Man muss loslassen, dann hat man plötzlich zwei Hände frei.

Offener Brief an die oberste Bildungsbehörde von Baden-Württemberg

Sehr geehrte Frau Dr. Eisenmann
Wir unternehmen zum aktuellen Anlass mit diesem Blogbeitrag den Versuch, bis ins Zentrum unserer baden-württembergischen Bildungsburg durchzudringen. Möglicherweise ist in diesen unsicheren Corona-Zeiten die Ziehbrücke doch nicht ganz hochgezogen, weil die Burgherrin ja insgeheim auf umwerfende neue Ideen aus dem Ländle wartet.

(Wir: Ein alter Schulmeister, seine Tochter und zwei schulpflichtige Enkelkinder.
Inhaltliche Verortung: Forum agil lernen und lehren

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek meinte vor einigen Tagen. „Jede Schule in jedem Land muss sich ein Ziel setzen: Nach den Ferien muss überall ein strukturierter Unterricht angeboten werden – und zwar so, dass möglichst ein volles Schulprogramm gewährleistet ist. Wie auch immer.“ (Rheinischen Post) Klar … „schwierig“, sagte sie. „Aber wir leben einfach in einer Ausnahmesituation und da muss jetzt alles mobilisiert werden, damit die Kinder und Jugendlichen wieder verlässlich unterrichtet werden.“ Es müsse vor Ort intensiv an Lösungen gearbeitet werden, damit der Schulbetrieb „mit einer Mischung aus Präsenz- und Digitalunterricht“ wieder umfassend laufen könne.
„Die Sommerferien können die Schulen auch nutzen, mehr Raumkapazitäten zu schaffen, indem sie zum Beispiel Container aufstellen“, meinte Frau Karliczek. “ … Soweit ein paar Ideeneindrücke aus Berlin als Einstieg für diesen Blogbeitrag.

schiff

Der Opa: (Gymnasiallehrer von 1977 bis 2015) Als alter Schulpraktiker löst es bei mir immer vollautomatisches Kopfschütteln aus, wenn ich mal
wieder merke, dass wir Menschen in Sachen Schule einfach nicht aus diesem furchtbaren Hamsterrad herauskommen. Als wäre das Hamsterrad in unserer Schulvorstellungs-DNA auf immer und ewig festgeschrieben. Weltweit. Ist es aber nicht. Ein Hamsterrad ist an der Seite komplett offen. Man kann innehalten, anhalten und heraustreten. Es gibt tatsächlich Ideen dazu. Junge Menschen mit 6 Jahren in eine verpflichtende Veranstaltung namens Schule zu schicken war im 18. und 19. Jahrhundert ein echter Knaller. Als noch überhaupt niemand wusste, wie Lernen mit diesem Gerät namens Hirn funktioniert. Weltweit niemand.
Nun befinden wir uns aber im 21. Jahrhundert … und wir wissen inzwischen ziemlich viel darüber, wie Lernen funktioniert. Doch wir haben trotzdem diesen Rahmen von Schule einfach beibehalten … seit fast 300 Jahren.

Die Mutter: (Grafikdesignerin seit 2005)  Doch ja, wir kamen in den letzten neun Wochen tatsächlich einmal aus dem Hamsterrad heraus. Unsere Kinder durften erleben wie es ist, im eigenen Tempo mit unterschiedlichen Methoden ein und dasselbe Ziel außerhalb des Hamsterrads zu verfolgen. „Seite 1-35 müssen in den nächsten drei Wochen bearbeitet werden.“ So der Auftrag der Lehrerin. Meine Kinder: „Oh nein Mama, das schaffen wir doch nie.“ Großartige Möglichkeit zu lernen, wie man an diese neue Situation heran geht und es war richtig Selbstbewusstseins stärkend, was nach neun Wochen Homeschooling selbstständig gemeistert werden konnte. Einteilen des Stoffs, Schwächen und Stärken kennengelernt und meine Kinder haben richtig viel über das eigenen Lernverhalten gelernt. Wir haben ausprobiert und ausprobiert, bis jedes Kind seine eigene Herangehensweise gefunden hatte.

