Ist die Digitalisierung ein Instrument des Wandels? Oder des Gewandelt-Werdens?

„Digitalisierung“ ist kein Begriff mit scharf umrissener Bedeutung wie z. B. „Dampfmaschine“ Anfang des 19. Jahrhunderts es war. „Digitalisierung“ ist ein Begriffscontainer mit einer Vielzahl an Be-Deutungen, weil Innovation in Wissensprozessen anders funktioniert als bei operativen Arbeiten in der klassischen Industriewelt. Das birgt das Risiko von Missverständnissen und Illusionen.

In der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 28. November 2020 erschien ein Kommentar unter dem Titel: „Deutschland hat die Digitalisierung nicht verschlafen, sondern unterdrückt“. /Anmerkung 1/ Der Autor, Dirk von Gehlen, berichtet darin von einigen Widerständen gegen die Digitalisierung im letzten Jahrzehnt, vor allem aus dem Bereich der Lehre. Er zitiert den damaligen Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands, der in einem Interview im Sommer 2015 zum Thema Digitalisierung an den Schulen über „Häppchen-Bildung“ und „Zwangsdigitalisierung“ klagte.
Von Gehlen sieht diese Haltung neben dem Bildungsbereich auch im Gesundheitswesen, in Justiz und Finanzsektor, in Gastronomie und Kultur verbreitet. Und er zieht das Fazit:

„Es mag verständlich sein, dass Menschen keine Lust haben, sich von ‚dem Internet‘ ihre mühsam erarbeiteten oder auch nur ererbten Privilegien streitig machen zu lassen. Es ist womöglich sogar legitim, dass sie dafür in Worten, Budget-Entscheidungen und konkreten Taten dem Neuen und Digitalen weniger Chancen eingeräumt haben. Aber es ist nicht richtig, dies nun als „Verschlafen“ zu beschreiben.“ Es gehe nämlich um eine absichtsvolle Blockade.

Die Koalition des Weiter-so

Die Verhinderung von Innovation, die der Journalist attackiert, ist aus meiner Sicht unbestreitbar. Sie beschränkt sich nicht auf Digitalisierung. Überall bedroht das Neue das Bestehende, in dem Manche sich wohlig eingerichtet haben. Das gilt ja auch für den Umstieg auf umweltfreundlichere Mobilität, gegen die sich die deutschen Automobilkonzerne so lange und mit massiver politischer Unterstützung bis hin zum Betrug so lange gewehrt haben. Die Verlängerung der Dieseltechnik über ihr Verfallsdatum hinaus hatte ja auch etwas mit Gefährdung von Stellungen zu tun – beherrschende Positionen der Konzerne auf dem Weltmarkt und hierarchische Positionen ihrer Vorstände in den Konzernen. Die Unterschätzung der gnadenlosen Dynamik in der VUCA-Welt zusammen mit der zutiefst in der deutschen Ingenieurs-DNA verankerten Weltspitze-Arroganz führen zu einem verhängnisvollen „Weiter so“, das nur kurzfristig (trügerische) Sicherheit verspricht.

Der Vorwurf des Autors Dirk von Gehlen, wir hätten es in Deutschland mit einer bewussten Koalition mächtiger Innovationsverhinderer zu tun, scheint also mehr als plausibel. Aber gilt auch die Umkehrung? Wenn die Verteidiger des Status quo sich mit Zähnen und Klauen gegen Digitalisierung wehren – bedeutet das im Umkehrschluss, dass Digitalisierung den gesellschaftlichen Fortschritt garantiert?

Ist „die“ Digitalisierung „an sich“ gut?

Viele Beschäftigte in kommunalen und anderen Verwaltungen mit direktem Kundenbezug engagieren sich stark für die Einführung von Apps und Plattformen, die den sozialen Medien im Privatbereich nachempfunden sind. Die Einführung der E-Akte ist zum Teil mit Hoffnungen verbunden, die den Ausbruch aus abgeschotteten Silos hin zu abteilungsübergreifenden Formen der Zusammenarbeit bedeuten. Arbeit in kreativen Teams mit größerer Entscheidungskompetenz und selbstorganisierten Verantwortlichkeiten und Abläufen kann die jahrhundertealte, papierbasierte Verwaltungskultur der „Einzelzuständigkeit“ ins Altpapier befördern, wo sie hingehört.

