Was könnte „Agile Verwaltungskultur“ bedeuten?

Agile Arbeitsmethoden sind keine „Tools“ aus einem Werkzeugkoffer. Agilität ist verknüpft mit anderen Umgangsformen – Kommunikation auf Augenhöhe ist dafür elementar. Die Basis für eine solche Kultur wird durch eine gemeinsame Vision des „Stammes“ – pardon, der Organisation – gelegt /1/.

Visionen aber haben im Umfeld der Verwaltung heute einen schweren Stand.

Agiles Arbeiten in cross-funktionalen, selbstorganisierten Teams beruht immer auf einer Voraussetzung: dass jeder Beteiligten den Sinn seiner Arbeit versteht, dass er das Ziel des Ganzen im Blick hat. Das heisst etwas ganz Entscheidendes: Die Arbeitsteilung zwischen Anweisung und Umsetzung, Planung und Ausführung, strategischer Entscheidung und operativer Gefolgschaft wird tendenziell zugunsten der Sache aufgehoben. In der Softwareentwicklung – der Wiege von Scrum und anderen agilen Methoden – muss jeder Programmierer den Sinn des Gesamtprogramms verstehen, sonst kann er keine einzelne Zeile codieren. „Codieren heißt designen“ (Edward Evans) – diese Erkenntnis stand am Anfang der neuen kollaborativen Arbeitsweisen.

Übertragen auf die (kommunalen und anderen) Verwaltungen bedeutet das: Jede Verwaltung benötigt eine Vision ihres Handelns, die sich an Werten orientiert. Das ist heutzutage überhaupt nicht mehr selbstverständlich. Jeder bessere Schuhfabrikant legt sich eine Vision zu, wie er mit seinem Schuhwerk „die Welt ein Stückchen besser“ machen will. Aber die Verwaltungen haben im Gefolge der Ideologie vom „schlanken Staat“ oft jeden Anspruch an die Verfolgung positiver Werte verloren.

Das hat Auswirkungen auf die Arbeitsweise und die Motivation der Mitarbeiter. Ich erinnere mich, als ich Anfang der Nullerjahre in einer Kommunalverwaltung arbeitete und ein Wechsel an der Verwaltungsspitze stattfand. Alle inhaltlichen Vorhaben aus der Periode davor, die etwas mit Gestaltung des Gemeinwesens zu tun hatten (und sei es nur auf dem Gebiet des Tourismus) wurden durch die neue Leitung gestoppt bzw. durch schön klingende, aber preiswerte Parolen ersetzt („unsere grüne Heimat“ und ähnliches). An die Stelle der Inhalte trat ein strikter Sparkurs: Sparen um seiner selbst willen. Als strategisches Ziel wurde festgelegt „Personaleinsparung von 1,5% jährlich“ und alle Handlungen darauf ausgerichtet. Die Konsequenz lag in einer spürbaren und immer fortschreitenden Demotivation der Mitarbeiter. Und zwar von Mitarbeitern, die gar nichts gegen sparsame Haushaltsführung einzuwenden hatten. Aber Sparen hat ja den Zweck, Handlungsfähigkeit zu erweitern. Doch Handlungsfähigkeit wozu? Wozu sollten die eingesparten Mittel sinnvoll eingesetzt werden?

Keine Antwort.

Umgekehrt: Wer agile Methoden in seiner Verwaltung einführen möchte, muss in und mit seiner Organisation Visionen erarbeiten und propagieren. Und zwar Visionen im wirklichen Sinne, d. h. auf Werte hin orientiert, die das Gemeinwesen fundieren. An Herausforderungen mangelt es nicht, die nach der Antworten in Form von moralischen Maßstäben, von Visionen und Grundsatzkonzepten verlangen. /2/ Unsere demokratische Streitkultur ist ideal, um dafür Entwicklungsarbeit zu bringen, egal ob es sich um die Flüchtlingsthematik, die Schere zwischen Arm und Reich oder die demographische Herausforderung handelt.

Die Verwaltungen können sich nicht mehr auf die Rolle von Exekutoren anderweitig beschlossener Gesetze und Regeln zurückziehen. Sie sind (wieder) gefragt als Gestalter von gesellschaftlichen Lösungen. Nur dann macht die Anwendung agiler Methoden Sinn. Dann aber auch wirklich.

 

Anmerkungen

/1/ Zum Begriff „Stamm“ siehe das Buch von Dave Logan, John King und Halee Fischer-Wright: Tribal Leadership. Leveraging Natural Groups to Build a Thriving Organization, Harper Business, Paperback edition 2011 (2008), ISBN 978-0-06-125130-6 und den Artikel von letzter Woche: https://agile-verwaltung.org/2016/06/30/verwaltungskultur-und-agilitaet-ein-widerspruch/

/2/ Zu den voraussichtlichen gesellschaftlichen Herausforderungen der nächsten Jahre siehe https://agile-verwaltung.org/2016/03/13/auf-welche-trends-muss-sich-die-verwaltung-in-den-naechsten-jahren-einstellen-ergebnisse-des-gruendungsworkshops-am-11-februar-2016/

 

Autor: Wolf Steinbrecher

Volkswirt und Informatiker. Zuerst als Anwendungsentwickler in Krankenhäusern und Systemhäusern tätig. Dann von 1995 bis 2008 Sachgebietsleiter für Organisation und Controlling in einem baden-württembergischen Landkreis (1.050 MA). Seitdem Berater für Teamarbeit und Dokumentenmanagement. Teilhaber der Common Sense Team GmbH Karlsruhe, www.commonsenseteam.de. Blogger bei www.teamworkblog.de.

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