Die Tochter (8): (Möglicherweise Virologin ab 2038) Ja aber das war auch echt ganz schön anstrengend. Da ist in der Schule sitzen und vor sich hin träumen viel einfacher. Ohne das Organisieren des Lernens mit meiner Mama zusammen hätte ich das sicher nicht geschafft. hamsterrad

Der Opa: Das passiert übrigens seit März. Weltweit. Das Hamsterrad steht und diese ursprüngliche erste Unsicherheit hat ganz viele neue Perspektiven eröffnet. Wundervolle Perspektiven. Zukunftskompatible Perspektiven. Perspektiven, von denen man vor drei Monaten noch nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Weil das altbewährte Hamsterrad an den überwiegenden Schulen der Inbegriff von Ausbildung zu sein scheint. Nein, keine Sorge. Ich will damit nicht sagen, dass dieses Homeschooling eine tolle Sache ist … aber es zeigt die vielen Schwächen vom Hamsterrad und jetzt beim Lockern des Lockdowns sollte man nicht einfach zurück ins Rad. Bitte nicht nur den Abstand einhalten. Man sollte neue Wege gehen. Es gibt so viele.

Die Mutter: Stimmt. Da tauchten ganz neue Perspektiven auf: Wie gehe ich an ein Problem heran und löse es auf meinem Weg. Losgelöst von 45 min Einheiten und eng vorgebenen Wegen, die genau so zu gehen sind – sonst bekommst du eine schlechte Note. Neue Wege ausprobieren dürfen – ohne dafür bestraft zu werden. Und das Ergebnis: Erfolgreicher denn je. Das Feedback der Lehrerin: „Wow, das hast du ganz alleine gemacht? Super.“ Schon ein bisschen Verwunderung zwischen den Zeilen. Die Kinder, die normalerweise im Mittelfeld in der Schule mit schwimmen, konnten jetzt richtig zeigen, was sie drauf haben.

Der Sohn (10) (am ersten Tag wieder mit zwei Stunden in der Schule – Möglicherweise Klimaforscher ab 2036): Mensch, das war klasse heute – ich habe alles verstanden und konnte mich viel besser konzentrieren als sonst. Ich glaube, das habe ich in den letzten Wochen tatsächlich gelernt. Schule fühlt sich gerade irgendwie anders an. Hört sich komisch an, aber ich fühle mich ernster genommen als vor Corona. Hoffentlich bleibt das so.

Der Opa: Man kommt als ganz normaler Mensch auf die Welt. Mit all seinen Stärken und Schwächen. Niemand denkt daran, Noten zum verteilen, wie schnell so ein kleiner Mensch seinen Kopf hebt, krabbelt oder läuft. Aber so ein bisschen fängt es natürlich schon an. „Was, dein Kind spricht noch keine Dreiwortsätze?“ … trotzdem, alles noch eher stressfrei.
Dann kommt man als junger Mensch in dieses hamsterradreife Alter von 6 Jahren und von diesem Zeitpunkt an geht die Post – also das Rad ab. Man wird schlagartig vom ganz normalen Menschen zum Schüler oder zur Schülerin und wird sehr schnell dauerbewertet. Benotet. Verglichen mit allen anderen. Eingeordnet nach sehr gutem, gutem, mittelmäßigem, schlechtem oder sehr schlechtem Schüler. Oder Schülerin. Gemessen am jahrhundertelang erprobten Aufbau des allgemein anerkannten Hamsterrads.

Brücke

Die Mutter: Ein Gedanke kommt da bei mir als Mutter auf: Was wäre, wenn meine Kinder auch ohne Corona in ihrem eigenen Tempo lernen dürften, unterstützt von zu Hause oder durch ältere Schüler/innen. Was wäre, wenn man Lehrer visionär experimentieren ließe. Was wäre, wenn man Corona nutzen könnte, um Unterricht einmal ganz anders auszurichten. Man sieht doch, dass junge Menschen viel eigenständiger lernen können, wenn man sie dazu anleitet und sie begleitet. Dann fühlt man sich natürlich ernster genommen.

Der Sohn: Ich fand das ziemlich cool, mit meiner kleinen Schwester zusammen das Einmaleins zu wiederholen. Da kam ich mir wie ein Lehrer vor. Es fühlt sich richtig gut an, wenn man merkt, dass man was kann.

