Wollt ihr ein Netzwerk gründen? Dann kann die „Vernetzungsspirale“ hilfreich sein

Zur Zeit stehen verschiedene Vernetzungsinitiativen vor oder mitten in der Gründung. Dabei geht es meistens um Wissensaustausch auf dem einen oder anderen Gebiet und der gegenseitigen Unterstützung in  Projekten (z.B. Einführung der E-Akte, Hochschulverwaltungen usw.). Letztlich sind wir als Forum Agile Verwaltung ja auch nichts anderes als ein Netz, das sich noch in der Entwicklung befindet. In welchen Schritten kann man dabei sinnvoll vorgehen? Für diese Frage hat mir die „Vernetzungsspirale“ gute Dienste geleistet.

Eine Festlegung am Anfang  der Vernetzung: Wer sind wir überhaupt?

In einem Post hat Michel Bachmann den Rat gegeben: „Start with Who“ /1/, und sich damit abgegrenzt gegen das weitverbreitete Konzept „Start with What“, das auf Simon Sinek zurückgeht. /2/ Dieses Vorgehen deckt sich mit meinen Erfahrungen, und zwar sowohl im positiven Sinne /3/, als auch wenn es stockt. Das Bild der Spirale habe ich von Michel Baumann übernommen; es unterscheidet sich genial von dem Stufenbild, was ich sonst immer verwendet habe.

Abbildung 1: Die Vernetzungsspirale

Wenn sich eine Gruppe überlegt, ein Netzwerk ins Leben zu rufen, dann sollte die erste Frage immer lauten: „Wer sind wir?“

Beim FAV haben wir das definiert als „Praktiker aus der Verwaltung sowie aus verwaltungsorientierten Dienstleistungsunternehmen“. In der Einladung zum Kennenlerntreffen für die „Musterbrecher in Hochschulverwaltungen“ kommt es schon im Titel zum Ausdruck und wird im Post noch weiter erklärt.

Wenn wir klar definieren, wer wir sind, dann wird unser Netzwerk anschlussfähig. Wenn jemand auf ein Netzwerk der Alten- und Pflegeeinrichtungen in Görlitz und Umgebung stößt, weiß er sofort, ob er potenziell dazu gehört oder nicht. Unser Netzwerk wird potenziell attraktiv.

An diese Frage des „Wer“ schließt sich die nächste unmittelbar an: „Welche Werte?“. Wie wollen wir innerhalb des Netzwerks miteinander umgehen? Welche Werte wollen wir nach außen vertreten, also potentiellen Betroffenen oder Stakeholdern unserer Aktionen?

Abbildung 2: Das Agile Manifest ist ein Wertesystem

Das bekannteste Wertesystem im agilen Kontext ist das Agile Manifest. Erst zusammen mit einer Formulierung der Werte macht die „Wer“-Definition eines Netzwerks dieses wirklich attraktiv. Jeder Interessent kann sich überlegen: Passen die zu mir?

„Warum?“, „Wie?“ und „Was?“

Jetzt erst kommen die folgenden Fragen „Warum gibt es uns?“, „Wie wollen wir dieser unserer Mission nachkommen?“ und „Was wollen wir tun?“

Die Versuchung ist erfahrungsgemäß groß, mit der letzten Frage anzufangen. Man sitzt in der Runde, stellt sich vor und dann fragt man sich: „So, und was fangen wir jetzt zusammen an?“ Und weil man agil ist, nennt man das nicht ToDo-Liste, sondern „Product Backlog“. Oder man macht gleich ein Projekt: eine Website aufbauen oder eine Veranstaltung machen oder oder.

Das Ergebnis ist meistens ernüchternd. Es kommt nichts heraus. Aus mehreren Gründen:

  1. Wenn man ein Product Backlog aufstellt mit Ideen, was man gemeinsam machen könnte, muss man die Liste priorisieren. Aufgrund welcher Kriterien soll man das tun? Was ist wichtiger oder dringende und was hat noch Zeit? Ohne gemeinsame Maßstäbe setzen sich dann einfach die Lauten gegen die Leisen durch, und die Leisen bleiben bald fort.
  2. Man ist nicht mehr so gut anschlussfähig. Jemand Neues kommt dazu und fragt: „Was macht ihr denn gerade?“ Und man sagt: „Wir haben demnächst eine Veranstaltung in der Verwaltung Musterhausen, und die bereiten wir gerade vor. Da sind wir auch schon ziemlich weit, da bringt es nichts, wenn du dich beteiligst. Aber nach Weihnachten, da machen wir den nächsten Plan.“ – Das ist viel Frustrierender für einen Neuen als wenn man ihm sagen kann: „Für die Veranstaltung kommt deine Beteiligung zu spät. Aber du kannst gerne ein anderes Projekt entwerfen, und damit schon anfangen. Wir stehen dir mit Rat und Tat zur Seite.“
  3. Es kann Streit geben im Netzwerk. Meistens sind es neue Herausforderungen aus der Umgebung, und man kann sich nicht einigen, wie darauf zu reagieren ist. Dann ist der Rückgriff auf die Wertegrundlage unverzichtbar. Wenn man dann nur mit einer ToDo-Liste dasitzt, fehlt jede Grundlage, wieder zu einer gemeinsamen strategischen Entscheidung zu kommen.

Werte sind wichtiger als Projekte, selbst wichtiger als Visionen. Menschen fühlen sich von Werten angesprochen. „Auf das Mindset kommt es an“, sagt Thomas Michl immer. Und wo er mal recht hat, hat er recht.

Anmerkungen

/1/ https://medium.com/@michelbachmann/start-with-who-15b8857ed718
/2/ Siehe https://startwithwhy.com/
/3/ Der Ansatz hilft mir auch, etwas modifiziert, bei Projekten zur Organisationsentwicklung. https://agile-verwaltung.org/2018/07/09/entwicklungsprojekte-eine-frage-agiler-fuehrung/
/4/ Vgl. dazu den Post von Rüdiger Czieschla: „Wert versprechen“, 15.05.2018, https://agile-verwaltung.org/2018/05/15/wert-versprechen/

Autor: Wolf Steinbrecher

Volkswirt und Informatiker. Zuerst als Anwendungsentwickler in Krankenhäusern und Systemhäusern tätig. Dann von 1995 bis 2008 Sachgebietsleiter für Organisation und Controlling in einem baden-württembergischen Landkreis (1.050 MA). Seitdem Berater für Teamarbeit und Dokumentenmanagement. Teilhaber der Common Sense Team GmbH Karlsruhe, www.commonsenseteam.de. Blogger bei www.teamworkblog.de.

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