In Agilhausen gehen die Lichter aus

„Wir machen in Agilhausen jetzt die Lichter aus, um sie anschließend wieder anzumachen.“ Das ist ein Satz, der vor einiger Zeit bei uns in Agilhausen für ordentlich Wirbel gesorgt hat. Rumwirbeln trifft es ganz gut. „Wir haben Einiges in Bewegung gebracht.“ sagt Susanne.

Im Rathaus von Agilhausen wird Unternehmenskultur bewusst gelebt. Dabei gibt es wichtige Orientierungen für die Zusammenarbeit. Die 12 agilen Prinzipien sind eine solche Orientierung. Als Ergebnis gehen auch mal die Lichter aus. Was haben Agilität und Unternehmenskultur mit Licht zu tun? Susanne, Nick und Alexander treffen sich zu ihrem regelmäßigen Austausch und lassen die letzte Zeit Revue passieren.

Finanzen, Umweltschutz und Sicherheit

„Kannst du dich noch an den letzten Oktober 2019 erinnern?“ fragt Susanne. „Ja“ sagt Nick. „Das war der Monat, in dem unser Stadtoberhaupt mit der Botschaft um die Ecke kam, dass es mit unseren Finanzen nicht ganz so rosig aussieht.“

Aber einfach nur irgendwo kürzen und Ausgaben reduzieren wäre zu einfach und würde den Geist von Agilhausen nicht entsprechen. „Jede Entwicklung muss ein Mehrwert für unsere Stadt und unser Zusammenleben bringen.“ Das ist ein Satz, den die Gründer von Agilhausen in die alten Eingangstore der Stadt gravieren ließen. Wenn es um das Zusammenleben geht, dann sind alle Lebewesen gemeint. Egal ob klein oder groß, egal ob Mücke oder Elefant. Ok, Elefanten gibt es bei uns nur im Porzellanladen.

„Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass du mir das Buch ‚Warum wir schlafen‘ von Albrecht Vorster gegeben hast.“ sagt Nick. „Mir war gar nicht bewusst, wie viel unser Zusammenleben mit gutem Schlaf zusammenhängt. Das war dann auch der Auslöser für eine Idee, die viele Probleme gelöst hat.“

Folgende Handlungsfelder liegen im Oktober 2019 auf dem Tisch:

  1. Ausgaben reduzieren
  2. Umweltschutz aktiv betreiben
  3. Sicherheit für unsere Einwohner
  4. Sanierung der Straßenbeleuchtung

Susanne erzählt, dass in dem Buch ‚Warum wir schlafen‘ davon berichtet wird, dass das Licht von Straßenlaternen oft zu hell ist. Der Lichtkegel einer Straßenlaterne ist wie eine Art unsichtbares Gefängnis für Insekten. Sie kommen einfach nicht raus und sterben. Es herrscht ein förmlicher Lichtsmog. Schön sieht das Licht ja aus, jedoch einen weitergehenden Nutzen bringt es nicht. Wir brauchen Insekten für unsere Natur. Des Weiteren ist das Licht oft zu hell für das menschliche Auge. Das dunklere Umfeld der Laternen wird nicht gut wahrgenommen, weil das Auge sich auf die Helligkeit fokussiert. Das ist ein weiteres Problem. Und außerdem verbraucht jede Straßenlaterne Strom. Strom kostet Geld.

„Gerade in den Herbstmonaten gibt es oft Beschwerden, dass zwar die Straßen ausgeleuchtet sind, jedoch die Gehwege nicht. Das ist insbesondere vor Schulen und Kindertagesstätten ein echtes Sicherheitsproblem.“ ergänzt Nick.

So ist schnell klar, dass Licht viel bewirken kann, wenn wir es richtig nutzen. Licht sinnvoll eingesetzt schützt die Umwelt, spart Strom und bietet Sicherheit.

Die fachliche Exzellenz nutzen

Ein wichtiges agiles Prinzip ist die Förderung der fachlichen Excellenz. Nur weil jemand etwas nicht weiß oder kann, ist das kein Grund es nicht zu tun. Das gilt auch für die Menschen im Rathaus von Agilhausen.

„Als wir die Ideen gesammelt haben, da habe ich nicht schlecht aus der Wäsche geguckt.“ sagt Alexander. „Mit Licht Probleme lösen. Wirklich viel Ahnung haben wir davon nicht. Doch gut, dass wir alle so genial vernetzt sind.“

Auf der Konferenz Agile Verwaltung im Februar 2020 haben sich Alexander und Stefan Kraus vom städtischen Bauhof in Herrenberg kennengelernt. Dort wird New Work mit Leidenschaft gelebt.

