Was für ein Bildungswahnsinn – aber eduScrum&Co könnten ihn lösen

Schwimmen gesamt

Darf ich Sie zu einem kleinen Gedankenspiel einladen? Stellen Sie sich vor, Sie landen im Rahmen einer Bildungsreise auf einem anderen Planeten, auf dem es eine zentrale und klare bildungspolitische Ansage gibt.
Sie lautet: Wer sein Leben meistern will, der muss gut schwimmen können.

Dann lernen sie das Schulsystem dieses Planeten kennen, das mit vier Jahren Vorschule und acht Jahren Schule arbeitet.

In der Vorschule lernen ganz viele Schüler/innen ziemlich gut schwimmen, allerdings jedes Kind mit seinem ganz eigenen Lerntempo. Was auch logisch ist, weil die Planetenbewohner naturgemäß unterschiedlich schnell schwimmen lernen.

In der „richtigen“ Schule konzentriert man sich dann darauf, dass alle Schüler/innen einigermaßen gleich schnell vorwärts kommen, weil es ja jedes Jahr ein Zeugnis gibt und in acht Jahren die Schulabschlussprüfung – und deshalb holt man alle Schüler/innen auf ein gemeinsames Boot. Acht Jahre lang wird im Unterricht immer wieder nachdrücklich darauf hingewiesen, wie wesentlich Schwimmen für das ganze Leben ist. Nur sei im Moment leider keine Zeit dafür. Die Aussage von Lehrpersonen – „Wir müssen eben alle erst einmal auf einen gemeinsamen Wissensstand bringen“, die Sie oft zu hören bekommen, scheint eine beinah kultische Bedeutung zu haben.

Nach der Abschlussprüfung macht der größte Teil der Schüler/innen erst einmal eine längere Pause. Unter anderem, um wieder Schwimmen zu lernen. Manche lernen es nach acht Jahren Im-Boot-sitzen leider nie mehr so richtig. „Dumm gelaufen“, würden Sie da sicher sagen. „Irgendwie ein komisches Bildungskonzept auf diesem Planeten.“ „Warum man denn die Schüler/innen nicht die ganze Schulzeit schwimmen lassen würde, das wäre doch eigentlich logischer,“ fragen Sie vielleicht am Ende noch einen der Bildungsverantwortlichen auf diesem Planeten, bevor Sie wieder nach Hause fliegen. „Das ist Tradition“, bekommen Sie zu hören. „Das haben wir schon immer so gemacht.“

Setzen Sie bitte das Schwimmen einmal gleich mit eigenständigem Lernen. Sehr viele Grundschulen in Deutschland arbeiten inzwischen mit Konzepten, bei denen die Schüler/innen am Ende selbstständiges Arbeiten richtig gut verinnerlicht haben … und diese Schüler/innen finden sich in den allermeisten Fällen auf weiterführenden Schulen wieder, die auf den „guten, alten Unterricht“ setzen – allen aktuellen Forderungen nach individualisiertem Unterrichten zum Trotz.
Ein echter Lernkulturschock im Alter von zehn Jahren.

„Aber eigenständiges Arbeiten geht doch in der Praxis auch gar nicht, wenn es nach der Grundschule ans richtige Lernen geht!“ meinen noch immer die allermeisten Menschen.

„Geht nicht? Von wegen.“ Lassen wir doch einmal Willy Wijnands zu Wort kommen.

Mit selbstorganisierendem Lernen für die Zukunft gerüstet   

Ein Interview mit Willy Wijnands im Magazin Mijn Zakengids (Übersetzt aus dem Niederländischen durch ein Übersetzungsprogramm – mit den notwendigen Nachbesserungen durch Heinz Bayer und Freigabe durch Willy Wijnands)

Es ist nicht leicht vorherzusagen, wie die Bildung der Zukunft in einer Welt aussehen wird, die sich so schnell verändert. Laut Willy Wijnands, Gründer von eduScrum, ist es jedoch klar, welche Fertigkeiten für den Unterricht der Schüler unerlässlich sind: Zusammenarbeit, Kommunikation, Kreativität und kritisches Denken.

Wie kann Bildung auf eine sich schnell wandelnde Gesellschaft reagieren?

„In der Ausbildung müsste derzeit viel Wert auf die Fertigkeiten des 21. Jahrhunderts gelegt werden, die die Schüler*innen jetzt und in der Zukunft
benötigen. Heute müssen sie nicht mehr nur für ein Schulfach ausgebildet werden, sondern auch für ihre Zukunft als Bürger, der flexibel auf den sich verändernden Arbeitsmarkt der Zukunft reagieren kann. Von den Jobs, die es jetzt gibt, wissen wir nicht, ob sie in zehn Jahren noch da sein werden. Umgekehrt ist es auch klar, dass in zehn Jahren Berufe entstanden sein könnten, von denen wir heute noch nichts wissen. Kooperation, Kommunikation, Kreativität und kritisches Denken fallen mehr oder weniger mit den Fähigkeiten des 21. Jahrhunderts zusammen. Indem wir Bildung mit Selbstorganisation organisieren, können wir den Schüler*innen diese Fähigkeiten vermitteln. “

Was beinhaltet Selbstorganisation?