Und die Corona-Umstände haben einen zusätzlichen Schub gebracht. Das Homeoffice erspart nicht nur Pendelwege, sondern hält auch vorgesetzte Mikromanager ein Stück auf Distanz. Eine repräsentative Umfrage der Universität Konstanz unter Beschäftigten, die im ersten Corona-Lockdown ins Homeoffice versetzt worden waren, ergab:

  • Beschäftigte, die im Sommer oder Herbst aus dem Homeoffice in volle Präsenzarbeit zurückgekehrt sind, beklagen höhere emotionale Erschöpfung und sinkende Produktivität.
  • Die überwältigende Mehrheit der Beschäftigten wünscht sich einige Tage Homeoffice in der Woche; die größte Präferenz liegt bei zwei Tagen. /Anmerkung 2/

Das heißt, die ungeplante, Führungskräfte überrumpelnde, alle Absicherungsstrategien ausschließende Art und Weise dieser teilweisen Digitalisierung – also die kreative Antwort auf komplexe Herausforderungen – hat tatsächlich in einigen Verwaltungen, vor allem auch Hochschulverwaltungen, einen wind of change (oder sagen wir bescheidener: ein Lüftchen des Wandels) wehen lassen. /Anmerkung 3/

Das treibt den rückwärtsgewandten, skrupellosen Verteidigern ihrer Privilegien den Schaum vor den Mund /Anmerkung 4/. Aber auch das ist nicht das ganze Lied.
Digitale Werkzeuge können nämlich auch sehr gut verwendet werden, um die bestehenden Zustände zu zementieren oder sogar zu verschlechtern. Ein Lehrstück sehen wir gerade in Baden-Württemberg. Die dortige Landesregierung ist zurzeit dabei, die E-Akte in die Behörden „auszurollen“, wie es so schön heißt. Im Vergleich zu Windows ist das neue System so konfiguriert, dass die Sachbearbeiter nicht einmal mehr Ordner anlegen können. Das kann nur durch die Registratur geschehen. Die einzelnen Referate haben nach wie vor „ihre“ Siloablagen, übergreifende Vorgangsbildung ist nicht vorgesehen. Die künftigen Anwender wurden an der Entwicklung des Systems nicht beteiligt – alle wichtigen Parameter wurden zentral in Stuttgart festgelegt. /Anmerkung 5/
Das Ganze ist eine einzige Katastrophe. Es werden Steuergelder verschwendet und nur ein minimaler oder gar kein Nutzen für die Verbesserung der Verwaltungsleistungen im Sinne der Anspruchsberechtigten gestiftet. Und wie lange wird es dauern, bis die nächste Chance kommt, ein wirklich modernes System einzuführen? 5 Jahre – oder eher 10 oder 15 Jahre?

Die Hoffnungen auf Digitalisierung werden sich nicht im Selbstlauf erfüllen

Machen wir uns nichts vor. Die meisten Digitalisierungsprojekte, die ich kenne, sind zwar nicht so extrem wie das baden-württembergische Beispiel. Aber sie sind auch bei weitem keine visionären Unterfangen, die alle jetzt schon bestehenden Möglichkeiten eines „Musterwandels“ ausschöpfen würden.
Und die Möglichkeiten der „Innovatoren“ in den Verwaltungen, die oberste Hausspitze von den Vorteilen des Wandels zu überzeugen, sind begrenzt, wenn sie sich nicht sowieso schon zum Fürsprechers dieses Wandels gemacht hat.

Der wind of change bringt den Himmel näher heran. Wenn wir die Drachen unserer Visionen aktiv zum Steigen bringen. (Quelle: GP Williams, Penrhynside wind of change, CC-Lizenz)

Was bleibt also zu tun?

