläden, Kirchen etc. 3. Orte sind idealerweise Oasen, die uns die Möglichkeit zu geplanten und auch ungeplanten Treffen bieten, an denen wir uns gerne aufhalten, uns zugehörig und willkommen fühlen. Im Unterschied zu vielen anderen 3. Orten ist eine Bibliothek neutral, nicht kommerziell, sicher und offen für alle.

Die Stadtteilbibliothek Hubland wird in den Tower des ehemaligen Fliegerhorsts einziehen, eines der wenigen Gebäude aus den 1920er-Jahren, die erhalten bleiben. Nach Umbau und Sanierung stehen der Bibliothek Erd- und Untergeschoss des Towers zur Verfügung – pro Etage ca. 200 qm. Damit nutzt die Stadtbücherei Würzburg diese Ausgangssituation als Chance, von Beginn an den neuen Stadtteil mitzugestalten und sich dort zu positionieren.

 Als Mitglied des internationalen Netzwerkes INELI (International Network of Emerging Library Innovators – ein Projekt der Bill & Melinda Gates Foundation) nutzt die Direktorin der Stadtbücherei Würzburg (Verfasserin dieses Artikels) ihre weltweiten Kontakte für den intensiven Wissens- und Erfahrungsaustausch mit Bibliotheken in Ländern aller Kontinente. Dies ermöglicht der Autorin im wahrsten Sinne des Wortes Horizonterweiterungen, sorgt für neue Inspirationen und für ein verändertes bzw. erweitertes Rollen- und Aufgabenverständnis der Stadtbücherei Würzburg (und Öffentlicher Bibliotheken insgesamt). Das Würzburger Bibliotheksteam sieht sich jetzt noch viel mehr dem Dienst an der Stadtgesellschaft verpflichtet. Die Angebote und Programme werden sich noch stärker auf die Bedürfnisse der Bürgerschaft fokussieren: Die oberste Priorität genießen Menschen und die Gesellschaft, nicht die internen Belange der Bibliothek.

Am Beginn dieser Ausrichtung steht logischerweise die Notwendigkeit, die Bedürfnisse der (Stadt-)Gesellschaft herauszufinden und zu verstehen. Zu diesem Zweck wenden Bibliotheken in anderen Ländern bereits die Methode „Design Thinking for Libraries“ an. INELI-Mitglieder der öffentlichen Bibliotheken von Aarhus (DK), Helsinki (FIN) und Chicago (USA) berichten von langjährigen und sehr guten Erfahrungen mit dieser partizipativen Herangehensweise an Innovation. Prominente Beispiele sind die Bibliotheksneubauten DOKK1 in Aarhus und Central Library in Helsinki.

In Würzburg ist nun die Entwicklung der Stadtteilbibliothek Hubland das erste Projekt, bei dem die Methode „Design Thinking for Libraries“ angewendet wird. Mit der Prozessbegleitung und Beratung ist Bibliotheksconsultant Julia Bergmann beauftragt.

Inspiriert von Bibliotheken, die als 3. Ort für die Bevölkerung gestaltet wurden und funktionieren, konnte die Stadtbücherei Würzburg den seit vielen Jahren international tätigen Architekten und Creative Guide Aat Vos (NL) gewinnen sowie den Planer und Innendesigner Klaus Dossler aus Würzburg. Zusammen mit dem Büchereiteam setzen die Beiden die Ergebnisse des Design Thinking Prozesses in die Gestaltung der Stadtteilbücherei um.

 Visionen für die neue Stadtteilbücherei

 Das Motto „Libraries Change Lives“ der Initiative Public Libraries 2020 hat sich auch die Stadtbücherei Würzburg zu eigen gemacht. Mein Team und ich sehen uns in einer gesellschaftlich relevanten Rolle: Wir glauben daran, mit unserer Arbeit und den Angeboten im Leben der Menschen Positives bewirken und nutzbringende Veränderungen anstoßen zu können. Und wir gehen davon aus, dass diese Auswirkung auf die Einzelnen die Stadt(teil)gesellschaft insgesamt voranbringen.