Der Opa: Die meisten Erwachsener machen sich eigentlich selten Gedanken über dieses Hamsterrad. Weil es sich ja schon immer so gedreht hat. Man war ja selbst früher mitten drin. Jahrelang. Viele träumen auch Jahrzehnte später noch davon. Dieses Hamsterrad muss wohl einfach so sein, denken die meisten. Mit 6 Jahren muss man rein … ja am Anfang will man es auch dringend. … nach vier Jahren stellt sich dann die Frage – nach Noten entschieden: Bronzenes Hamsterrad, silbernes Hamsterrad oder goldenes Hamsterrad.

Die Mutter: Was wäre, wenn man – jetzt, wo es sich sowieso nicht mehr rund dreht – das Rad umdenken würde, auch mal von außen drehen dürfte oder wenn es Flügel bekäme … Wenn man die Hamsterräder für die unterschiedlichsten Bildungs-Fahrzeuge als echte Räder nutzen würde. Zusammen mit den Schüler/innen. Wenn man die Blickrichtung auf Lernprozesse von den Lernenden aus betrachten würde. Zusammen mit den Schüler/innen Schule machen würde.

Die Tochter: Eigentlich ist Lernen was Tolles. Anstrengend, aber toll. Zumindest ist das nach 2 Monaten ohne in der Schule zu sitzen meine Meinung. Nur meine Freundinnen fehlen mir.

Der Opa: Ich weiß natürlich: Wenn man als Lehrer/in im Rad steckt, dann kommt man nur sehr eingeschränkt ab und zu einmal raus aus dem Rad. Ich weiß also, dass die aktuelle Lehrerschelte eigentlich dem Hamsterrad gelten muss. Viele Eltern haben weltweit bemerkt, dass der Lehrerberuf tatsächlich ein Beruf ist. Dass junge Menschen nicht einfach auf das Kommando der Arbeitsblätter hin lernen. Aber sie haben auch bemerkt, dass eigenständiges Lernen offensichtlich in der Schule viel zu kurz kommt.

schwimmen

Ich komme jetzt ganz konkret zu den Vorschlägen von Frau Karliczek . Also zu dieser schlüssigen Vorstellung, aufgrund von der Tatsache, dass Abstand halten, Lüften und Händewaschen ja wirklich wichtig sind. Sodass die Klassen im Moment nur immer hälftig unterrichtet werden können. Aber klar will man niemanden abhängen. Nicht Gewinner und Verlierer produzieren. Wenn der Raum für Abstand für alle zu wenig ist, muss man eben Raum dazu mieten. Zu jeder Klasse einen Container oder andere Räume dazugemietet und Abstand wie gefordert könnte funktionieren? Wow. Eine wunderbare Idee mitten im Hamsterrad. Aber bitte, bitte. Wir dürfen doch im 21. Jahrhundert nicht so schlicht denken wie vor 100 Jahren. Man kann weder Lehrpersonen klonen noch heutige Schüler/innen zur Hälfte in Containern alleine lernen lassen.

Die Mutter: Das kleine Pflänzchen das in den letzten Wochen bei den Kindern aufgegangen ist, sollte man dringend wachsen lassen. Ausprobieren und Eltern Lehrer und Kinder mit ins Boot holen. Die Kommunikation ausbauen und darauf setzen, dass Kinder oft mehr können als nur zuhören und wiedergeben. Im Austausch bleiben und neugierig sein.

Der Sohn: Ich habe mit meiner kleinen Schwester das Einmaleins geübt. Mit meinem Freund zusammen könnte ich das ja auch in so einem Container machen. (grinst) Für eine kleine Gruppe. Warum eigentlich nicht?

Der Opa: Sehr geehrte Frau Dr. Eisenmann. Die aktuelle Lage ist ohne Vorbild. Es wäre doch schön, wenn man über Sie als Burgherrin später in den Geschichtsbüchern lesen könnte: „Ideen heraus aus der Krise stark und zeitgemäß umgesetzt. Die Hamsterräder wurden wochenlang angehalten und nach Corona ganz neu genutzt“ Viele Ideen des Neubeginns schweben wie Aerosole im Raum … das war eine Infizierung tatsächlich wert.