„Die Schüler*innen arbeiten in Teams von vier oder fünf Personen zusammen. Die Gruppen werden aufgrund verschiedener zusätzlicher Fähigkeiten gebildet. Die Teams organisieren sich selbst, d.h. die Schüler planen über einen längeren Zeitraum eigene Lektionen, Module oder Projekte. Auf diese Weise werden Schüler*innen zu Besitzern ihres eigenen Lernprozesses und tragen selbst Verantwortung dafür. Zusammenarbeit ist im Team sehr wichtig. Eine Aufgabe ist erst abgeschlossen, wenn alle Teammitglieder das Material verstanden haben. Wenn die Schüler Fragen haben, versuchen sie zuerst, sie im Team zu beantworten. Wenn dies fehlschlägt, wird der Lehrer dies innerhalb des Teams oder in der Klasse erklären. Der Lehrer spielt daher die Rolle des Trainers und Moderators in der Selbstorganisation.

Was ist der Vorteil dieser Arbeitsweise?

„Die Schüler werden sich der Kompetenzen bewusst, die sie bereits haben, die aber noch nicht erschlossen sind. Dadurch kommt ihre persönliche Entwicklung viel besser zur Geltung. In dem Moment, in dem sich die Schülerinnen und Schüler ihrer eigenen Fähigkeiten bewusst sind, wirkt sich dies auf die Lerneffekte aus und sie können ihre Kompetenzen besser in der Praxis anwenden. Sie lernen auch, durch Selbstorganisation besser zu kommunizieren, zusammenzuarbeiten und kritisch zu denken. Darüber hinaus drückt sich ihre Kreativität mehr in der Freiheit aus, die sie bekommen, was zu intrinsischer Motivation, Freude, persönlichem Wachstum und besseren Ergebnissen führt. “

Wie tragen Sie dazu bei?

„eduScrum ist eine Form der Zusammenarbeit, bei der sich Schüler*innen in selbstorganisierenden Teams Aufgaben nach einem festgelegten Rhythmus aufgeben. Sie planen und bestimmen ihre Aktivitäten selbst und verfolgen den Fortschritt. In den Niederlanden werden Schulungen in eduScrum im Primar- und Sekundarbereich, in der Hochschulbildung und an der Universität angeboten. Am Ashram College in Alphen aan den Rijn, wo ich arbeite, wenden wir diese Methode auch an. Zum Beispiel unterrichte ich derzeit zwei Oberstufen-Klassen gleichzeitig. Ich gebe kurz eine zentrale Anweisung, den Rest spaziere ich zwischen den Teams herum. Auf diese Weise kann ich mit mehr Schüler*innen zusammenarbeiten, während sie lernen, Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess zu übernehmen und in Gruppen zu arbeiten. Wir haben auch in den ersten Klassen dieses Schuljahres eine neue Form der Ausbildung begonnen, unter anderem mit eduScrum. Die Schüler*innen erhalten drei traditionell unterrichtete Kurse: Niederländisch, Englisch und Mathematik. Die anderen Kurse werden in Modulen angeboten, in denen drei oder vier verschiedene Kurse zusammenkommen. Hier prägen die Schüler*innen den Lernprozess selbst. Darüber hinaus arbeiten sie vier Stunden pro Woche auf Projektbasis. Hier bestimmen sie nicht nur den Lernprozess, sondern auch, was sie lernen wollen und warum. Die Schülerinnen und Schüler bestimmen ihr Thema innerhalb von Teams und erarbeiten es gemeinsam. Auf diese Weise stellen wir sicher, dass ihre Neugierde angeregt wird. „

Weitere Informationen: eduScrum ist in den Niederlanden und Belgien, Deutschland, Großbritannien, Spanien, Portugal, Polen, Österreich, der Schweiz, Russland, Südafrika, Japan, Taiwan, Malaysia, den Vereinigten Staaten, Mexiko, Guatemala und Brasilien aktiv.
http://eduscrum.nl/de/

Wir haben vom „Forum agil lernen und lehren“ noch zwei Fragen an Willy Wijnands nachgelegt.

Otto Kraz: Willy, man sagt, du würdest mit deinen Gymnasialklassen z.B. in Chemie mit dem Lehrplan im Schnitt 7 bis 8 Wochen früher fertig werden als vergleichbare „normal“ unterrichtete Klassen – und das bei gleichem Leistungsniveau.
Willy Wijnands: Stimmt genau.
Otto Kraz: Und was machen dann deine Schüler/innen in diesen Wochen bis zum Schuljahresende?
Willy Wijnands: Sie führen selbstständige Forschungsprojekte durch. Oder sie … ***
Otto Kraz: Willy, wir danken für dieses schnelle Interview.

*** Ich konnte das nicht so schnell wörtlich mitschreiben, deshalb erzähle ich es einfach in eigenen Worten fertig. „… Oder sie planen und organisieren z.B. in der Oberstufe ein richtig großes Abschlussfest für alle, wenn sie im nächsten Jahr Chemie oder Physik nicht mehr gewählt haben.“

Übrigens – ich habe als Physik- und Mathelehrer mein Lehrerleben lang so unterrichtet, wie es eben immer alle schon gemacht haben. Ich stand vorne … von echter Teamarbeit hatte ich keine Ahnung. Gruppenarbeit funktionierte nie so richtig. Indivisualisiertes Lernen war natürlich ein Ziel, aber ich hatte nie eine Vorstellung, wie man das hinbekommen könnte.

Heute würde ich alles daran setzen, so zu arbeiten, wie Willy&Co.

Könnte man uns Lehrer/innen wirkungsvoll die riesige Freiheit vor Augen halten, die wir eigentlich beruflich besitzen, dann könnte agiles Lernen und Lehren problemlos in den uralten Schul-Gemäuern erfolgreich wachsen.

Zum Wohle von uns selbst – und damit zum Wohle unserer Schüler/innen.

Autor: Heinz Bayer

Laborschule Weit im Winkl - www.aufeigenefaust.com

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