Diskussion: Digitalisierungsskeptiker haben vielleicht auch gute Gründe

Im Forum Agile Verwaltung haben wir mit einer Diskussion begonnen rund um das Thema „Digitalisierung nicht als Pflicht, sondern als Chance“. /1/ Es gibt Verwaltungen und einzelne Mitarbeiter, die die digitale Transformation eher als Belastung sehen und ihr soweit wie möglich ausweichen möchten. Und es gibt andere Verwaltungen und andere Mitarbeiter, die sie als bunte Blumenwiese begreifen, auf der man sich den schönsten Strauß pflücken kann.
In dieser gespaltenen Situation halte ich es für wichtig, auch die Motive und Gründe der Digitalisierungsskeptiker zu verstehen. Nur dann haben wir eine Chance, einen Dialog zu organisieren. Und können auch selbst, die wir uns vielleicht eher vom Gestaltenkönnen angezogen fühlen, etwas für die Art und Weise dieses Gestaltens lernen.


Andreas Reckwitz: Die (zwanghafte) Tendenz zur Selbstoptimierung

Im letzten Jahr erschien unter dem Titel „Die Gesellschaft der Singularitäten“ ein Buch des Kultursoziologen Andreas Reckwitz, das sofort große Aufmerksamkeit auf sich zog. Es stand Ende 2017 für einige Monate auf Platz 1 der Sachbuch-Bestenliste, es erhielt den Bayerischen Buchpreis 2017 in der Rubrik Sachbuch und wurde für den Buchpreis der Leipziger Messe in der Rubrik Essay/Sachbuch nomiert. /2/

Die zentrale These von Reckwitz lautet: An die Stelle der nivellierten Mittelstandsgesellschaft der Nachkriegszeit sei (zumindest) in den westlichen Ländern eine Gesellschaft getreten, in der jeder danach strebt, etwas Besonderes zu sein. War es noch vor 40 Jahren geradezu verpönt, sich nicht anzupassen, sich nicht einzufügen – so ist mittlerweile das Streben nach „Alleinstellungsmerkmalen“ in sehr vielen Bereichen (bezogen auf Unternehmen, auf Einzelpersonen, auf Städte usw. usf.) geradezu das Gebotene. Die Gesellschaft erwarte von jedem, dass er ständig an seiner „Selbstoptimierung“ arbeite.

„Markant ausgeprägt ist dies in der neuen, der hochqualifizierten Mittelklasse… An alles in der Lebensführung legt man hier den Maßstab der Besonderung an: wie man wohnt, was man isst, wohin und wie man reist, wie man den eigenen Körper oder den Freundeskreis gestaltet. Im Modus der Singularisierung wird das Leben nicht einfach gelebt, es wird kuratiert (zur öffentlichen Zurschaustellung aufbereitet, WS). Das spätmoderne Subjekt performed sein (dem Anspruch nach) besonderes Selbst vor den Anderen, die zum Publikum werden. (…) Die allgegenwärtigen sozialen Medien mit ihren Profilen sind eine der zentralen Arenen dieser Arbeit an der Besonderheit. Das Subjekt bewegt sich hier auf einem umfassenden sozialen Attraktivitätsmarkt, auf dem ein Kampf um Sichtbarkeit ausgetragen wird…“ (aus der Einleitung)

Dieser Trend existierte schon vor der Digitalisierung, aber er wird durch sie mit neuen Möglichkeiten ausgefüttert und verstärkt. Die ganzen Talentshows von DSDS bis zu Heidi Klums Sadoformat mit ihrer Botschaft „The winner takes it all“ sind nicht auf Digitalisierung angewiesen. Aber die Möglichkeiten, sich in sozialen Medien nach Zahl der „Freunde“ und Follower sich ständig selbst bewerten zu lassen und in dauernden Wettstreit mit eben jenen Freunden zu begeben, haben diese Tendenz ausgeweitet – regional, auf jüngere Altersgruppen und in andere soziale Schichten hinein.

Digitalisieren oder digitalisiert werden?

All das fasst Reckwitz unter dem Wort „Selbstoptimierung“ zusammen.

Hartmut Rosa: Es gibt unterschiedliche Formen der Selbstoptimierung

Seit November 2017 findet auf der Plattform www.soziopolis.de eine Diskussion zwischen Forschern und Sozialphilosophen verschiedener Ausrichtungen über Reckwitz‘ Thesen statt. /3/ Für mich sehr aufschlussreich war der Beitrag von Hartmut Rosa, einem Soziologie-Professor an der Uni Jena.

Rosa gibt – bei aller Zustimmung zu Reckwitz – zu bedenken, dass es zwei ganz verschiedene Formen der „Selbstgestaltung“ gebe, und zwar die Selbstoptimierung und die Selbstverwirklichung.

