Megatrends: Ihre Bedeutung für kommunale Strategien

Die aktuelle Situation enthält auch für Verwaltungen auf „unterer“ Ebene – Gemeinden, Städte, Hochschulen – einige Lehren. Wir sind in unseren Planungen stark abhängig von globalen Faktoren – sowohl von langfristigen Entwicklungen (Klima, Demografie) als auch von plötzlichen „Zeitenwenden“ (Pandemie, Ukraine-Krieg).

Häufig erwischt es uns kalt – da stehen auf einmal 1.000 Ukraine-Flüchtlinge auf dem Marktplatz und wollen unterstützt werden. Und solche disruptiven Ereignisse wird es auch weiter geben – das ist unser VUKA-Schicksal /Anmerkung 1/.

Aber gleichzeitig könnten wir auf die langfristigen Trends stärker hinschauen – damit wir nicht ganz naiv durch die Welt gehen wie ein Frosch durchs Ufergras. Die Entwicklung der Storchenpopulation ist für Froschstrategen nämlich nicht ganz ohne Interesse. Auch wenn der einzelne Storch dann doch noch ein Überraschungsmoment auf seiner Seite hat. Leider.

Überraschende Trends

Auf die Idee zu diesem Beitrag bin ich gekommen durch einen Zeitungsartikel von Paul Mason, einem englischen Wissenschaftsjournalisten /Anmerkung 2/. Mason interpretiert den Ukraine-Krieg Russlands als Verteidigungskrieg eines speziellen Wirtschaftsmodells, nämlich dem auf Ausbeutung fossiler Rohstoffe ausgerichteten Kapitalismus:

„Der oligarchische russische Staat ist vollständig auf die Ausbeutung von Öl und Gas ausgerichtet. Es ist ein Renten-Kapitalismus – ein Kapitalismus der Monopolisierung des Zugangs zu jeder Art von Eigentum und der Erzielung erheblicher Gewinnbeträge daraus: Reichtum, der sich auf den Besitz von Bohrlöchern und Pipelines stützt, nicht auf den Einfallsreichtum von Wissenschaftlern und Unternehmern.“

Ich habe das so interpretiert, dass Mason (mindestens) zwei aktuelle Wirtschaftsmodelle sieht: ein rückwärtsgewandtes, auf die Ausbeutung von fossilen Energien ausgerichtetes System. Und ein „auf Einfallsreichtum gestütztes“, wie z.B. Silicon Valley, Biowissenschaften (Impfstoffe), Nanotechnologie usw.
Durch zwei „Megatrends“ – nämlich den Basistrend „Klimawandel“ und den Gegentrend „gesellschaftliches Handeln“ – geriet das fossile Wirtschaftsmodell in die Bredouille. Seine Reaktion war aber nicht Anpassung, sondern trotzige Verweigerung. Mason:

„Als die Welt beschloss, bis 2050 netto kohlenstofffrei zu werden, signalisierte sie damit auch, dass dieser oligarchische Kapitalismus, der ein Sechstel der Erdoberfläche beherrscht, keine Zukunft hat. Putins Antwort war der Wechsel vom Autoritarismus zum reinen Totalitarismus. Von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ist in Russland nichts mehr übrig.“

Und mit diesem Übergang zu einem totalitären Regime im Innern sei, so Mason, auch eine verstärkt aggressive Politik nach außen verbunden. Der Ukraine-Krieg stellt, so betrachtet, ein Unternehmen dar, um das Monopol von fossilen Rohstofflagern abzurunden (Donbass). Aber auch, um die demokratische Welt mit dem Absturz in den Abgrund zu bedrohen:

„Was ist der Sinn der Welt, wenn Russland nicht dabei ist?“ fragte Putin im Jahr 2018. Der Satz ist zu einem Slogan des russischen Nationalismus geworden und hat (…) eine verblüffende Bedeutung: Wenn Russland nicht als Diktatur der fossilen Energieträger existieren kann, dann sollte die Welt selbst nicht existieren. Wir würden lieber eine Atombombe auf den Atlantik werfen und einen 500 Meter hohen Tsunami schicken, der die Menschen auf den britischen Inseln ersäuft, als mit der Ukraine Frieden zu schließen oder uns von Gasausbeutung zu verabschieden.“

Deutung von Masons Thesen für uns

Aus dem Beitrag von Mason habe ich gelernt, wie sich „Megatrends“ gegenseitig beeinflussen: aus dem Klimawandel und seinem Gegentrend wird der Megatrend „Zunahme autoritärer Regimes“ gestärkt. Daraus wird wieder der Trend „zunehmende Maßnahmen gegen den Klimawandel“ behindert.