 Bisherige Erfahrungen mit Design Thinking

 Der Design Thinking-Ansatz ist kundenzentriert, basiert auf Experimentieren und „Learning by Doing“. Die Veröffentlichung Design Thinking for Libraries heißt im Untertitel „A Toolkit for Patron-Centered Design“ – ist also ein Toolkit für die kundenorientierte Gestaltung von Innovation. In diesem Sinne sieht sich die Bibliothek als „Ermöglicherin“ und gestaltet ihre eigene Weiterentwicklung als Prozess, der mit den Bedürfnissen der Bürger/innen beginnt und endet und nicht mit denen, die die Bibliothek selbst hat. Die Anwendung dieser Methode verlangt von den Mitarbeitenden, ihre Komfortzone (hinter der Informationstheke der Bücherei) zu verlassen und sich auf einen nicht-linearen Prozess einzulassen. Dies erfordert von jeder(m) Einzelnen Flexibilität und die Motivation zu stetiger Weiterentwicklung. Veränderungsprozesse à la Design Thinking sind nicht linear und schließen nicht mit fertigen Ergebnissen ab. Die Beteiligten müssen es aushalten, wenn sie nicht sofort die richtigen Antworten haben. Kritik und Scheitern sind Teile des Prozesses. Es braucht die Zuversicht und den Optimismus, dass sich Lösungen für eine bessere Zukunft nur im Dialog entwickeln lassen.

Design Thinking kann nur erfolgreich angewendet werden, wenn die persönliche Einstellung der Teilnehmenden passt: Voraussetzung ist zunächst die Bereitschaft, die Bedürfnisse der Kund/innen vor jene der Bücherei zu stellen. Zudem sollte man „naiv“ – mit dem frischen Blick eines Anfängers – schauen können und bereit sein, Neues über die eigene Bibliothek zu lernen, obwohl man sie gut zu kennen glaubt. Mit kreativer Zuversicht lässt sich die Angst vor Kritik und Scheitern ablegen – Schönheit liegt im Unfertigen und Unperfekten. Immer optimistisch bleiben, Probleme als Chancen verstehen und überzeugt sein, dass ein paar Menschen, die auf neue Art zusammenarbeiten, die Zukunft der Welt ein bisschen besser machen können.

So weit im Toolkit nachzulesen – klingt plausibel und man möchte allem zustimmen. In der realen Anwendung fällt nicht alles auf Anhieb leicht.
(Downloads in deutscher Übersetzung: http://designthinkingfuerbibliotheken.de)

Die Stadtbücherei Würzburg hat im ersten Durchgang parallel mit vier Teams an vier verschiedenen Themenfeldern gearbeitet: Stadtteilbücherei Hubland als …

  1. Ort der Identifikation
  2. Ort der Innovation
  3. Ort der Partizipation
  4. Dritter Ort.

Jedes Team bestand aus vier bis fünf Mitarbeitenden aus verschiedenen Bereichen der Bücherei sowie einem externen Teammitglied. Von Januar bis Mai 2017 wurde ein erster Durchgang aller Schritte des Design-Thinking-Prozesses durchlaufen.

Dieser Prozess gliedert sich in zwei Hauptphasen: a) „das Problem verstehen“ und b) „das Problem lösen“. Um den Sachverhalt verstehen zu können, wird zunächst eine starke Designfrage formuliert, die eine konkrete Herausforderung und eine Zielgruppe nennt (z. B.: „Wie könnten wir die Bibliotheksarbeit gestalten, damit die Bücherei für junge Familien auf der Suche nach Kontakt und Kommunikation zum bevorzugten Anlaufpunkt wird?“ oder „Wie könnten wir dafür sorgen, dass ältere Menschen die Bibliothek als angenehmen Aufenthaltsort wahrnehmen?“).

