Irgendwann müssen wir anfangen, „Arbeit“ neu zu definieren …

– ein Nachtrag zur Mini-Konferenz „Home-Office – ja oder doch nicht“ am 16. September 2020

Am 16. September 2020 hat das Forum agile Verwaltung zusammen mit der IMAP GmbH eine Onlinekonferenz zum Thema Home-Office veranstaltet. Rednerinnen waren Marla Hinkenhuis und Sanaz Rassuli von der IMAP GmbH. Moderiert haben Falk Golinsky und Lila Sax dos Santos Gomes vom FAV.  Herausgekommen ist, dass wir beim Homeoffice auf die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Arbeitsebenen achten müssen, damit die Teamarbeit in einem Remote Setting gut funktioniert. Und, dass der Zusammenhalt im Team das ist, was unserer Arbeit Wert gibt.

Es fing zunächst wie jede andere normale Veranstaltung im virtuellen Format an.

Die Teilnehmenden wurden begrüßt, die Moderator:innen stellten sich selbst und die Referent:innen vor, der Vortrag begann.: Marla und Schanaz von IMAP zeigten einen Überblick über die Vor- und Nachteile von Home-Office, positive und negative Auswirkungen für das Team und den Arbeitsalltag und wie man die Zusammenarbeit im Team trotz Entfernung gestalten kann. Die Teilnehmenden wurden angeregt, Fragen zu stellen und sich einzubringen.

Ungefähr bei Minute 45 kam dann eine Meldung, die die ganze Diskussion in eine andere Richtung lenkte.

Eine Teilnehmerin meldete sich und sagte: „Eigentlich reden wir hier von Remote Working. Home-Office ist etwas ganz anderes“. Plötzlich ging es nicht mehr um Kommunikationsregeln und virtuelle Kaffeepausen, sondern um Fürsorge und die Frage nach Wert und Sinn hinter dem Begriff „Arbeit“.

„Home-Office“ impliziert ja, dass man/frau von zu Hause aus arbeitet. Das bedeutet, der Arbeitsalltag findet an einem Ort statt, von dem sie für die meisten Menschen bisher physisch und psychisch getrennt war. Es gab die Sphäre „Arbeit,“ in der ich meiner Erwerbstätigkeit nachgegangen bin, und die Sphäre „Zuhause,“ in der ich zwar gearbeitet habe, aber keine Arbeit, die eine Erwerbstätigkeit abbildete. Durch die Verlegung der Erwerbstätigkeit in die eigene vier Wände verschwamm plötzlich die Grenze immer mehr zwischen „Arbeit“ und „Zuhause.“ Interessanterweise führte dies nicht unbedingt zu einer Veränderung der Erwerbstätigkeit, sondern zu einer Aufwertung der Sorgearbeit. Plötzlich wurde in der „Pause“ zwischen den Videokonferenzen dann halt Wäsche gewaschen und gekocht. Das war aber keine Pause, sondern auch Arbeit. Sie wurde durch die räumliche Nähe zur Erwerbstätigkeit greifbarer. Und eigentlich war sie auch schon immer Arbeit, nur nicht sichtbar. Und noch dazu: Dadurch, dass in diesem Jahr auch die Verlegung der Arbeitsstelle nach Hause gleichzeitig mit der Schließung der Kinderbetreuungsstellen stattfand, wurde die erhöhte Belastung durch Sorgearbeit noch sichtbarer.

„Home-Office 2020“ war alles andere als Remote Arbeiten, wie wir es bisher kannten.

Auf Grund der Diskussion, die im Rahmen des Vortrags entstand, führten wir dieses Thema in unserer Kleingruppe fort. Zuerst entscheiden wir uns dafür die Idee des „Remote Arbeitens“ mehr zu beleuchten. Grundton war: Die Ausweitung der Zielgruppe, für die Remote Arbeit in Frage kam (also Coronabedingt eigentlich alle, zumindest in der Theorie) führte zu einer Neubewertung der Arbeitsumgebung und der Arbeitsinhalte. Plötzlich wurde nach Möglichkeiten gesucht, von zu Hause oder von unterwegs aus zu arbeiten, auch für Gruppen, für die es vorher nie in Frage gekommen wäre.

