Agilität in Verwaltungen: der kleine Unterschied zu Amazon & Co.

Soll die öffentliche Verwaltung von Amazon lernen? Und – das „Ja“ einmal vorausgesetzt (denn könnte es ein „Nein“ geben, das ein Lernen verbieten wollte?) – wo sollte das Lernen aufhören? /Anmerkung 1/ Anders gefragt: funktioniert Agilität im Öffentlichen Dienst grundlegend anders als in der Produktion für den (globalen) Markt?

Als wir das Forum Agile Verwaltung gegründet haben, es war im Februar 2016, haben wir uns bewusst entschieden, nicht das Agile Manifest oder andere Quellen wie den Scrum Guide herzunehmen und in den Verwaltungskontext zu „übersetzen“. Es wäre ein Leichtes gewesen, aus einem Satz wie

„wir schätzen funktionierende Software mehr als umfassende Dokumentation“

einen analogen Satz für öffentliche Dienstleistungen zu formulieren. Aber wir entschieden uns dafür, eine eigene „agile Faustregel“ aufzustellen, und diese Faustregel beginnt mit

„das Ganze in den Blick nehmen.“

Das ist der Scheidepunkt zu gewinnorientierten Unternehmen auf dem Markt. Ein Unternehmen muss nie „das Ganze in den Blick nehmen“. Sein Auftrag ist es, besser zu sein als die Wettbewerber und dafür Produkte anzubieten, die von den Kunden den Konkurrenzprodukten vorgezogen werden. Es muss so handeln, bei Strafe des Untergangs.

Das Einzelne.

Darin inbegriffen ist die Externalisierung aller Kosten, die das Unternehmen irgendwie externalisieren kann. Wenn das eigene Produkt Umweltschäden verursacht und das Artensterben beschleunigt oder wenn es auf Kinderarbeit oder unmenschlichen Arbeitsbedingungen in China beruht – dann muss das Unternehmen diese Umstände in Kauf nehmen, wenn es ihm einen Konkurrenzvorteil verschafft. „Mit dem Markt kann man nicht diskutieren“, hat Gerhard Wohland mal in einem Vortrag gesagt, und deshalb sei es prinzipiell Augenwischerei, wenn man an Unternehmen moralische Forderungen richte.

Hier setzt die Verantwortung der Staaten und insbesondere auch der Verwaltung als Teil der Exekutive ein. Sie kann auf der einen Seite Rahmenbedingungen für den Markt setzen (z. B. Glyphosat verbieten oder ein Lieferkettengesetz verabschieden). Und bei der Erzeugung eigener Güter und Dienstleistungen ist sie selbst den Marktzwängen nicht unterworfen. Sie hat immer zwei Kunden,

  1. den oder die direkten Leistungsempfänger
  2. die Gesellschaft als Ganzes, die die Auftraggeberin der staatlichen Institutionen darstellt.

Wenn zum Beispiel ein StartUp eine App programmiert, die dem gestressten Autofahrer bei der Fahrt in die Innenstadt leere Parkplätze anzeigt – auch die am Straßenrand – und diese App gewinnbringend verkauft (natürlich nicht an die Autofahrer, sondern an die Geschäfte der Innenstadt, die an Bewegungsprofilen interessiert sind) – dann ist das unter Marktgesichtspunkten super. Tolle App, tolles kreatives StartUp!

Eine Stadt würde, bevor sie in ihrem eGov-Lab zu einem Design-Thinking-Workshop zum gleichen Thema einlädt, anders handeln. Sie würde überlegen: Entspricht das Ziel erleichterter Parkplatzsuche eigentlich unseren anderen mittelfristigen Zielsetzungen? Führt das nicht zu mehr Autoverkehr in der Innenstadt als zu weniger? Wie passt das zu unserer Strategie, die ÖPNV-Quote zu erhöhen und mehr Fahrradwege auszuweisen?

Das Einzelne und die ganzen Wechselwirkungen (Quelle: Bild von Gordon Johnson auf https://pixabay.com/de/3166142)

Es kann sein, dass die kommunalen Verantwortlichen sich trotzdem für die App entscheiden. Aber sie haben vorher „das Ganze in den Blick genommen“.

Das betrifft im übrigen auch direkt die Verbreitung agiler Arbeitsweisen in der Verwaltung. Konzerne wie Amazon beschränken agile Arbeitsfreiheiten strikt auf die – relativ zur Gesamtbelegschaft – kleinen Bereiche der Produktentwicklung („knowledge worker“), während in den Logistikzentren knallharte Kontrolle der Beschäftigten bis hin zum Verbot des Miteinander-Sprechens herrscht. Die Überwachungsprogramme für die Einen werden natürlich in den hippen agilen Teams der Anderen erstellt.

