Der didaktische Zwilling, die kollaborative Improvisation und der Ereignishorizont der Motivation.

Kollaborative Improvisation

Ja, wer schon mal was von mir gelesen hat, der kennt meine Vorlieben für Neuwortkonstruktionen. Gemeinsam mit seinen Schüler/innen zu improvisieren, wie man trotz Corona zusammen einen guten Schuljob macht … das passiert an Schulen zur Zeit immer häufiger … meist wird es aber als reine Notlösung angesehen, um möglichst schnell zur klaren Plandidaktik zurückzukehren. Dabei steckt riesig viel Potenzial in der Idee, Schüler/innen mit ins Unterrichtsorganisationsboot zu holen.

Improvisation folgt einem klaren Muster, einem roten Faden .. im Falle des Unterrichts dem Lehrplan. Aber die Ausführung selbst ist natürlich nicht vorausgeplant. Agile Didaktik heißt: Lehrende entwickeln sie zusammen mit den Lernenden. Der Sinn? Mehr Sinn! Also für die Lernenden mehr Einbeziehung in den Unterrichtsablauf, um den Sinn herauszukitzeln. Der hinter dem Lehrplan steckt. Warum? Um gute Ergebnisse für alle zu erreichen. Mit viel Gefühl für den Sinn der Veranstaltung namens Schule. (Eigentlich sollte es Lehrpläne geben, die speziell für Schüler/innen gut lesbar sind. Finde ich.)

Didaktik mit den Lernenden entwickeln? Ich höre die Zweifler laut rufen.

Der didaktische Zwilling

Ich kann dieses Gefühl als junger Lehrer noch sehr intensiv abrufen: Ich wäre immer so gerne parallel zu meinem Unterrichten in der letzten Reihe gehockt und hätte mir gelauscht. Um zu spüren, was didaktisch funktioniert und was nicht. Wie ich mich als Lehrender für den Lernenden anfühle. Immerhin war ich drei Jahrzehnte davor gefühlt nur Lernender.

Dabei kam ich gar nicht nur als Lernender auf die Welt. Ich muss – wie die meisten von uns Menschen in frühen Jahren – eine Art „didaktischer Native“ zum Beispiel für meinen Vater gewesen sein. Immerhin habe ich es geschafft, als etwas ängstliches und wasserscheues Kind die Didaktik meines Vaters von „Mein Sohn wird sicher ein richtiger Junge werden“ auf „Dann ist mein Sohn eben etwas ängstlich und wasserscheu“ zu beeinflussen. Ich hatte Glück. Er konnte sich auch als Lernender auf mich als Lehrenden einlassen. Hat mich auch ängstlich und wasserscheu akzeptiert. Auch er also ein didaktischer Zwilling. Ich bin ihm nachträglich dafür sehr dankbar.

Was ich sagen will: Wir sehen uns Lehrer/innen meist immer nur als überwiegend Lehrende. Und ein wenig schaut und lernt man dann am Ende, wie effektiv das Lehren war, indem man sich über die Leistungen und Noten seiner Schüler/innen Gedanken macht. Mal mehr, mal weniger.

Dabei könnten die 20 bis 30 Schüler/innen, die vor einem sitzen, täglich als didaktische Berater/innen agieren, wenn man diese Fähigkeit von uns Menschen als natürliche didaktische Zwillinge nutzen könnte. Das ist mein Bild dafür: Jeder Mensch ist lebenslang ein didaktischer Zwilling. Aber wahrgenommen wird meist nur einer von beiden.

Der Ereignishorizont der Motivation.

Als Physiker darf man solche Anlehnungen machen. Der Ereignishorizont eines schwarzem Lochs im All ist die Grenze, hinter der ich nicht mehr weiß, welche physikalischen Gesetze dort gelten. Ich habe den Begriff natürlich umgedreht … aber den Sog nehme ich mit. Jeder von uns kennt dieses magische Gefühl, wenn man für etwas brennt. Wenn die Hochmotivation zuschlägt. Ich kenne es mit der agile Didaktik für ganze Klassen nur aus den Erzählungen von Willy Wijnands, der mit dem Framework eduScrum in allen Klassenstufen ab 5 Chemie und Physik unterrichtet hat. Ich schildere es einmal in drei Stufen.

Stufe 1: Hiiiiilfe, wie anstrengend. So viel habe ich ja noch nie tun müssen. Hinten drin sitzen und sich berieseln lassen war viel chilliger.

Stufe 2: Man gewöhnt sich an alles. Noch nie so viel gelernt.

Stufe 3: Eigentlich bin ich kein/e Schüler/in mehr. Ich fühle mich als didaktischer Zwilling. Ich bin Teil meiner eigenen Ausbildung.

Wie war das bei Ihnen? Hängen Schule und Ihr Beruf gefühlt direkt zusammen? Mussten Sie Schule einfach durchlaufen, um dann endlich selbst entscheiden zu können, wohin die Reise geht? Oder hatten Sie das Glück, den Ereignishorizont der Motivation schon an der Schule zu erfahren? Zumindest in ein paar Fächern.
Ich stelle das Bild noch sehr unfertig zum Weiterdenken ein und muss zum Schluss ehrlicherweise erwähnen, dass ich als Pensionär von Schreibtisch aus natürlich wunderbar solche Zeichnungen in die Welt raushauen kann. Aber sie sollen ja auch einfach nur zur Diskussion speziell mit den Lernenden anregen. Auf der Suche nach den didaktischen Zwillingen. 😎😎
Mit denen sich trefflich kollaborativ improvisieren lässt. Forumsseite für agil lernen und lehren

Autor: Heinz Bayer

Forum agil lernen und lehren - www.aufeigenefaust.com

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