Danach beginnt die Erkundung, die durch verschiedene Methoden (z. B. Gespräch, Interview, Beobachtung, Foto-Tagebuch etc.) die Bedürfnisse der Kund/innen in Bezug auf die Designfrage feststellen soll. Diese Aspekte werden dann zusammengefasst und analysiert, um ein tieferes Verständnis der Bedarfe der Menschen in Bezug auf das Problem zu erlangen. Hier sollen ausdrücklich noch keine Antworten oder Lösungen gefunden werden! Diese Einschränkung stellte das Team der Stadtbücherei vor eine ungeahnte Herausforderung – ist man doch berufsbedingt gewohnt, stets nach unmittelbaren Lösungen, Erklärungen und „richtigen“ Antworten zu suchen. Das Ziel diese Phase ist jedoch ausschließlich Zuzuhören und zu Verstehen.

Dann erst startet Phase zwei: das Problem lösen.

Auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse und Inspirationen werden Ideen entwickelt. Im Anschluss werden dazu Prototypen gebaut (z. B. aus Materialien wie Pappe, Pfeifenreiniger, Moosgummi oder auch Lego).

Prototyp1
Prototyp eines Bereichs für junge Familien in der neuen Stadtteilbücherei (c) Stadtbücherei Würzburg, 2017

 

 

Ideenlabor
Platz zur Diskussion der Prototypen mit Kundinnen und Kunden in der Zentralbibliothek (c) Stadtbücherei Würzburg, 2017

 

Diese Modelle werden den Kund/innen präsentiert, um deren Feedback einzuholen und daraus weitere Schritte abzuleiten. Dieses Vorgehen kann durchaus auch rückwärts gerichtet sein, denn der gesamte Prozess ist iterativ angelegt, sodass zu jedem Zeitpunkt auch eine Idee verworfen werden kann, die der Konkretisierungsphase nicht standgehalten hat. Frühes und häufiges „Scheitern“ trägt so zur Reduktion von Projekt- und Entwicklungsrisiken bei.

Auf diese Weise haben alle vier Teams mit viel Spaß und Engagement Prototypen für neue Services und Produkte der Stadtteilbücherei Hubland gebaut.

Seit April 2018 befasst sich ein weiteres Design Thinking-Team mit der Frage „Wie könnten wir für 12–15-Jährige, die nach der Schule selbstgesteuert ihren Interessen nachgehen wollen, einen attraktiven Wohlfühlort schaffen?“ Das Ziel ist, mehr über die Bedürfnisse von Jugendlichen zu erfahren und auch diese in die Gestaltung der künftigen Stadtteilbücherei einzubringen.

Wir erleben es als große Herausforderung, bei laufendem Bibliotheksbetrieb für die diversen Tätigkeiten, Workshops und Termine der Teams ausreichend Zeit zu finden. Wichtig ist also, dass auch die Kolleg/innen, die nicht in Design Thinking-Teams mitarbeiten, das Vorhaben unterstützen. Denn sie müssen im Tagesgeschäft Mehrarbeit leisten.

Während der Durchführung ist außerdem schnell klar geworden, dass man zur sauberen Anwendung der Methode fachkundige Anleitung und Übung benötigt.

Eine weitere Erkenntnis: Im Rahmen der Erkundungsphase führten die Teams so intensive Gespräche mit Menschen wie nie zuvor (nicht zu vergleichen mit gezielten Befragungen oder den täglichen Kundengesprächen an den Informationstheken). Das ist ungewohnt und eine Herausforderung, benötigt teilweise Überwindung (siehe oben: „raus aus der Komfortzone“), bescherte aber ungeahntes und bisher in diesem Umfang nie eingeholtes positives Feedback. Selbstverständlich gab es auch Kritik: Diese Rückmeldungen über Mängel sind – genauso wie wertfrei geäußerte Ansichten über die Bibliothek – ebenso erhellend, teilweise erschütternd, immer erkenntnisreich und wertvoll. Insgesamt gesehen will das Team der Stadtbücherei Würzburg auf diese intensive Kommunikation nicht mehr verzichten. Gerade weil die angesprochenen Personen sich nicht etwa gestört oder belästigt fühlten (wie teilweise befürchtet), sondern sich über diese Möglichkeit der Partizipation durchaus erfreut zeigten. Gleichzeitig konnte eine Basis für Identifikation und Verbundenheit mit der Stadtbücherei gelegt bzw. gefestigt werden.