„Home-Office wird jetzt als Privileg gesehen“

Wer es kann (und darf), ist irgendwie besser dran. „Es entsteht eine neue Klasse“.
Die, die von woanders arbeiten können und die, die ins Büro kommen müssen. Und darauf gibt es dann eine Art Rebellion von den Führungskräften, die entweder mobiles Arbeiten für alle propagieren, oder dies grundsätzlich ablehnen. Und dabei – und hier waren wir uns alle einig – muss man/frau beim Homeoffice immer genau schauen, welche Arbeitsinhalte die Person hat, in welcher Arbeitsumgebung sie arbeiten (muss) und vor allem was die persönlichen Präferenzen sind. Denn nicht jede/r kann oder will außerhalb des Büros arbeiten.

Dann stand für uns der zentrale Punkt im Raum – der Sinn der Arbeit. Wenn ich von überall, mit jedem und theoretisch zu jeder Zeit arbeiten kann: warum dann diese Arbeit, mit diesem Team, zu diesem Zweck? Je individueller des Arbeitsalltags wird, um so wichtiger wird der Bezug zum Team, und der Bezug zum eigentlichen Sinn der Arbeit.

„Wir müssen Arbeit eigentlich ganz neu denken“ sagte eine Teilnehmerin.

Nicht nur das wertschaffende, sondern auch das wertvolle: also der Kaffeeklatsch, das Teamwochenende, die Retrospektive. Oftmals das, was abgetan wird als „überflüssig“ ist das, was der Arbeitsplatz ausmacht. Und das, was wir in der Coronapandemie vermisst haben. Nicht die Aufgaben, sondern die Menschen. Und hierdurch kamen wir dann auch in unserer Kleingruppe wieder zum Ausgangsthema – nicht nur durch die Erwerbstätigkeit schaffen wir ein Mehrwert für die Gesellschaft, sondern auch durch die Sorgearbeit und die Fürsorge.

Durch den ganzen Nachmittag zog sich auch das Thema der Teilhabe durch. Home-Office, Remote Work oder mobiles Arbeiten, das darf nicht zu einer weiteren Entscheidungsmerkmal beim Zugang zu Bildung und Verdienstchancen werden. Es darf niemand abgehängt werden, der die entsprechende Ausstattung zu Hause nicht hat. Denn dadurch entstünde eine ganz neue Zwei-Klassen Gesellschaft, die „Techies“ und die Ausgeschlossenen. Im Rahmen der Digitalisierung müssen wir hier in die Bildung investieren, aber auch in der Ausbildung und in der berufsbegleitenden Weiterbildung. Die Chancen, die es in der Flexibilisierung der Arbeitswelt gibt, müssen für alle zugänglich gemacht werden, denn nur dann ist das Thema Remote Arbeiten zukunftsfähig.

Autor: lilaasax

Lila Sax dos Santos Gomes ist freiberufliche Beraterin für mehr Gleichberechtigung in Verwaltungen und Unternehmen und CEO von Yarrow Global Consulting gGmbH.

3 Kommentare zu „Irgendwann müssen wir anfangen, „Arbeit“ neu zu definieren …“

  1. Es gibt m.e. drei Hebel, um Homeoffice/Remote Working in der gelebten Praxis zu einem Erfolgsmodell zu machen:
    1. Ausstattung mit Hardware/geeigneter IT/Zugriff auf alle Daten und Dokumente (oft noch nicht ausreichend vorhanden)
    2. ein gewisses Maß an Erfahrung, individuelle Techniken/Methoden/Selbstmanagement (dieser Lernprozess ist gerade in vollem Gange).
    3. ein gelebte Kultur der nicht nur „Akzeptanz“-, sondern des aktiven Promotens von Homeofice/Remote Working durch Führungskräfte.