A. „Überall dort, wo Subjekte oder Institutionen versuchen, ihre Kennziffern, Leistungsparameter und Benchmarkergebnisse zu verbessern, bewegen sie sich im Bereich des Allgemeinen, und es trifft meines Erachtens nicht zu, dass das Allgemeine hier nur dem Besonderen dient: An der Verbesserung der Werte – seien es die tägliche Schrittzahl, der Bizeps, die Pisaergebnisse, die eingeworbenen Drittmittel, die Quartalszahlen, die Einschaltquoten, das Amazonranking oder die Umfragewerte – hängt einerseits die Libido der Akteure und werden sie andererseits gesellschaftlich ‚valorisiert‘.“ /4/

B. Dagegen stelle der Wunsch nach Selbstverwirklichung etwas ganz anderes dar: „Der Wunsch, herauszustechen unter den Vielen, einzigartig zu sein, ist ein ganz anderer Wunsch als der, seine eigenen Anlagen und Fähigkeiten zu verwirklichen. Und die Logik des ‚Kuratierens‘ steht, strenggenommen, geradezu im Widerspruch zu dem Anspruch auf Authentizität, auf authentischen Selbstausdruck. Erst recht inkompatibel sind die Prinzipien der Selbstverwirklichung und der Optimierung, jedenfalls dann, wenn Letztere vorgegebenen und quantifizierbaren Leistungsparametern folgt.“ /4/

Jetzt wird es für unser Thema „Widerstand gegen Digitalisierung“ interessant. (Du, lieber einziger Leser, der bis hierher durchgehalten hat, wirst jetzt also belohnt.) Wenn man Rosa zustimmt mit seiner Behauptung, dass Selbstoptimierung überhaupt nichts Selbstbestimmtes, sondern vielmehr etwas von der Gesellschaft Gefordertes oder gar Erzwungenes ist – dann wird auch auf die Skepsis gegen die neuen Techniken ein neues Licht geworfen.

Rosa drückt das so aus:

„Meines Erachtens verteidigen die sozialen Gruppen auf der anderen Seite der kulturellen Spaltungslinie (also die Skeptiker der modernen Selbstoptimierung, WS) durchaus offensiv ein Allgemeines, das … als das ‚Normale‘ oder ‚Natürliche‘ verstanden wird, gegen den Zwang zur Besonderung: Sie beanspruchen keine geschlechtliche Singularität, sondern wollen eine ‚richtige Frau‘ oder ‚ein ganzer Mann‘ sein, sie wollen gute Arbeit leisten, keine eigene Marke sein, ihre Kinder auf eine gute und ‚normale‘ Schule schicken und ‚ganz normal essen‘ etc. Sie nehmen sich und ihre Überzeugungen und Wertmaßstäbe vielleicht gar nicht so sehr als entwertet wahr, sondern kämpfen für sie in der Überzeugung, dass die ‚appertistisch-differenziellen‘ Werte des „Gendergaga“, des „Ernährunsgwahns“, der differenzsensiblen Political Correctness, der religiösen Neutralität etc. exzentrischer Unsinn sind.“ /4/

Rosa wirbt also darum, auch die Motive von Anhängern von Pegida und AfD (wohlgemerkt ihren Anhängern – nicht den Führern dieser Bewegungen, die ja gerade Selbstvermarkter sind) nicht in Bausch und Bogen zu verdammen. In unserem Zusammenhang „Digitalisierung der Verwaltung“ brauchen wir uns gar nicht in so extremes Terrain zu begeben.

Es reicht aus, wahrzunehmen, dass die Skepsis gegenüber einem „immer schneller, immer effizienter, immer x-er und immer y-er“ – also auch dieser penetranten Worthülsigkeit, die aber durchaus reale Folgen hat – auch eine ganz gesunde Dimension hat. Die dauernde Beschleunigung nicht nur in der Arbeit, sondern des gesamten Lebens hat ein Ausmaß angenommen, dem viele einfach nicht mehr gewachsen sind oder sein wollen.

Das heißt für uns, uns selbstkritisch zu prüfen, inwiefern wir diesem Immer-Sprech auch schon verfallen sind oder ihm zumindest nachgeben. (Auch wir Agilisten sind da nämlich nicht ganz unschuldig. Wenn man beispielsweise Bücher oder Vorträge des Scrum-Erfinders Jeff Sutherland konsumiert, dann treibt dort die Philosophie des unkritischen „immer schneller“ bunteste Blüten.)

Und dass wir in Projekten und Konferenzen und Vorträgen darauf achten, die Teilhabe an der digitalen Transformation als Angebot und nicht als Zwang zu verbreiten. Als Möglichkeit, eigene Ziele ein Stück weit zu verwirklichen und nicht, sich anonymen Zwängen zu unterwerfen.

