Rezension: Affenmärchen – Arbeit frei von Lack & Leder

Autor Gebhard Borck

Auf meinem Weg zur Erkenntnis, dass Arbeiten auch ganz anders als in Hierarchien mit klarer Befehlsstruktur, eben in Selbstorganisation mit entsprechender Haltung gegebenüber den Mitwirkenden gehen kann, war mir das hier vorgestellte Buch Affenmärchen – Arbeit frei von Lack & Leder von Gebhard Borck ein gewichtiger Meilenstein. Dieses Buch mit dem für Manchen aneckenden Titel kam zudem in Gestalt von kleinen, laufend neu hinzukommenden Kapiteln auf einem Blog daher. Ich erinnere mich noch gut an meine Vorfreude, den nächsten Artikel genießen zu dürfen. Inzwischen kann man es auch in gedruckter Form erwerben. Besonders getriggert hatte mich der Begriff Sinn-gekoppeltes Arbeiten. Hand aufs Herz: Ist es nicht sehr quälend, sich mit etwas befassen zu müssen, dessen Sinn sich nur schwer erschließen lässt? Und wie viel einfacher läuft es von der Hand, sinnvoll zu wirken?

Marcus Raitner, dessen Manifest für Menschliche Führung ich hier auch schon vorgestellt habe, hat mir erlaubt, seine Rezension, die, wie ich finde, das Buch sehr gut zusammenfasst, auch auf unserem Blog noch einmal zu veröffentlichen:

Ein besonderes Buch in zweierlei Hinsicht (Quelle) – von Marcus Raitner

Deckel des Buchs

Einerseits, weil Gebhard Borck an etwas rüttelt, das die meisten von uns als unverrückbar hinnehmen: Im Zentrum steht nämlich die Frage, ob Arbeit in Unternehmen so organisiert und Menschen so gemanaged werden müssen, wie es heute mehrheitlich der Fall ist, oder ob es ‘und wenn ja welche’ Alternativen es gibt. Und andererseits, weil Gebhard Borck das Buch auf ganz besondere Art geschrieben und veröffentlicht hat: Das gesamte Buch kann online in ca. 100 Blogposts kostenlos gelesen werden. Zusätzlich kann das Buch gedruckt, in einzelnen Kapiteln als E-Book erworben werden, auch um dem Autor damit die eigene Anerkennung zu zeigen. Es ist, so viel sei vorweggenommen, sein Geld absolut wert.

Machen wir uns nichts vor, die allermeisten Unternehmen verfahren im Prinzip immer noch nach der grundsätzlichen Auffassung von Taylor, dass es des Managements bedarf, um Arbeiter zu steuern und Arbeit im Unternehmen effizient ablaufen zu lassen. Überspitzt formuliert:

Einen intelligenten Gorilla könnte man so abrichten, dass er ein mindestens ebenso tüchtiger und praktischer Verlader würde als irgendein Mensch. Und doch liegt im richtigen Aufheben und Wegschaffen von Roheisen eine solche Summe von weiser Gesetzmäßigkeit, eine derartige Wissenschaft, dass es auch für die fähigsten Arbeiter unmöglich ist, ohne die Hilfe eines Gebildeteren die Grundbegriffe dieser Wissenschaft zu verstehen oder auch nur nach ihnen zu arbeiten.

Frederick Winslow Taylor

Nur ganz wenige Unternehmen (zum Beispiel Semco) sind nicht nach diesem Prinzip organisiert. Nun trifft diese Organisationsform des Industriezeitalters auf die Probleme und die Komplexität des 21. Jahrhunderts. In zahlreichen Beispielen führt uns Gebhard Borck zunächst vor Augen, welche Defizite für Unternehmen aber auch welche Probleme für die Menschen daraus entstehen. Ein ungeheures Potential von Kreativität bleibt tagtäglich ungenutzt: Menschen die im übrigen Alltag kreativ Probleme lösen und sinnvoll, effizient und effektiv handeln, werden an der Eingangstür zum Unternehmen quasi entmündigt. Durch die wiederholte Gegenüberstellung der Fähigkeit und dem Willen zu verantwortungsbewusstem Handeln im Privaten mit den begrenzten Möglichkeit dazu in der Organisation, führt uns Gebhard Borck den ganzen Irrsinn und die unglaubliche Verschwendung von Potential deutlich vor Augen.

Was ist die Alternative? Gerade die letzten 10 Jahre haben gezeigt, dass Menschen in nicht-hierarchischen, demokratisch organisierten Netzwerken Großes und Sinnvolles höchst effizient erzeugen können (Stichwort: Wikinomics). Es gibt bereits (Groß-)Unternehmen die nach demokratischen Prinzipien organisiert sind und gerade in unsicherem Umfeld und bei wachsender Komplexität sehr erfolgreich sind (Stichwort: Semco). In solchen Netzwerken gibt es auch Führung, aber sie ist nomadisch, wandert also je nach Situation und Anforderung anstatt an eine Position gebunden zu sein. Derartige Netzwerke treffen in komplexen Situationen nachweislich bessere Entscheidungen als Einzelpersonen (Stichwort: Schwarmintelligenz). Es gibt also Alternativen … man muss diese nur wollen. Was es dann dazu braucht (Stichwort: Sinn) und welche Bedingungen es erfordert (Stichwort: Sinnkopplung), wird in den letzten Kapiteln des Buches erklärt.

Alles in Allem ein gutes und wichtiges Buch. Ein Buch das aufrüttelt, Selbstverständliches hinterfragt und Lust macht, sinnvoll zu wirtschaften.

Autor: Dr. Martin Bartonitz

Geboren 1958 und aufgewachsen in Dortmund, am Rande des Kohlenpotts, einem Schmelztiegel während der Gründerzeit eingewanderter Menschen. 1992 nach der Promotion in experimenteller Physik gewechselt von der Messprozess- in die Geschäftsprozesssteuerung. Mit Blick auf die Erfahrungen in der Optimierung der Effizienz von Prozessen in der Bürowelt kam in den letzten Jahren immer mehr die Erkenntnis: Das Business machen die Menschen. Und wenn nur nach der Effizienz geschaut wird, dann wird auch noch die letzte Motivation in den Unternehmen zerstört. Daher sollten Organisation und auch die eingesetzte Software die Menschen in ihrer Kreativitität unterstützen und sie nicht knechten. Selbstbestimmtheit statt Fremdbestimmung sollte uns den nächsten Schub in unserer gesellschaftlichen Entwicklung bringen. Aufgrund dieser Überzeugung schreibe ich hier mit.

2 Kommentare zu „Rezension: Affenmärchen – Arbeit frei von Lack & Leder“

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