Stellen wir uns einmal vor, wichtige Ecksteine der demokratischen Welt würden herausgebrochen: Trump wird wieder US-Präsident und/oder Le Pen wird bei der nächsten Wahl französische Präsidentin und/oder Meloni wird Premierministerin von Italien und Salvini ihr Innenminister – hat dann Klimapolitik global überhaupt eine Chance? Oder wenn die AfD – nicht die Macht erringt, aber Politik und Verwaltung in Deutschland vor sich her treibt?

Die menschliche Weltgesellschaft könnte in ihrer Existenz bedroht werden.
Masons Beitrag ist hochspekulativ. Aber ohne jeder seiner Thesen bis ins Detail zu folgen, bedeutet er für mich:

  • Achte mehr auf die Megatrends. Und zwar nicht auf Megatrends, wie sie der „Zukunftsforscher“ Matthias Horx und sein Zukunftsinstitut aufzählen. Sondern gerade die Trends, die für den Öffentlichen Dienst relevant sind (und die bei Horx und Kollegen keine Rolle spielen).
  • Für die Verwaltung sind nämlich Megatrends wichtig wie: De-Globalisierung (Unterbrechung von Lieferketten und Handelsbeziehungen); Zunahme autoritärer und faschistoider Regimes (mit Vorformen wie AfD); Gegentrends zur Klimapolitik (vom Festhalten am eigenen fossilen Geschäftsmodell bis hin zu Phantasien des kollektiven Welt-Selbstmords).
  • Die Win-Win-Illusion aufgeben. Diese Illusion spielt bei uns sowohl nach außen – Kuschelpolitik zu Autokraten – wie auch nach innen – Appell an Vernunft von Demokratiefeinden – eine große Rolle. Es gibt Menschen, Organisationen und Staaten, die bei einer energischen Klimapolitik auf der Loser-Seite stehen oder sich dort fühlen. Und die bereit sind, den Untergang der eigenen privilegierten Position mit dem Untergang der Gesellschaft zu vergelten. In diesem Sinne ist Klimapolitik auch Machtpolitik.

Und jetzt?

Mein Beitrag ist ganz anders geworden, als ich am Anfang dachte. Sehr abstrakt, ohne konkrete Schlussfolgerungen, kein Aufruf zum Ärmel-aufkrempeln – wie es mir lieber wäre. Aber wichtig finde ich das Thema mehr als vorher.

Wie können wir uns weiter darüber austauschen? Ich glaube, die geeignete Plattform dafür ist das FAV-Buchprojekt „Agile Verwaltung 2040“. (Aus dem ja die Hoffnung spricht, dass es uns dann noch gibt.)

Anmerkungen

/1/ Einer von mehreren Artikeln auf unserem Blog, die sich mit der Abkürzung „VUKA“ beschäftigen, ist zum Beispiel der von Lila: https://agile-verwaltung.org/2022/04/21/vuka-und-die-verschworung/
/2/ Paul Mason: Die Waffen der Oligarchen, Frankfurter Rundschau, 11.08.2022, Seite 9. Online nachlesbar unter https://www.fr.de/meinung/kolumnen/russlands-oel-und-kohle-die-waffen-der-oligarchen-91717743.html

Autor: Wolf Steinbrecher

Volkswirt und Informatiker. Zuerst als Anwendungsentwickler in Krankenhäusern und Systemhäusern tätig. Dann von 1995 bis 2008 Sachgebietsleiter für Organisation und Controlling in einem baden-württembergischen Landkreis (1.050 MA). Seitdem Berater für Teamarbeit und Dokumentenmanagement. Teilhaber der Common Sense Team GmbH Karlsruhe, www.commonsenseteam.de. Blogger bei www.teamworkblog.de.

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