Herr Bischoff eckt an. Eine wahre erfundene Geschichte.

Manchmal gibt es Erzählungen, die sind spannend und lehrreich und anregend und werfen außerdem fundamentale Fragen auf, dass wir sie der FAV-Gemeinde unbedingt zur Verfügung stellen wollen. Aber nicht immer geht das, weil die/der Erzähler*in mit Repressalien zu rechnen hat, als Nestbeschmutzer*in gebrandmarkt würde etc. Dann nehmen wir den Kern der Story, verfremden sie und stellen sie unter unserem Namen hier ein. Frei erfunden sozusagen mit einem wahren Kern. Hier ist so einer dieser Geschichten.

„Mensch, Eric, schau mal was da im Drucker lag …“ „Ja, da liegt jetzt dauernd irgendwas drin, mit den ganzen technischen Umstellungen durch HomeOffice wegen Corona hat die Zahl der Irrläufer …“.

„Sei doch mal ruhig Eric und schau, das ist ein, ich weiß gar nicht, wie ich es nennen soll, eine Art Thesenpapier von Bischoff zu seinem Projekt und seiner Rolle hier, das ist ja richtig spannend, ich wusste zwar, dass er ziemlich im Feuer steht, aber das ist ja ganz schön heftig hier. Schau doch mal.“

Er reicht Eric das Papier:

Onboarding im Wasserfall – oder: Gibt es Wege zur Agilität, ohne das Bisherige zu denunzieren?

Der Anfang

Als ich hier neu angefangen habe, habe ich gleich das Projekt für die „Neue Software zum Kaffeekochen“ übertragen bekommen. Heftig, gleich für alle und an jedem Standort, und jede und jeder ist da Expert*in in eigener Sache.

Auf jeden Fall habe ich gleich versucht, im Projekt neue, “agile” Arbeitsmethoden einzuführen, wie ich es von meinem früheren Arbeitgeber gewohnt war. Ok, das ging nicht ganz reibungslos und ich habe das zum Teil im Dampfwalzenmodus gemacht, um hier überhaupt was erreichen zu können, ging nicht anders bei der vorherrschenden Selbstgefälligkeit hier und der eigentlichen Vorgabe, alles so zu machen wie lange Jahre bewährt und in diversen Anweisungen hinterlegt….

„Hey, starker Tobak von Bischoff, ‚Selbstgefälligkeit‘ was fällt dem denn ein …“ – Eric liest weiter.

 

Ein erstes MVP – und die Reaktionen

Wir arbeiteten in MVP’s. Das war für die Verwaltung in Hinterwalden a.W. ziemlich ungewohnt, wie ich bald merkte. MVP hieß: erstmal nur Filterkaffee, das aber schnell ausrollen und dann mal schauen, wie es weitergeht. Eigentlich nichts Besonderes, aber alle waren erstaunt, dass das Ergebnis so schnell fertig und produktiv war. Von den Anwender*innen weit überwiegend Lob. Und dass wir uns dem Cappuccino erst später zuwenden würden und das Milchproblem noch zur Lösung anstand, war plötzlich akzeptiert, der erste Schritt gefiel.

Ich war total stolz und marschierte vielleicht mit etwas zu herausgedrückter Brust über die Korridore. Und natürlich: ich erwartete Lob von allen Seiten.

„Ja, das war wirklich toll, wie schnell das ging. Aber vor allem, dass das zugelassen wurde hier plötzlich mit Pareto und Iteration und später erst zu schauen wie es weitergeht und so. Bisher mussten wir doch auf Jahre hinaus alles haarklein festlegen, obwohl alle wussten, dass es nie so kam“ meint Henry. „Bischoff hatte aber auch die Rückendeckung von ganz oben. Erinnerst Du Dich an Regierungspräsident Vonderlitz?: ‚Nicht nur mit der Kaffee-App an sich, sondern auch damit, wie schnell wir das eingeführt haben, haben wir entscheidend aufgeholt zur freien Wirtschaft im War for Talents‘“ ergänzt Eric. „Ja, ich erinnere mich gut an seinen Enthusiasmus“ meint Henry. „Aber weiter im Text.“

Aber schon vor der Produktivsetzung gab es jede Menge Ärger mit den direkten Vorgesetzten: Man habe sich an das bestehende Modell für Kaffee-Projekte zu halten und nicht einfach Schritte zu überspringen oder geforderte Vorlagen weg zu lassen. Und eigentlich wolle man, dass das Projekt scheitere. Denn jetzt erwarte Regierungspräsident Vonderlitz, dass es immer so schnell gehe. Und Vonderlitz habe doch keine Ahnung vom Großen und Ganzen und wie das hier alles laufe – und ich schon gar nicht. Außerdem würden alle, die bisher Projekte gemacht haben, als unfähig hingestellt!

Damit war er im Raum, der Vorwurf: Kameradenschwein.

Alles Argumentieren von meiner Seite, man arbeite nicht mehr und schneller, sondern anders, die Taktrate würde von ganz alleine höher werden ohne Anstrengung und die Beteiligten sich sogar wohler fühlen – es half nichts. Keine weitere personelle Unterstützung für das Projekt, keine Hilfe beim Milchschaumproblem mit Abteilung 13 etc. Und in der Folge jede Menge Störungen.

