Agil Schule leiten

Ein kleiner Teil unseres Forums agil lernen und lehren hat sich 2013  den Genuss einer fiktiven Laborschule am fiktiven Ort Weit im Winkl gegönnt, um dort Ideen frei von behördlichen Vorgaben in ein Schulprogramm schreiben zu können. Wir haben dort auf www.aufeigenefaust.com auch eigene Unterrichtslektionen hochgeladen, um auszuprobieren, wie sich „Flip the Classroom“ anfühlt. Wir haben ausprobiert, angepasst, verworfen, neu ausgerichtet, diskutiert, verglichen, verworfen, experimentiert … in kurzen Zeitabschnitten.

Die Story der Laborschule und die pädagogischen Vorstellungen haben wir des öfteren für Lehrerfortbildungen benutzt … in Form einer Zukunftswerkstatt. In Schülerberatungen funktionierte sie oft als Trost – frei nach dem Motto: „In Weit im Winkl hättest du jetzt kein Problem“. Ein Konzept, um schulische Probleme zu relativieren und nach aktuellen Lösungen zu suchen. Die Story der Laborschule ist als Science Fiction geschrieben und findet sich hier.

Für diesen Blog neu geschrieben haben wir aktuell die Aufstellung der Schulleitung in Weit im Winkl unter agilen Aspekten.

Heinz Bayer / Veronika Lévesque

Agile Schulleitung in Weit im Winkl

10 Jahre, nachdem Jeff Sutherland mit seinen Mitstreitern 2001 in Kalifornien das agile Manifest für die IT Branche geschrieben hatte, machte im Süden Hollands Willy Wijands mit eduScrum daraus ein Konzept für den Unterricht und nahm auch das Kollegium an der Laborschule in Weit im Winkl agiles Denken als Grundlage für ihre neue Leitungs- und Organisationsstruktur.

Direktor Enderle und sein Stellvertreter Rütli waren sich einig: Das alte System der Hierarchien hatte ausgedient. Warum sollte die Idee der agilen Organisationsstruktur nicht auch an Schulen funktionieren.

Der Chef und sein Stellvertreter spielten zu Beginn den Product Owner …die Fachabteilungsleiter und Fachsprecher waren die Scrum-Master und die Lehrer*innen organisierten sich in Scrumteams. „Alles Weitere wird sich zeigen,“ war die erste Aussage von Direktor Enderle. „Agile Schule lebt vom Ausprobieren“ stand über der Tür des Direktionszimmers, deren Türblatt symbolisch aus den Angeln gehoben war. „Transparenz“ war auf die Tür gesprüht. In diesem Zimmer hing das große digitale Organisationsboard, auf dem alle Prozesse, die in der Schule abliefen, zu verfolgen waren. Die dafür entwickelte Software verknüpfte auch die einzelnen Scrumboards der Lehrer-Scrum-Teams, sodass die Vorgänge in der Laborschule für alle Lehrkräfte wirklich sehr transparent abliefen. An der Wand hingen in großer Schrift folgende sechs zentralen Aspekte zu agil leiten und agil lernen und lehren:

  • Das Ganze in den Blick nehmen
  • Cross-funktionale Teams bilden
  • Mit überschaubaren Änderungen und Teilergebnissen experimentieren.
  • Die Schüler/innen mit einbeziehen
  • Sich regelmäßiges Feedback von innen und außen verschaffen
  • Sein System immer angemessener machen.

Das Direktionszimmer war kein wirkliches Direktionszimmer mehr … es war ein Treffpunkt für alle Lehrer*innen der Schule … mit Kaffeeautomat und Stehtischen. Der Direktor brauchte ja eigentlich auch keinen festen Arbeitsplatz. Er ließ sich meistens durch die Schule treiben und schaute sich die Sache unter dem Aspekt 1 an: Das Ganze in den Blick nehmen. Das war seine Aufgabe. Außerdem hatte das Kollegium ihm und seinem Stellvertreter verordnet, dass sie immer auch in einem Projekt eingebunden sein mussten, um das sich verändernde Denken von Schüler*innen immer zu verstehen … Aspekt 1 eben – Blick auf das Ganze.

Aspekt 2 war Aufgabe der Fachabteilungsleiter. Cross-funktionale Teams bilden. Sie mussten darauf achten, dass immer wieder die richtigen Leute in den ScrumTeams zusammenkamen. Dass Hausmeister und Sekretärinnen und Putzfrauen genauso bei der Zusammenstellung beachtet wurden wie Schulsprecher*innen oder andere hochaktive Schüler*innen.

Die Fachsprecher*innen hatten Aspekt 3 zu beachten. Mit überschaubaren Änderungen und Teilergebnissen experimentieren. In manchen Fachschaften musste man Zügel anlegen, weil das neue System des transparenten Dürfens ohne dauerndes Klassenzimmer-Silodenken bei den Kolleg*innen ungeahnte Kräfte freisetzte. Das alte System musste aber vorsichtig und überlegt in kleinen Schritten in die Zukunft transformiert werden. Das war allen klar und die Fachsprecher*innen hatten die Rolle der Wächter darüber bekommen.