Fazit und Ausblick

Die Methode Design Thinking hat sich für die Stadtbücherei Würzburg bestens bewährt. Sie motiviert die Beteiligten – ob Mitarbeitende oder involvierte Bürger/innen – und führt strukturiert und zielgerichtet zur partizipativen Gestaltung von Innovation. Design Thinking macht außerdem Spaß, stärkt das Teamgefühl und sorgt für Identifikation mit den Ergebnissen. Das Team der Stadtbücherei wird diese nachhaltige Methode mit Sicherheit weiter anwenden – nicht nur zur Weiterentwicklung der neuen Stadtteilbücherei. Unser Ziel ist es, vor allem die dafür erforderliche Haltung (Priorität auf Kundenbedürfnisse, Neugier, Scheitern aushalten und Unperfektes zulassen, Flexibilität etc.) einzuüben. Dann wird es sich nach und nach das tägliche Handeln Aller bestimmen und sich auch in der Zentral- und den vier Stadtteilbibliotheken auswirken.

 

 

 

Die Autorin: Diplombibliothekarin Anja Flicker begann ihre berufliche Laufbahn in der Münchner Stadtbibliothek am Gasteig. Dort war sie unter anderem auch im Veranstaltungsmanagement tätig und später stellvertretende Leiterin der Stadtteilbibliothek Bogenhausen. Nach ihrer Karriere als Wissensmanagerin in zwei Unternehmen (Wissensmanager des Jahres 2003) wurde sie 2010 Direktorin der Stadtbücherei Würzburg. Sie sieht sich, besonders nach ihrer Teilnahme am INELI*-Programm der Bill & Melinda Gates Foundation (*Internationales Netzwerk innovativer Bibliothekare), als eine „Überzeugungstäterin“ in Sachen Kundenbedürfnisse und Bibliothek als 3. Ort.

Würzburg und Stadtbücherei Wurzburg: Die unterfränkische Universitätsstadt am Main hat ca.125.000 Einwohner. Sie ist Regierungs- und Bischofssitz. An den drei Hochschulen sind über 35.000 Studierende immatrikuliert.
Die Stadtbücherei (ca. 190.000 Medien) besteht aus einer Zentralbibliothek und aktuell vier Stadtteilbibliotheken. Für jährlich über 500.000 Besucher/innen arbeiten 40 Menschen an sechs Öffnungstagen in der Woche. Das Team legt bereits seit vielen Jahren besonderen Wert auf Kundenorientierung und stetige Innovation. Es bewältigt im Jahr mehr als 700 Veranstaltungen und ca. 1 Mio. Ausleihen.

Kontakt: Anja Flicker, Stadtbücherei Würzburg, Marktplatz 9, 97070 Wurzburg
Tel. 0931 37 2297
anja.flicker@stadt.wuerzburg.de

Autor: anjaflicker

Direktorin Stadtbücherei Würzburg

2 Kommentare zu „Inspiration, Partizipation, Kreativität – innovative Ansätze bei der Entwicklung einer neuen Stadtteilbibliothek in Würzburg“

  1. Vielen Dank für diesen spannenden Artikel. Besonders anregend finde ich den Verweis auf die Phase des Beobachtens – vor jeder Lösungssuche. Und wie ungewohnt das für uns ist! Das Paradigma der „Lösungsorientierung“ beengt unser Denken in Scheuklappen.

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