Werfen wir noch einmal einen Blick auf die Automobilindustrie, also bewusst weit weg von unseren Verwaltungsorganisationen. Der dort mittlerweile angestoßene Wandel wurde nicht aus dem Inneren der Konzerne bewirkt, sondern durch äußeren Druck:

  • Durch den sich abzeichnenden Vorsprung von Konkurrenten wie Tesla, der die „Geht-nicht“-Ideologie der deutschen Konzernpatriarchen praktisch zu widerlegen drohte.
  • Vor allem durch die Zivilgesellschaft, die in Form der Fridays for Future und anderer Akteure einen werte-orientierten Druck aufbaute, der sich Politik und Wirtschaft letztlich nicht völlig entziehen konnten.

Ein gangbarer Weg

… erscheint mir in Folgendem zu bestehen:

  1. Wir strengen uns an, unsere eigenen Visionen von Digitalisierung möglichst genau auszuformulieren. Wir wollen wir künftig arbeiten? Welche Balancen von Einzel- und Teamarbeit, von Regeln und Selbstorganisation, von Präsenz und Homeoffice schweben uns vor? In welchen konkreten digitalen Gefäßen wollen wir diese Anforderungen aufheben?
  2. Wir konkretisieren unsere Kundenorientierung: In welchem Maße befördern wir mit unseren Visionen die Anliegen unserer Stakeholder? Also im Hochschulbereich die Anforderungen der Studierenden nach guter (digital unterstützter) Lehre. Die Anstrengungen der Lehrenden, im ständigen Austausch diese guten Lehrformate zu entwickeln. Die Anliegen der Forschenden, die Megatrends der Gesellschaft zu verstehen und ihnen gerecht zu werden.

Dann haben wir eine Chance, Teil des Windes zu werden und nicht nur getriebene Blätter.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Seite der Musterwandler in Hochschulen, www.musterwandler-hochschulen.org

Anmerkungen

/1/ Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung, 23. November 2020, 8:26 Uhr, www.sz.de/1.5112615
/2/ Julia Wandt, Stabsstelle Kommunikation und Marketing Universität Konstanz: „Integration im Coronajahr, idw-Online, Presseinformation Nr. 124/2020, https://idw-online.de/de/news759875
/3/ Siehe z.B. die Umfrage des Forums Agile Verwaltung vom April 2020: https://agile-verwaltung.org/2020/07/06/erfahrungen-in-corona-zeiten-agile-vorgehensweisen-starken-die-resilienz/
/4/ So erklärte Magnus Klause vergangene Woche in der WELT unter dem Titel „Man wird doch mal seine Corona-Sau rauslassen dürfen“: „Die Corona-Politik setzt verschärft und mit größerem moralischen Erpressungspotenzial den von der Klimapolitik betriebenen Kampf gegen alle, Alte wie Junge, fort, die ihr Leben statt an einer hypothetischen Zukunft an der jeweiligen Gegenwart messen und sich weigern, im Namen späterer Generationen ihren individuellen Anspruch auf Glück und sinnliche Erfüllung preiszugeben. Erst wenn beide Gruppen, Junge wie Alte, erkennen, dass diese Politik, statt ihr individuelles Leben zu schützen, aus ihnen hypochondrische Frühvergreiste macht, könnte sich an der deprimierenden Lage etwas ändern.“ Zitiert nach: Deutschlandfunk Kultur, Kulturpresseschau, Beitrag vom 12.12.2020
/5/ Vgl. https://agile-verwaltung.org/2020/10/05/digitalisierung-als-rolle-rueckwaerts-ein-paar-ueberlegungen-zur-e-personalakte/

Autor: Wolf Steinbrecher

Volkswirt und Informatiker. Zuerst als Anwendungsentwickler in Krankenhäusern und Systemhäusern tätig. Dann von 1995 bis 2008 Sachgebietsleiter für Organisation und Controlling in einem baden-württembergischen Landkreis (1.050 MA). Seitdem Berater für Teamarbeit und Dokumentenmanagement. Teilhaber der Common Sense Team GmbH Karlsruhe, www.commonsenseteam.de. Blogger bei www.teamworkblog.de.