Wir meinen:
Laden Sie massenhaft Lehrer/innen zu einem großen digitalen Austausch auf Ihre Burg ein und sahnen Sie bitte einfach die besten Vorschläge in Sachen Neubeginn ab. Sie dürfen das, die Ideengeber*innen werden es Ihnen umgekehrt danken.
Laden Sie auch massenhaft Schüler*innen zu einem digitalen Austausch auf Ihre Burg ein. Denn dann werden Sie sehr schnell bemerken, dass die Aussage aus unserem Magazin Helix 1( … Gute Bildung ist schlicht gute Zusammenarbeit … zwischen Lehrenden und Lernenden …) eine sehr praktische Komponente in Sachen Schulentwicklung hat.
Laden Sie massenhaft Elternvertreter/innen zu einem digitalen Austausch auf Ihre Burg ein. Dort können Sie nach entscheidenden Facetten suchen, wie Schule der Zukunft auch in Sachen Zusammenarbeit mit den Müttern und Vätern völlig neu ablaufen könnte.

Es ist an der Zeit, Schule anders aufzustellen … und speziell die Schüler/innen mit ins Boot zu nehmen.

Wie das gehen soll? Auf alle Fälle geht das agil: Das Ziel im Blick … und dann beginnen … professionell experimentieren. Fehler machen und anpassen. Ausprobieren und optimieren. Zusammen mit den Kunden. Also den Schüler/innen. Lehrpersonen sollten agile Dienstleister für die Zukunft sein. Nicht einfache Planerfüller.

der kleine Unterschied

„Waaaaas???? Keine Klassen nach Alter??? Sowas soll gehen??? … “ hören wir so manche/n Leser/in sich denken. „Ja klar ginge das, würde man sich trauen.“ sagen wir. Aber man traut sich eben noch nicht so richtig an öffentlichen Schulen. An manchen privaten schon. Erfolgreich.

In unserer fiktiven Laborschule in Weit im Winkl haben wir einfach einmal fiktiv losgelassen und damit zwei Hände frei bekommen. Wir haben vom Forum zeitgemäß lernen und lehren unsere alte, aber noch überhaupt nicht abgenutzte Geschichte der fiktiven Laborschule in Weit im Winkl mal wieder aus dem Archiv gezogen und überarbeitet in den dortigen Blog gestellt. Die Laborschule ist voller Ideen, mit denen man wunderbare Zukunftswerkstätten durchführen kann. Viel Spaß beim Schlendern. Wen auch noch die fiktive Rahmen-Story interessiert. Hier ist sie.

Heinz Bayer & Sarah Winkler – Forum agil lernen und lehren


p.s. Der Grund in Kurzform, warum Sie als Bildungsministerin die Zukunftswerkstatt von Weit im Winkl besuchen sollten: 

  1. Versuchen Sie in unserer Laborschule zu verstehen, warum Klassen nach Altersstufen eingeteilt überhaupt nicht mehr zum heutigen Wissensstand über starke Bildung passen.
  2. Versuchen Sie in Weit im Winkl den Satz zu verstehen: Gute Bildung ist schlicht gute Zusammenarbeit …. zwischen Lernenden, Lehrenden, Eltern und dem kompletten Lebensumfeld.
  3. Versuchen Sie in der Laborschule zu verstehen, warum man das Fächerübergreifende dann auch völlig neu definieren kann und die einzelnen Schulfächer nicht mehr als einzige Möglichkeit des Lernens  benötigt werden.
  4. Entdecken Sie, dass Schüler/innen auch als Lehrpersonen verstanden und in einem zukunftsorientierten Bildungssystem als extrem starke Komponente eingebaut werden könnten.
  5. Kommen Sie zurück aus Weit im Winkl und seien Sie mutig genug, um in klitzekleinen Schritten, aber kontinuierlich, loszulassen. Dann haben Sie zwei Hände frei. Und das tut auch Bildungsministerinnen richtig gut. 

Lernende als Lehrende

Rakete


p.s. Alle meine Bilder sind übrigens immer cc-by-ottokraz … also frei verwendbar. Vergesse ich immer draufzuschreiben. Gruß Heinz Bayer alias Otto Kraz 

Autor: Heinz Bayer

Forum agil lernen und lehren - www.aufeigenefaust.com

Ein Gedanke zu „Man muss loslassen, dann hat man plötzlich zwei Hände frei.“

  1. Danke Heinz für diesen inspirierenden Beitrag. Ich drücke, Deiner Tochter und Deinen Enkeln und uns allen die Daumen, dass die Burgherrin Dich „erhört“ und Deine Argumente sie überzeugen …
    dann hätte Ken Robinsons TED Talk „Why school kills creativity“ hoffentlich irgendwann keine Berechtigung mehr 😉

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