Anmerkungen

/1/ Zum Thema „Digitalisierung und ihr Kontext“ sind bisher erschienen:

  1. Veronika Lévesque: „Die Digitalisierung kommt, soviel ist sicher. Wir dürfen uns nicht überrollen lassen…, müssen vorbereitet sein“, Post vom 11.05.2018, https://agile-verwaltung.org/2018/05/11/die-digitalisierung-kommt-soviel-ist-sicher-wir-duerfen-uns-nicht-ueberrollen-lassen-muessen-vorbereitet-sein/
  2. Rüdiger Czieschla: „Wert versprechen“, Post vom 15.05.2018, https://agile-verwaltung.org/2018/05/15/wert-versprechen/

/2/ Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten: Zum Strukturwandel der Moderne, Suhrkamp Verlag, 2017, 480 S., EUR 28,00, ISBN 978-3-518-58706-5

/3/ Überblick über alle bislang erschienenen Beiträge unter https://soziopolis.de/suche/?tx_kesearch_pi1[filter][3][143]=143tbuchforumreckwitz

/4/ https://soziopolis.de/beobachten/kultur/artikel/reckwitz-buchforum-8-die-gesellschaft-der-singularitaeten/

 

Autor: Wolf Steinbrecher

Volkswirt und Informatiker. Zuerst als Anwendungsentwickler in Krankenhäusern und Systemhäusern tätig. Dann von 1995 bis 2008 Sachgebietsleiter für Organisation und Controlling in einem baden-württembergischen Landkreis (1.050 MA). Seitdem Berater für Teamarbeit und Dokumentenmanagement. Teilhaber der Common Sense Team GmbH Karlsruhe, www.commonsenseteam.de. Blogger bei www.teamworkblog.de.

2 Kommentare zu „Diskussion: Digitalisierungsskeptiker haben vielleicht auch gute Gründe“

  1. Hallo Herr Wolf,

    ich picke mir nur ein paar Punkte heraus. Zunächst möchte ich sagen, dass der Artikel keine leichte Kost ist, aber das muss er ja auch vielleicht nicht sein.

    Die dauernde Beschleunigung nicht nur in der Arbeit, sondern des gesamten Lebens hat ein Ausmaß angenommen, dem viele einfach nicht mehr gewachsen sind oder sein wollen.

    Stimmt, und das ist vielleicht auch eine ganz natürliche Reaktion auf Veränderungen und Komplexität. Die Last der ständigen Beschleunigung wird unabhängig vom Alter von sehr vielen Menschen geteilt. Aber ich glaube, dass sowohl Scrum als auch Digitalisierung einen Rahmen brauchen, die wieder den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Gerade Agiles Arbeiten und auch die Digitalisierung haben ja eine soziale wertschätzende und vernetzende Seite. Das ist aber vielen Menschen überhaupt nicht bewusst.

    Deswegen ärgert es mich, wenn Sutherland von 4x schneller mit Scrum redet, statt über Werte wie Selbstorganisation, Lernen und Zeit für Reflektion zu sprechen. Und auch die Digitalisierung kann eine „warme“ Seite haben. Es entsteht gerade mit Working Out Loud eine Bewegung, die auch und gerade in der Verwaltung von Vorteil sein kann. Aktives Teilen und Geben von Wissen als Basis für Vernetzung innerhalb und außerhalb der Organisation

    Das als erste Gedanken.

    Danke für den Artikel,
    Viele Grüße,
    André Claaßen

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  2. Lieber Wolf,

    Danke für diesen so wichtigen Gedankenimpuls!

    Die dauernde Beschleunigung nicht nur in der Arbeit, sondern des gesamten Lebens hat ein Ausmaß angenommen, dem viele einfach nicht mehr gewachsen sind oder sein wollen.

    Ich schrieb vor einiger Zeit darüber, dass der angeblich so befreite Mensch in der Selbstbestimmung sehr leicht in die Selbstausbeutung gerät, eben nicht mehr erkennend, dass da eine Person ist, die ihn fremdsteuert, sondern dass es gesellschaftliche Regeln gibt, die an seine Stelle treten, aber nicht so leicht erkannt werden (siehe: Selbstausbeutung: das neue Leiden des 21. Jahrhunderts?).

    Ich las vor ein paar Wochen einen sehr erhellenden Artikel von Jemanden, der inzwischen die Schnauze von der Selbstoptimierung voll hat (Joggen vor dem Frühstück, Smoothies trinken, positives Denken, …), habe leider den Link nicht mehr …

    Ein anderer Effekt des Mithaltenwollens ist auch das, was Andreas Zeuch in seinem Artikel über die Helikopter-Eltern schrieb (siehe: Der Tod von New Work: Helikopter-Eltern): ihre Kinder entwickeln kein Selbstvertrauen mehr und die Resilienz lässt auch zu wünschen übrig. Was gut gemeint sein mag, weil die Kinder optimal gefördert sein sollen, ist am Ende doch schlecht gemacht, weil zu überbehütet.

    Das, was wir in unseren Retrospektiven auch immer wieder ansprechen ist die: Lasst uns nicht zu schnell unterwegs sein!
    Das gefährdet Qualität und Zufriedenheit.

    Viele Grüße
    Martin

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