Jahre später ging man ganz weg von den alten Hierarchien, die ja schon lange keine mehr waren und verknüpfte Funktions-Aufgaben mit Deputatsnachlass, nicht mehr mit Funktionsstellen.

„Als Schule hast du es eigentlich einfach, wenn du dich von einer hierarchischen Struktur zu einer agilen und selbststeuernden Organisation entwickeln willst “ meinte der ehemalige Direktor Enderle später einmal in einem Fernsehinterview – kurz nachdem die Sache mit dem Steckerziehen aufgeflogen war. „Als Schuldirektor verdienst du grade mal 10% mehr als deine Abteilungsleiter und deine Abteilungsleiter 10% mehr als die Lehrer*innen. In der Industrie hat man im Schnitt als Chef mindestens 100% mehr als ein Abteilungsleiter … und zwar nach oben offen. Da ist der Wandel viel schwerer. In der Schule steht einem nur leider meist die Bürokratie im Weg, aber die hatten wir ja damals geschickt ausgeblendet“ grinste er breit.

gehaltsvergleich

Aspekt 4 – die Schüler/innen mit einbeziehen – war im Café L ein zentraler Ansatz: Der größte Raum im Schulhaus neben der großen Aula war die „Arena der Kollaboration“. Dieser Raum war sehr futuristisch anzusehen mit vielen Winkeln und abgetrennten kleinen Abteilen, Sitzgelegenheiten, Stehtischen und einem großen Rund in der Mitte für schnelle Meetings. An den Wänden hingen große Touch-Screen-Bildschirme, die alle Aspekte des Laborgymnasiums abbilden konnten. Hier war ein von außen gesehen chaotisch wirkendes Kommen und Gehen von Lehrpersonen und aktiven Lernenden. Aber genau hier entstand – immer wieder neu – die neue Art des Lernens, die neue Art von Schule, die neue Sicht von Prozessen. An den vier Türen zu dieser zentralen Arena der Kollaboration stand ein Satz: Die Zukunft der Schule heißt Augenhöhe. Hier entstand, mit den vielfältigen Methoden der Agilität, ein ganz eigener Kosmos des Austauschs über die konkrete Frage, wie man es schaffen kann, den Notenschnitt der Mittleren Reife und des Abiturs kontinuierlich zu verbessern – bei gleichzeitig steigender Lebensqualität der arbeitenden Menschen im Lebensraum der Laborschule Weit im Winkl.

In der Arena der Kollaboration wurden natürlich auch die vielen Feedbackmethoden diskutiert und immer wieder neu erfunden.

Aspekt fünf. Sich regelmäßiges Feedback von innen und außen verschaffen. Die Hattie-Studie war immer wieder neu angepasst worden und hatte in der Arena einen festen Platz. Feedback von innen war permanente Normalität, Feedback von außen holte man sich durch die Bürger/innen, die ja auch oft Teil der Schule waren und diese Sicht übernehmen konnten.

Aspekt  sechs stand über der Eingangstür zur Schule und war Aufgabe aller am Schulleben Beteiligten. „Mache diese Schule immer angemessener an die Zukunft.“ Überall im Schulhaus gab es kleine Briefkästen mit Zettelblöcken und Stiften daneben.

Idea-Box stand darauf und jeder war aufgefordert, Ideen, Änderungswünsche, Kritiken, Vorschläge etc einzuwerfen.

Man wusste: Diese Ideenkästen leerte niemand anderes als der Direktor selbst. War doch seine zentrale Aufgabe, das Ganze im Blick zu behalten.

 

… Fortsetzung folgt

 

Diese Idee einer fiktiven agilen Laborschule, die sich unentwegt ändern und anpassen kann, wird bei der Jahrestagung des Forums agil lernen und lehren im Herbst auch im Programm erscheinen. Auch wenn es natürlich keine Schule gibt, die so wunderbar frech und kompromisslos wissenschaftliche Erkenntnisse in pädagogischen Strukturen umsetzen kann wie die Laborschule in Weit im Winkl, so kann man trotzdem Visionen herunterbrechen, um konkret an einer eigenen agilen Schulleitung und Schulverwaltung zu bauen. Davon sind wir überzeugt. Wenn Direktor*in und Stellvertreter*in  anfangen, agil zu denken, dann verändert sich Schule. Denn dann lassen sie zu und an jeder Schule gibt es Lehrer*innen, die aus „Zulassen“ starke Entwicklungen machen. Daran wird sich am Ende auch kein Regierungspräsidium oder Schulamt stören, da man sehr viele Ansätze der Zukunft auch in den alten Gemäuern verkrusteter Bildungsverwaltungen umsetzen kann. Wenn es eine agile Schulleitung gibt und ein Kollegium, das sich gerne von neuen Ideen anstecken lässt. Denn am Ende lieben Schulbehörden den Erfolg ihrer Schulen. Also seien Sie einfach erfolgreich, dann geht ganz viel. 🙂

Heinz Bayer / Veronika Lévesque

 

 

 

Autor: Heinz Bayer

Laborschule Weit im Winkl - www.aufeigenefaust.com

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