Ein Gedanke zu „Ist die Digitalisierung ein Instrument des Wandels? Oder des Gewandelt-Werdens?“

  1. Wolf Steinbrecher: „…Dann haben wir eine Chance, Teil des Windes zu werden und nicht nur getriebene Blätter“

    Wir leben in der Zeit eines größeren Umbruchs.

    Das ist aber nur unter bestimmten Perspektiven deutlich zu sehen.
    Ansonsten läuft das Ganze etwa wie in Zeitlupe ab, sodaß wir nicht
    das Ganze sehen, erkennen und abschätzen können.

    Der Hufschmied, der zum ersten Mal einen Ford vorbeituckeln sah,
    konnte die Bedeutung für sein persönliches Leben nicht erkennen.

    Uns geht es derzeit, wie damals dem Betreiber einer Hufschmiede.

    Das aktuelle CoronaVirus ist wie eine
    Böe, die so einige Dinge beschleunigt.

    🌲

    Wolf: „Wir strengen uns an, unsere eigenen Visionen von Digitalisierung möglichst genau auszuformulieren.“

    Gibt es denn Visionen? Wenn ja, sind sie leicht. Nach
    meinem Gefühl gibt es hier aber mehr Anstrengung. 😎

    Zum Beispiel habe ich selbst Visionen die Schule betreffend.
    Da ist aber keine Anstrengung, da ist bloß Leichtigkeit.
    Ich habe sie ja – wie in einem Film – unmittelbar vor Augen.
    Also brauche ich nur zu formulieren, was ich vor mir sehe.

    Zweitens gibt es Entwicklungen, die geschehen,
    ohne daß wir sie uns vorab vorstellen konnten.

    Beispiel:

    Der Herr Zuse baut einen Computer, Herr Gates ein Programm,
    Herr Page entwickelt eine Suchmaschine, die uns auf nahezu jede
    Sach-Frage eine passende Antwort gibt, Herr Bezos macht einen
    Buchladen auf, und der Herr Musk entwickelt neuartige Autos,
    Züge und Raketen.

    Sie alle (und viele Tausend mehr) sind
    Teil eines unüberschaubaren Ganzen.

    Sie fungieren als eine Art „Kanal-Arbeiter“: Sie haben den Impuls
    und auch die Energie, die Ideen, die ihnen einfallen, also einfach
    nur zufallen, zu realisieren, sie in Handhabbares umzusetzen.

    Jede der einzelnen Entwicklungen
    macht schon für sich alleine Sinn…

    Wie das Ganze im Orchester klingt, wissen wir erst, wenn
    die einzelnen Instrumente aufeinander abgestimmt sind.

    🎄

    Als Monsieur Papin 1690 die Dampfmaschine präsentierte,
    konnte er sich bestimmt nicht vorstellen, was er mit seiner
    Erfindung alles ins Rollen bringen würde.

    Es geschieht irgendwie. Ein Beispiel:

    Früher brauchte es je nach Vorhaben,
    kleine oder auch sehr große Gebäude.

    Das wird sich jetzt ändern.

    Brauchte die „Deutsche Bank“ noch ein Hochhaus, so braucht es heute
    nur noch sehr wenige Mitarbeiter, die das Ding am Laufen halten. Und
    selbst die könnten die wenige noch anfallende Arbeit zuhause erledigen.
    Sogar die Hardware „Geld“, das Herzstück einer Bank, wird sang- und
    klanglos verschwinden, sich in Digits auflösen, ohne daß den Menschen
    dadurch etwas fehlen wird.

    Diese Entwicklung betrifft sehr viele Bereiche. Sie wird von Jammern begleitet
    sein ― wie immer, wenn gravierende Veränderungen stattfinden, weil sich der
    Verstand des Menschen so gerne an Bekanntem und Vertrautem festklammert.

    🌲

    Wenn wir uns nur vorstellen können, wie wir etwas auf leichte Weise realisieren
    wollen, haben wir meistens die passenden Lösungen bereits in greifbarer Nähe.

    Eine Zeit für Visionen.

    (Vor Kurzem hätte der Kanzler aus Hamburg noch den Arzt gerufen)

    Grüße von
    ― Nirmalo

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