Auch hier kann der öffentliche Dienst Maßstäbe setzen. Die Spaltung von Belegschaften, die zur aktuell krassen politischen Spaltung beiträgt, muss von der öffentlichen Verwaltung nicht kopiert werden. Im Gegenteil: hier muss das Lernen von Amazon enden. Die Einführung von agiler Selbstorganisation im Bauhof der Stadt Herrenberg zeigt, dass auch Arbeiter gerne New Work praktizieren, wo man sie lässt.

Die öffentliche Verwaltung hat das Zeug, Amazon weit hinter sich zu lassen.

Anmerkungen

/1/ „Amazon“ hier natürlich als Metapher gemeint für das ganze Feld von privatwirtschaftlichen Unternehmen auf globalen Märkten.

/2/ Die Faustregel lautet vollständig:

Das Ganze in den Blick nehmen,
cross-funktionale Teams bilden,
mit überschaubaren Änderungen und Teilergebnissen experimentieren,
die Anspruchsberechtigten einbeziehen,
sich regelmäßiges Feedback von innen und außen verschaffen
und so sein System immer angemessener machen.

/3/ Siehe zum Beispiel https://agile-verwaltung.org/2019/09/16/bauhof-der-stadt-herrenberg-erfolgreiche-umstellung-auf-new-work/ und die Ergebnisse unserer Herbstkonferenz 2021.

Autor: Wolf Steinbrecher

Volkswirt und Informatiker. Zuerst als Anwendungsentwickler in Krankenhäusern und Systemhäusern tätig. Dann von 1995 bis 2008 Sachgebietsleiter für Organisation und Controlling in einem baden-württembergischen Landkreis (1.050 MA). Seitdem Berater für Teamarbeit und Dokumentenmanagement. Teilhaber der Common Sense Team GmbH Karlsruhe, www.commonsenseteam.de. Blogger bei www.teamworkblog.de.

3 Kommentare zu „Agilität in Verwaltungen: der kleine Unterschied zu Amazon & Co.“

  1. „Wenn das eigene Produkt Umweltschäden verursacht und das Artensterben beschleunigt oder wenn es auf Kinderarbeit oder unmenschlichen Arbeitsbedingungen in China beruht – dann muss das Unternehmen diese Umstände in Kauf nehmen, wenn es ihm einen Konkurrenzvorteil verschafft“ – ich wünsche mir, dass wir und in eine Zukunft hineinbegeben, in der diese Umstände keinen Konkurrenzvorteil mehr sind sondern Verbrauscher:innen davon abschrecken, diese Unternehmen zu unterstützen. Vielleicht dann werden wir merken, dass wir mit unsere eigenen Kaufkraft doch was bewirken können. In diesem Sinne, kauft nicht bei Amazon und habe ein frohes Fest.

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  2. „Die öffentliche Verwaltung hat das Zeug, Amazon weit hinter sich zu lassen.“
    ― Wolf Steinbrecher

    Träfe das zu, lieber Wolf Steinbrecher, kämen die
    Schweizer Uhren künftig ohne die Spiralfeder aus.

    So viele positive (und notwendige!) Veränderungen, wie das Zulassen
    von Flexibilität, Weisheit und Engagement in den Verwaltungen auch
    ermöglichen wird, an die Effizienz von freien Unternehmen kann sie
    niemals heranreichen.

    Denn die Gene beider Bereiche
    unterscheiden sich grundlegend:

    Der eine steht für Explosion,
    der andere für Beständigkeit.

    🌲

    Fröhliche Weihnachten ✨
    wünscht Nirmalo

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  3. „Die öffentliche Verwaltung hat das Zeug, Amazon weit hinter sich zu lassen.“

    Das wäre uns Allen sehr zu wünschen 🙂

    Im Sinne einer Menschheitfamilie, oder machen wir es noch weiter, der Erdwesenfamilie, wäre eine Wirtschaft, die sich nicht am Profit ausrichtet, sondern an den „wahren“ Bedürfnissen der Mitglieder dieser großen Familie. Das große Ganze fest im Blick sollte den übermäßigen Raubbau an den Ressourcen von Mutter Erde – siehe gerade die rapide Abholzung unserer Urwälder, besonders der tropischen, aber auch in Rumänien – in den Griff bekommen sollen. Und ja, da sollten wir weniger von Amazon lernen als von den Mechanismen der öffentlichen Verwaltung, deren Aufgabe das Finden von Lösungen für alle Stakeholder ist, zum Wohle des Ganzen, und nicht allein dem Profit der Konzernaktionäre …

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