    Sehr spannend ist Punkt 3. In vielen Verwaltungen wird ja jetzt Homeoffice akzeptiert, gefördert, mitunter sogar propagiert. Aber kann es sein, dass die wirkliche Anerkennung/Wertschätzung nach wie vor eher denen zukommt, die sich – trotz „widriger Umstände“ – dann ins Büro schleppen, Präsenz zeigen …? Homeoffice auf dem Papier fordern/zulassen/zugestehen, in schönen Reden gutheißen, ist die eine Sache. In der Praxis aber der Arbeit im Homeoffice die gleiche ehrliche Anerkennung zukommen zu lassen wie den eher im Büro Arbeitenden, ist aber mitunter was ganz anderes. Kurzum: Auf dem Papier und in Verlautbarungen heißt es New Work, in der Praxis hält sich die alte (Präsenz-) Kultur sehr zäh. Ist ja auch nicht verwunderlich. Kultur kann sich gar nicht von heute auf morgen verändern, Kulturveränderung ist immer ein Prozess. Wie seht Ihr das?

    Stefan Scholer

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  2. lilaasax: „Die Chancen, die es in der Flexibilisierung der Arbeitswelt gibt, müssen für alle zugänglich gemacht werden, denn nur dann ist das Thema Remote Arbeiten zukunftsfähig.“

    Ja, die Arbeit wird sich sehr verändern.
    Das Virus ist gerade dabei, die alten Strukturen aufzubrechen.

    Früher galt:

    „Es gibt nur eine Ausflucht vor der Arbeit:
    Andere für sich arbeiten zu lassen.“

    – Immanuel Kant

    Dieser Satz des Immanuel Kant hatte für lange Zeit und an vielen Orten auf dem Globus seinen Sinn. Ebenso der vom Heiligen Paulus von Tarsus:

    „Wer nicht arbeitet,
    soll auch nicht essen.“

    Aber gerade jetzt befinden wir uns an der Schwelle zu einer gewaltigen Veränderung. Zunächst vorrangig in industriell erschlossenen Gebieten, werden gut programmierte, selbstbewegliche Automaten (Roboter) nach und nach den größten Teil der Arbeit übernehmen. Zunächst einfachere, dann kompliziertere. Zuerst in den Industrie-Nationen, dann auch in den entlegensten Erd-Winkeln. Also müssen wir ARBEIT jetzt neu definieren.

    Arbeit (mittelhochdeutsch: arebeit) = Beschwernis, Leiden, Mühe

    Bisher war der Begriff (fast immer) an den Lohn und damit an das Überleben in der Gesellschaft gebunden. Das wird sich verändern (müssen), da die Wertschöpfung zunehmend nicht mehr in unseren Händen liegt.

    Einige der vielen Begriffe, die wir uns ganz neu anschauen müssen:

    ◾ Arbeit
    ◾ Würde
    ◾ Teilhabe
    ◾ Eigentum
    ◾ Einkommen
    ◾ Gemeinwohl
    ◾ Beschäftigung
    ◾ Wertschöpfung

    Das Virus wirbelt einiges Festgefahrene wild durcheinander.

    Jetzt ist eine Chance, die Dinge neu
    und wo möglich… weise zu ordnen.

    .Einen heiteren Hebst 🍁
    wünscht Nirmalo

    Zum Thema „Arbeit“; herzlich willkommen:
    https://nirmalo.wordpress.com/category/arbeit/

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  3. Guter Beitrag. Bei all diesen, berechtigten und wichtigen Überlegungen sollten aber auch solche profanen Fragen wie die nach Ergonomie / Arbeitsschutz oder aber auch Datenschutz nicht vergessen werden. Es reicht eben nicht, einen Laptop hinzustellen und diesen per VPN (wenn überhaupt) zu vernetzen …

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