Die agile Schultüte für das Schuljahr 2020/21

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Mit Baden-Württemberg und Bayern kommen jetzt bald die Schüler/innen und Lehrer/innen zurück an ihre Schule und fragen sich etwas bang: Was steckt wohl alles in der riesigen Schultüte für das Schuljahr 2020/21? Sie scheint zumindest voll von Versprechungen zu sein. Eine 10€ Flatrate für Schüler/innen, damit Homeschooling – falls Unterricht zwischenrein wieder coronadicht gemacht wird – fließend funktionieren kann? Ach ja, dieser gewaltige Schub, den es geben könnte. Wie schön wäre das. Aber wird es schön? Zu wenig Lehrer seien im Einsatz … ja klar, die fehlten ja schon vor Corona. Und dann würde die rechtliche Sicherheit für Lehrkräfte fehlen, wenn sie mit ihren Schüler/innen Online-Meetings machen wollten. Stimmt, da wurde ja in vielen Bundesländern noch immer nicht wirklich nachgelegt. So von außen betrachtet scheint es für mich ziemlich verrückt. Ist das denn wirklich so schwierig? Technisch gesehen? Das Kultusministerium Baden-Württemberg hat allen Schulen die Videoplattform BigBlueButton mit Moodle zusammen zur Verfügung gestellt. Und den Messenger Threema. (Samt 300.000 digitale Endgeräte für Schüler/innen zum Ausleihen) Nicht weit weg von einer
 öffentlich-rechtliche Plattform für alle Schulen. Chapeau.
2020/21 geht es nun darum, an den Schulen damit aktiv zu experimentieren.
Zusammen mit den Schüler/innen. Nicht darum, erst einmal auf Fortbildungen zu warten.

Ich würde mir als Opa zweier schulpflichtiger Enkelkinder für deren Schultüte etwas von allen Verantwortlichen wünschen: Kommen Sie in der Realität an. Und lernen Sie, zu improvisierenVerlassen Sie die üblichen Pläne, sie werden 2020/21 nur Frust erzeugen. Die Schulen benötigen Freiräume für eigene Entscheidungen. Jede Schule steht vor ganz speziellen Herausforderungen. Und die können nur vor Ort gelöst werden.
Was von den Behörden geleistet werden kann, sind die Rahmenbedingungen:
Freiräume für die Schulen und rechtlich abgesicherte Plattformen für alle.
Auf denen ein Lehrer ein Klassenzimmer mit Gruppenräumen nachbilden kann, zwischen denen Lehrende und Lernende hin- und herwechseln können. Und für die Schulen wünsche ich mir, dass sie realistisch die Bedingungen sehen, unter denen jetzt unterrichtet werden sollte …

… mit den erschwerten Bedingungen, dass man ab und zu immer wieder schließen muss. ( weshalb die 10€ Flat für Schüler/innen ja eine super Sache wäre)  

Man sollte gleich zu Beginn mit den Schüler/innen zusammen trainieren, wie das gehen kann, sich in Teams zusammenzuschließen, um bei erneutem zwischenzeitlichen Homeschooling nicht wieder in Isolation gehen zu müssen. Sondern einen Bereich zu nutzen, der auch ohne Corona für die Zukunft der Bildung natürlich eine sehr wichtige Rolle einnehmen wird. Denn nur mit diesen Möglichkeiten der digitalen Ergänzung des analogen Unterrichts wird Schule der Aufgabe gerecht werden können, individualisiertes Lernen umzusetzen. Oder eben mit einer viel größeren Zahl an Lehrpersonen.
Ich finde, genau jetzt ist die Zeit gekommen, in der man den großen WUMMS in Sachen Blickwinkeländerung an Schulen vollziehen sollte. 😎😎

  1. Den Schulen selbst viel Gestaltungsfreiraum geben 
  2. Starke digitale Plattformen für Schulen einrichten und auch aktiv nutzen
  3. Die Lernenden mit einbeziehen !!!
  4. Kollaborativ improvisieren

E13C14B9-3516-4BAF-8EE2-6FB258F9E305Ich spiele das einmal für Lehrkräfte im Matheunterricht einer 5. Klasse durch. Ich habe mich vor kurzem mit einem jungen Kollegen ausgetauscht, der zum ersten Mal eine 5. Klasse in Mathematik unterrichten wird und Zweifel daran hatte, ob man Ideen wie eduScrum auf einer digitalen Plattform umsetzen könnte. Ob das nicht erst in höheren Klassen funktionieren würde. Genau das hatte ich Willy Wijnands von eduScrum vor einem Dreivierteljahr gefragt … ich hatte erfahren, dass er seine Scrum-Teams in den Klassen zu einem großen Teil nicht mehr mit analogen Scrum-Boards organisieren ließ, sondern online mit learnbeat.com/. „Nein, ganz im Gegenteil“ meinte Willy … und das hat selbst mich erstaunt. „Am leichtesten setzen das meine Fünftklässler um.“ 

