Agile Entscheidungen – langfristige Kurzweil

In Wien unterwegs – wunderbare Stadt… . Hier schlendere ich bewusst und absichtsvoll völlig planlos durch die Stadt. Und dadurch passieren mir hier immer wieder Begegnungen und Trouvaillen, die ich im Alltag selten finde. Liegt das an der Einzigartigkeit Wiens? Oder liegt das an der Offenheit und dem Freiraum, die durch meine Planlosigkeit entstehen? Mit Verlaub: ich glaube, beides.

Manchmal, wenn ich an einem besonders originellen oder lauschigen Ort vorbeikomme, spüre ich leicht zupfend den Reflex, den Ort zu notieren, vielleicht doch eine Liste von Lieblingsorten zu verfassen. Dann stelle ich mir vor, wie ich beim nächsten Wienbesuch die Liste zücke und an Lieblingsorte zurückkehre……… Und dann schüttele ich über mich selbst den Kopf. Will ich wirklich immer wieder an dieselben Orte zurück? Fertig mit einfach draufloslaufen? Ganz erwachsen zielgerichtet sein? Den Freiraum zuschaufeln, das Treibenlassen hintanstellen, um gezielt zu bereits Entdecktem zurückzukehren? Nicht Neues mehr zu entdecken? Was gewinne ich dadurch?

Es ist wohl die Gewissheit, langfristig an bereits bewährt schönen Orten zu landen, die reizvoll ist. Risikofrei mit hoher Sicherheit. Sicherer Erfolg. Möglichst wenig Ausschuss.

Wir sind uns gesamtgesellschaftlich vieler Verläufe heute sehr sicher. Wir treten einen beruflichen Weg, eine persönliche Entwicklung an und sind uns – ohne darüber gross nachzudenken – fast selbstverständlich ziemlich gewiss, dass es, vielleicht mit kleineren Misserfolgen und Rückschlägen, aber doch eigentlich sicher immer weiter geht. Die meisten von uns erreichen das Rentenalter. Das war nicht immer so einfach sebstverständlich wie heute. Es ist fast eine Anspruchshaltung: Wir müssen kaum je um unsere schiere Existenz kämpfen, wenn wir vernünftig sind und ein bisschen planen – höchstens um die Qualität oder Höhe des Lebensstandards. Ungewissheit und Risiko sind eher negativ besetzte Begriffe, die nicht auf den ersten Blick wünschenswertes implizieren.

Der Preis ist, dass das Umgehen mit Neuem und Zufälligem sehr weit nach unten rutscht auf der Prioritäten- und To-Do-Liste. Und im Leistungsausweis.

Noch vor hundert Jahren war das Erwachsenwerden, das in relativ hoher Existenzsicherheit sich bewegen, noch viel weniger sicher. Langfristige Lebenswege zu planen nur bedingt realistisch. In der in vielen Dingen von der Pioniermentalität geprägten amerikanischen Gesellschaft ist das noch spürbar: zu scheitern, bankrott zu gehen, wieder neu anzufangen, ist dort nach wie vor eher häufiger – und bei weitem nicht so verschrieen. Es gilt als Tugend und Errungenschaft, nach einem existentiellen Crash wieder auf die Füsse zu kommen. Als Leistung, als vertrauensbildend. Bei uns ist es fast ein bleibender Makel. Kaum wieder loszuwerden. Denn das wäre doch sicher vermeidbar gewesen, mit ein bisschen besserer Planung und Vernunft. Kann man jemand, der so schlecht plant und so unvorsichtig ist, überhaupt trauen, etwas zutrauen? Ein Charakterfehler sicherlich … Und das prägt unser Verhalten und unsere Handlungen sehr stark – stärker als es vielleicht scheint.

Ich habe in den letzten Jahren zunehmend einige private und berufliche, grosse und kleine Entscheidungen getroffen, die nicht hauptsächlich vernünftig, sicherheitsfördernd oder statusverbessernd waren. Ich musste mich dafür allein schon vor mir selbst (von anderen gar nicht zu reden) mühsam rechtfertigen – das war ziemlich harte Arbeit:
Mir zuzugestehen, dass es neben sicher, vernünftig, vorhersehbar ok und langfristig erfolgversprechend auch noch andere Kategorien gibt, die für einen Schritt sprechen können.

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„Entweder man lebt, oder man ist konsequent.“ Erich Kästner

Dass es mir gut tut, Freiräume zu gewinnen, die sich durch weniger langfristige Planung, weniger zweckgebundenes zielgerichtetes stringentes stetiges ausgewogenes Vorwärtsgehen auftun.

Dass dadurch Situationen und Verläufe entstehen, die auch Sinn machen und in irgendeiner Form erfolgversprechend sind – manchmal sogar erfolgversprechender als die per Planung für möglich gehaltenen… .

Dass sich das Aushalten von Nicht-Wissen und Unsicherheit auch lohnen kann.

Dass ich Dinge kann, wenn sie passieren.

Dass ich mich darauf verlassen kann, auch mit Risiken und Krisen fertigzuwerden, nicht immer erfolgreich vorwärts, aber dass ich immer wieder aus der Senke rauskomme – ganz einfach weil ich in Senken, Gruben und Falllöchern gehockt bin und derzeit nicht (nicht mehr / noch nicht wieder? Wer weiss das schon…).

Und das prägt nun vieles, das und wie ich es tue. Und ermöglicht, dass ich immer wieder immer neue Lieblingsorte finde….

Was das alles mit agiler Haltung zu tun hat? Oh, upps, Wien ruft – aber vielleicht haben Sie / habt ihr selbst ein paar Gedanken dazu…?

Schönen genussvollen Sonnensommer
Tschau baba………………………………………………………………………………………..

„Ideologie ist Ordnung auf Kosten des Weiterdenkens.“ Friedrich Dürrenmatt

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