In Herrenberg gibt es Papierkörbe auf den Straßen, die melden, dass sie voll sind. Sensoren in der Stadt unterstützen die Parkplatzsuche und vieles mehr. In Agilhausen gibt es keinen eigenen Bauhof. „So liegt es auf der Hand, einen Sparringspartner und Impulsgeber bei unserer eigenen Förderung der fachlichen Exzellenz einzubinden.“ erzählt Alexander.

„Egal was wir machen, lasst uns immer an das Prinzip der Einfachheit denken.“ sagt Nick. „Ich stehe zwar auf technische Spielerein, am Ende muss es jedoch funktionieren und wenig Wartungskosten verursachen.“

„Ich denke oft daran, welche tollen Ideen und wie viel Spaß wir hatten.“ sagt Susanne. „Ideen entwickeln und Spaß dabei. Erinnert ihr euch noch an folgende Ideen?“

  • Keine Beleuchtung in der Stadt, einfach Birnen rausdrehen
  • Taschenlampen für alle
  • Druckempfindliche Gehwegplatten, die dann leuchten wie im Musikvideo von Micheal Jackson.

„Ich muss immer noch daran denken, wie Alexander auf einmal einen Moonwalk machte. Tja, das war seine Zeit.“ sagt Nick lachend.

„Morgen geht es übrigens los. Unsere Teststraße ist eingerichtet. Ganz in der Nähe des Gymnasiums.“ sagt Alexander. „Dort haben wir gute Bedingungen für unseren Test. Wir werden jeweils 500 m Straße und Gehweg neu mit Licht gestalten.“

Die folgenden Ideen haben es in das Experiment geschafft:

  • LED Lampen mit einer geringen Leuchtkraft, die dauerhaft im Dunkeln leuchten.
  • LED Lampen, die sich durch Bewegungsmelder aktivieren und nur dort leuchten, wo Bewegung ist. Geht ein Mensch den Weg entlang, dann leuchten maximal nur drei Lampen. Auch diese Lampen sind von der Helligkeit deutlich reduziert.
  • LED Lampen, die auf 1m Höhe montiert werden, um nur die Gehwegfläche zu beleuchten, ähnlich wie bei einer Taschenlampe. Je nach Bewegung dimmen die Lampen die Helligkeit automatisch.

„Alle Alternativen sparen deutlich Strom und damit Energiekosten. Sicherlich werden wir auch investieren müssen. Jedoch langfristig gesehen, können die Kosten deutlich reduziert werden.“ sagt Alexander. „Die Erfahrungen aus Herrenberg haben uns hier wirklich weitergebracht und unsere fachliche Exzellenz deutlich gestärkt. Mir war gar nicht klar, dass die Ideen bereits in anderen Städten gut genutzt werden. Vernetzung bring uns wichtige Erfahrungen. Erfahrungen bringen uns weiter.“ schwärmt Alexander.

Die Kraft der Veränderung nutzen

„Für den Test haben wir die Anwohner in dem Wohngebiet gewinnen können.“ sagt Susanne. „Alle haben richtig Lust, bei diesem Experiment mitzumachen. Insbesondere die Kids freuen sich schon, in den Ferien lange aufzubleiben. Das Argument gegenüber den Eltern ist auch unschlagbar: ‚Wir müssen der Stadt beim Sparen helfen und die Insekten retten.‘ Wer kann das als Elternteil schon ablehnen?“ fragt Susanne mit einem Lächeln.

Es verändert sich etwas, mit viel Nutzen, mit viel Sinn. Für die Mitwirkung an diesem Vorhaben haben sich Menschen freiwillig gefunden. Im wahrsten Sinne des Wortes wird nun das Vorhaben Schritt für Schritt weiterentwickelt. Der agile Rahmen und die Prinzipien geben uns dafür eine gute Orientierung.

Fazit

Manchmal gibt es eine Lösung für mehrere Handlungsfelder. Selbst Themen wie Finanzen, Umweltschutz und Sicherheit können miteinander und voneinander profitieren, wenn Vertrauen in die Menschen gesetzt wird. Das muss eine Verwaltung wirklich wollen. Denn das ist gelebte Unternehmenskultur. Oft liegen Ideen und somit die Lösungen bei den Menschen, die sehr dicht am Geschehen arbeiten oder leben. Einfachheit und die Förderung der fachlichen Exzellenz, gepaart mit einem guten Netzwerk, Kreativität und einer Mütze voll Schlaf hat Agilhausen wieder ein Stück weitergebracht.

Es ist eine zukunftsweisende Entscheidung in Agilhausen: Die Lichter gehen aus, um zukunftsfähig zu strahlen.

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