Ich stelle dieses konkrete Mathe-Beispiel hier ein, in der Hoffnung, das das jemand liest, der versteht, wie man den Digitalpakt völlig anders angehen könnte als mit den üblichen Vorstellungen. Denn speziell im nächsten Schuljahr geht es nicht um die Digitalisierung der Schule, um die Ausstattung der Schule mit Technik, sondern um die Digitalisierung des Lernumfelds. Und da hat sich in den letzten Monaten erstaunlich viel getan. Jetzt geht es um die Umsetzung. Meine Ansicht: Es geht um Teamarbeit und die Erkenntnis, welch exzellente Lehrer/innen Schüler/innen sein können. Selbst wenn die Schule selbst überhaupt keine brauchbare technische Ausstattung hat, geht Homeschooling bei der richtigen Vorbereitung. Denn da geht es ja genau um das digitalen Lernumfeld.
Ich empfehle also:

  1. Am Blickwinkel der Schüler/innen so lange zusammen mit ihnen arbeiten (angehängtes Skript), bis allen klar ist, welche Kompetenzen es bei jedem einzelnen gilt, aufzudecken. Dass man zusammen einen vollkommen anderen Unterricht entwickeln kann als den mit dem üblichen Muster. Dass es anstrengend werden kann, weil jeder gefordert ist. Auf einen Berg zu steigen ist definitiv anstrengend. Aber auf dem Gipfel zu stehen eben auch echt großartig. Lernende müssen zuerst verstehen, dass der Spaß am Mathe lernen und kapieren nur aus ihnen selbst kommen kann … aber das dies im Team immer am einfachsten ist.
  2. Das wäre also mein erster Punkt, für den ich wirklich sehr viel Zeit verwenden würde. Die absolute Grundlage für einen erfolgreichen, nachhaltigen Matheunterricht. Wie schon im Skript meines letzten Blogbeitrags festgehalten: Lücken füllen, hier Grundschullücken, das wird sowieso von Mathelehrern in Klasse 5 gemacht. Nur sollten jetzt die Schüler/innen direkt mit ins Boot. Sie müssen wissen, was das für einen wesentlichen Sinn macht.
  3. Und dann würde ich raten, möglichst früh im Schuljahr Teams analog und digital abbilden zu lernen. In Baden-Württemberg etwa sollten alle Kolleg/innen das Angebot des Kultusministeriums aktiv und initiativ nutzen lernen. Ausprobieren, ausprobieren, ausprobieren. Schüler/innen verantwortlich mit ins Boot nehmen!!! Ganz unabhängig von der technischen Ausstattung der Schule. Für mich wäre es wichtig, dass man sich innerhalb eines analogen Klassenzimmers und eines digitalen Klassenzimmers ähnlich bewegen und agieren kann. Prinzip: Vier Leute in einem Team (an einem Tisch) … die Arbeitsschritte von Anfang an mit digitalem Scrumboard. Das macht Sinn, weil es dann ohne Holpern bei kurzfristigen Schulschließungen wegen Infektionsfällen weiterlaufen kann. Auch diesen Ablauf hatte ich schon in einem früheren Blogbeitrag beschrieben.
  4. Ja und dann: Kollaborative Improvisation. Vielleicht gibt es ja ein paar ältere Schüler/innen und Mathecracks, die man einbauen kann. Z.B. In der digitalen Hausaufgabenzeit im digitalen Klassenzimmer und die Cracks sind dort auch unterwegs.   Bezahlt z.B. mit Geldern aus dem Jugendbegleiterprogramm. Nicht die typische Einzelnachhilfe, sondern Zukunftsbegleitung im Team. Für jede Klasse ein oder zwei Technik-Master. Und in jedem Einzelteam eine/r, der/die den direkten Draht zu dem Master hat. Vernetzung. Vielleicht ja auch ein/e Fachlehrer/in eines zweiten Fachs, mit der/dem zusammen der Mathelehrer  Neuland betritt. Kollaborativ. Improvisierend.