Z.B. wurden meine Teammitglieder unter Druck gesetzt, Vorlagen zu erstellen, die wir im Projekt längst gecancelt hatten, für andere Arbeiten abkommandiert, ohne mir Bescheid zu geben, zum Rapport bestellt …. Zu guter Letzt liefen Vorgesetzte kurz vor dem Rollout rum und demotivierten das Projektteam mit „das schaffen die nie“.

„Schon heftig was Bischoff da schildert“ meint Eric. „Na ja, Bischoff war aber auch nicht zimperlich“ meint Henry, „in Frage zu stellen, du erinnerst Dich, ob überhaupt schon mal ein Projekt der Abteilung als erfolgreich abgeschlossen bewertet werden könne, das war schon ein ziemlicher Affront. Oder das Einstein-Zitat, das er in der Strategiesitzung anbrachte als Reaktion auf die Präsentation der Planung der Führung für das nächste Jahr: ‚Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.‘ Ich erinnere mich noch gut an die Gesichter unseres Führungskreises.“ „Na ja, er hat immerhin noch hinzugefügt, dass es nur ein angebliches Einstein Zitat sei, für das es keine Belege gäbe“ lacht Eric. „Das hat es auch nicht besser gemacht, das haben alle als intellektuelle Arroganz ausgelegt: Ersterwähnung in einem Roman anno 1983 von einer Autorin namens Brown, die keiner kennt – halt mal wieder der vielbelesene und besserwisserische Bischoff, zu allem ein Kommentar und dann noch einen draufsetzen.“

„Aber er hat es doch geschafft, die Kaffee-App läuft, wenn auch nur mit Filterkaffee, der Cappuccino ist in Vorbereitung und dass es in der Hauptabteilung II noch nicht läuft, liegt ja nur daran, dass die Technik noch keine Heißwasser-Leitung gelegt hat. Und schau doch mal weiter, Bischoff selbst macht sich ja auch Gedanken, was da falsch gelaufen ist …“ Henry liest weiter.

Was hätte ich anders machen sollen, um das vermeiden zu können?

Natürlich ist etwas Neues – das dann auch noch gut funktioniert – immer eine In-Frage-Stellung des Alten. Und für die, die (bisher) die Verantwortung tragen, ein Menetekel des Versagens: Warum haben die das nicht schon längst anders und damit besser/ schneller gemacht?

Aber mit freundlichem Bitte-Bitte würden wir noch heute über die Heiße-Brühe-Funktion reden, die irgendwann auch mal in der Software zum Kaffeekochen realisiert werden soll, obwohl heute doch keiner sagen kann, ob dann nicht längst alle Vegetarier sind. Und erst, wenn auch dieser Aspekt abschließend geklärt wäre, könnten wir das Lastenheft abschließen, ausschreiben und loslegen – es würde noch Monate, wenn nicht Jahre dauern, und ob dann der Kaffee so gut schmecken würde wie jetzt …?

Natürlich ist klar, was da abläuft: Veränderung ist Bedrohung, hier sind Rollen und fest verankerte Abläufe, die ja auch Sicherheit vermitteln im chaotischen Alltag, in Gefahr. Und natürlich stellt sich die Frage, warum es nicht schon längst so gemacht worden ist. Am Ende sind gar Fachkarrieren bedroht, weil es bisherige Rollen im neuen agilen Vorgehen gar nicht mehr geben wird – kennt man alles aus eigener Anschauung und ist tausendfach beschrieben in der Literatur. Und dass man da ein gescheites Change Management machen müsse etc. – aber ich sollte doch nur für Kaffee sorgen und hatte gar nicht die Mittel und den Auftrag und die Zeit, für langwierige Organisationsentwicklungsprozesse …

Gibt es Wege zur Agilität, ohne das Bisherige zu denunzieren?

Und jetzt? Wie komme ich jetzt da wieder raus?

„Da hat er natürlich Recht, vielleicht musste Bischoff so auftreten, sonst hätte er nie eine Chance gehabt, was anders machen zu dürfen“ sagt Eric. „Horsch horsch“ meint Henry, „stimmt das dann doch mit der Selbstgefälligkeit, die du oben noch kritisiert hast?“ „Ja äh nein … ach, ich weiß auch nicht. Das ist schon faszinierend, was sein Team da hingekriegt hat. Und schau dir die doch mal an: meistens gut drauf und voller Tatendrang, obwohl alle einen Sack voll Arbeit haben – irgendwas muss da dran sein mit dem anders arbeiten.“ „Aber dauernd gegen Windmühlen angehen kann es auch nicht sei, ist jetzt schon ne richtige Klemme, in der Bischoff steckt. Weißt du was? Jetzt stecken wir diesen Irrläufer aus dem Drucker erst mal in den Shredder. Und dann schauen wir, ob wir Bischoff mal in der Cafeteria erwischen und sich eine Gelegenheit ergibt, ins Gespräch zu kommen …“

2 Kommentare zu „Herr Bischoff eckt an. Eine wahre erfundene Geschichte.“

  1. Das ist genau das was ich befürchte. Es gibt auch Warnungen, dass zu viel Veränderungen und neue Ideen auf Ablehnung stößen.
    In meinem eigenem Team versuche ich es Häppchenweise Neuerungen unterzubringen.

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  2. Das kenne ich gut – bloß nicht effizienter werden, sonst erwarten sie da oben immer Effizienz und das kann ja nicht im Sinne des Erfinders sein. Schade eigentlich.

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