Eigentlich ein wenig schade, dass ich selbst diesen Herausforderungen nur noch aus der zweiten Reihe zuschauen kann. Als junger Kollege wäre es sicher für mich das pure Abenteuer gewesen. Grenzen überschreiten. Ausprobieren. Mit den Schüler/innen zusammen nach immer neuen Wegen suchen. Nie alte Skripte verwenden. Sich immer wieder neu erfinden. Weil die Welt ja nicht stehen bleibt. Mein ältester Enkel kommt jetzt auch in die 5. Klasse. Mal sehen, vielleicht werde ich meine frühere Physikabteilung in der Laborschule in Weit im Winkl um eine Unterstufenmathematikabteilung erweitern. Ich verspreche nichts. Könnte aber sein, dass ich Lust dazu bekomme.

Mit den besten Grüßen

Ihr Otto Kraz

Hier noch das Starter-Skript für Fünftklässler/innen und ihre Lehrer/innen:

Mathematik Klasse 5

Autor: Heinz Bayer

Forum agil lernen und lehren - www.aufeigenefaust.com

3 Kommentare zu „Die agile Schultüte für das Schuljahr 2020/21“

  1. Lieber Heinz Bayer/Otta Kraz,
    immer wenn ich Ihre Beiträge lese, bin ich erst hellwach und denke immer: „Ja! Ja! Genau!“ und dann werde ich ein bisschen traurig. Dann fällt mir nämlich ein, wie die Realität ist und dass das Bedürfnis des Schulwesens, ganz nah an der alten Daseinsform zu bleiben, statt mal ganz mutig loszumachen, offenbar riesengroß ist. Natürlich habe ich Mitgefühl mit jeder Schulleitung und den Lehrer*inn*en, sich in der aktuellen Lage mit viel Ungewissheit und viel Bürokratie durchschlagen zu müssen. Andererseits wünschte ich mir auch, sie hätten mehr Möglichkeiten, Mut und Vertrauen zu zeigen, dass neue Wege auch ans Ziel führen.
    Aber man hat statt dessen überall auf die Herstellung des Unterrichtsgeschehens wie vor Corona gesetzt – nur mit mehr Händewaschen, was zugegeben zugespitzt verkürzt dargestellt ist. Die digitale Plattform unserer Schule war zwar nach den Ferien noch am Start, aber nicht wirklich mehr als zweites Unterrichtsstandbein vorgesehen.
    Weil in der 6. Klasse meines Kindes zufällig ein IT-affiner Schüler sitzt und die Klassenleitung zufällig den virtuellen Unterricht im Shutdown ganz gut fand, wird nun für Kinder, die wegen eines leichten Erkältungssymptoms nicht in die Schule dürfen, durch diesen Schüler das Klassen-Notebook eingeschaltet und die Kinder zuhause werden über das Konferenztool in bestimmte Stunden eingeladen. Sie können dann – technisch mehr schlecht als recht, aber immerhin – dem Unterricht folgen, sich beteiligen und wussten auch, was sie nacharbeiten müssen. Offiziell ist dies (noch) nicht vorgesehen, aber die Kinder fanden es gut, fühlten sich an den Klassenverband angeschlossen und verpassten nicht schon wieder so viel Original-Unterricht.
    Dieses Vorgehen in unserer Klasse ist am Ende ja genau so ein Anzeichen von Innovation und Einfach-mal-machen, wie man es sich in diesen Zeiten erhofft und somit absolut begrüßens- und anerkennenswert.

    Herzlichen Dank für diesen erneuten anregenden Beitrag. Und dass Ihnen als Lehrer a.D. aus Leidenschaft in diesen Zeiten die Finger kribbeln, kann ich mir gut vorstellen! 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Kerstin S
      Und da stelle man sich einmal vor, wie Schule aussehen könnte, wenn das Kultusministerium anordnen würde, alle IT-affinen Schüler*innen auf zentrale Online-Fortbildungen zu schicken, dass sie zusammen mit den Lehrer*innen genau solche Dinge ausprobieren können wie in der Klasse Ihres Kindes … Jede Klasse besitzt genug IT-Affine für ein komplettes Umdenken. Von heute auf morgen genügend Ressourcen. Was mich wirklich sehr kribblig macht: Diese IT-Affinen sind ein riesiger ungehobener Schatz, den man an jeder Schule besitzt. Selbst in der 3. oder 4. Klasse Grundschule sitzen sie, die IT-Affinen. Was für Möglichkeiten … aber das Kultusministerium müsste eben anweisen … Kollaborative Improvisation zwischen Lernenden und Lehrenden. Und das innerhalb der alten Gemäuer. Ach ja, träumen wird man ja noch dürfen. 😎😎
      Otto Kraz
      p.s. Wir träumen uns das in unserem Forum gerade zusammen … ich schick‘s mal spaßeshalber später nach Stuttgart. https://www.aufeigenefaust.com/2020/06/24/kollaborative-improvisation-in-alten-gem%C3%A4uern-kapitel-1/

      Gefällt 1 Person

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