Offener Brief an die oberste Bildungsbehörde von Baden-Württemberg

Sehr geehrte Frau Kultusministerin Theresa Schopper

Zur Zeit treibt mich eine Spiegel-online Schlagzeile um:

Als wir an unserem Gymnasium vor einem Vierteljahrhundert zeigten, dass wir zusammen mit Schüler:innen sehr viele außerunterrichtliche Projekte aus dem Boden wachsen lassen konnten, ohne dass zu jedem Projekt auch eine Lehrperson benötigt wurde, haben viele zuerst den Kopf geschüttelt, aber als das Konzept „Schülerschule“ von einer internationalen Jury zum dezentralen EXPO2000 Projekt gekürt wurde, hat sogar unsere damalige Kultusministerin Annette Schavan spontan die Schirmherrschaft übernommen.

Leider war die Idee, aktiven Schüler:innen so viel Vertrauen und Verantwortung
zu überlassen, ein Pflänzchen, das nur vereinzelt auch an anderen Schulen wachsen durfte. Meine heutige Einschätzung aus der zeitlichen Ferne: Wir hatten einen – heute würde ich sagen – agilen Direktor, der sehr oft den Mut bewiesen hatte, der Bildungsverwaltung unsere schulischen Erfolge entgegenzuhalten und viele Dinge zu ermöglichen, die damals eigentlich nicht möglich waren.

Tenor: Zulassen und vertrauen.
Und mit den Schüler:innen auf Augenhöhe zusammenarbeiten.


Denn: Lernende können sehr wohl auch Lehrende sein.

Das wäre aus meiner Sicht ein real umsetzbarer Lösungsansatz für das Aktionsprogramm der Bundesregierung „Aufholen nach Corona“.

Motto: Wir heben den an allen Schulen vorhandenen wertvollen Schatz des fachdidaktischen Erklärkompetenzschweifs. 😎😎 (Ich denke, jeder kennt aus seiner eigenen Schulzeit die Aussage des kleinen Filmchens. Wenn man gerade selbst den Aha-Effekt des Verstehens durchlaufen hat, dann können viele von uns Menschen als natürliche Lehrkraft sehr stark und effektiv erklären. Und da Schüler:innen ganz normale Menschen sind, nur eben junge – immerhin waren alle Leser:innen dieses Artikels selbst mal welche – liegt da ein riesiger Schatz begraben – leider mit Verfallsdatum)


Als vor 15 Jahren das Thema Ganztagsschule auch die Gymnasien erfasste und dann bald jedes Gymnasium ein Angebot machen musste, haben die meisten Schulen im Rahmen des Jugendbegleiterprogramms nach erwachsenen
Ehrenamtler:innen Umschau gehalten. Wir haben natürlich auf unsere eigene Stärke gesetzt und mit einem Start“kollegium“ von über 70 Schüler:innen eine Nachmittagsschule „gebaut“, betreut von einem Team von Kolleg:innen, aber die Lern-Coachs waren diejenigen, die mit den Unterstufenschüler:innen arbeiteten. Nennen wir es einmal Schüler:innenschule 2.0. Ich habe selten solche ernsthaften Pädagogischen Tage oder Klassenkonferenzen erlebt, wie mit unserem Schüler:innenkollegium. Ich vertiefe es hier nicht. Sollten sich aber Neugierige in Ihrem Ministerium befinden, dann habe ich für sie meinen alten Blog wieder geöffnet … http://fluegelverleih-am-faust.de … vielleicht könnte die eine oder andere Idee aus dem damaligen Flügelverleih für das heutige „Aufholen nach Corona“ Mut machen.

Viele aus dem Bildungsbereich haben das alles damals eher als eine Spielerei des Faust-Gymnasiums empfunden. Das „Gymi mit der Schülerschule“ eben. Das Prinzip Kaktus wurde es oft auch genannt. Weil der Kaktus auf
kargem Boden wächst, nicht zuviel gegossen werden darf und dann eine saftige Ernte einbringt. Allerdings auch Stacheln hat. Schüler:innen soviel Verantwortung zu geben wie damals am Faust war zugegebenermaßen manchmal etwas stachlig. Aber eben auch äußerst effektiv und erfolgreich.
Übrigens mit einem starken Zusatzeffekt. Die Coachs wurden im Schnitt immer selbst besser in der Schule, weil ihr Blick als Lehrperson auf die Schule automatisch Wirkung zeigte. Im Rahmen des Flügelverleihs haben wir
übrigens später auch Crashkurse von Schüler:innen für Schüler:innen angeboten.


Jetzt aber weg von der Nostalgie, hin zum Jetzt. Denn nie wäre es so einfach, unser damaliges kleines agiles Pflänzchen heute breit zu streuen, wenn ein Kultusministerium wie das Ihre eine kleine Blickwinkeländerung
vornehmen könnte: Mit folgender zusätzlicher Blickrichtung:
Viele Schüler:innen sind starke Lehrpersonen.
Wenn 200 000 Lehrkräfte fehlen, dann sollte man nicht zögern, jugendliche Lehrkräfte „einzustellen“ und sie anderen Schüler:innen Flügel verleihen zu lassen. Nach einem guten Jahr Homeschooling sind auch die digitalen
Plattformen recht weit entwickelt und die Fähigkeiten von Schüler:innen sowieso, sodass eine Schule mit einigen betreuenden Lehrer:innen zusammen mit einem Mehrfachen an jugendlichen Lehrpersonen auch digital das
Aufholen nach Corona sehr schlank und effektiv bewerkstelligen könnte. Wenn man sie stark unterstützend machen ließe.

Denn jetzt sind aktuell doch echte Geld-Ressourcen für die Bildung da. Und das gleich zweimal. Nur fehlen wohl noch die notwendigen Konzepte und die Lehrpersonen. Ich spreche erstens vom Digitalpakt – Nur knapp 1 Milliarde von den 5 Milliarden wurden bis Ende 2020 abgerufen.
Und dann spreche ich von den aktuellen zwei Milliarde aus dem Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona“. Welch wunderbare Möglichkeiten. Statt der individueller Nachhilfe durch einzelne Schüler:innen mit den Schüler:innen zusammen ein Schulkonzept zu entwickeln, in dem sie die Macher:innen sind und die betreuenden Lehrer:innen die Lehr-Begleitung, das ist echtes WinWinWin.

Sehr geehrte Frau Kultusministerin
Vor einem Vierteljahrhundert stand in Hannover in unserer offiziellen Projektbeschreibung: „… die Fähigkeiten von SchülerInnen für die Schule nutzen, um mehr aus den Zwischenräumen des Schulalltags zu machen.
Gefördert wird deshalb das eigenverantwortliche Tun. Drei Prozent der SchülerInnen sind hochaktiv. Mit dem persönlichen Umfeld werden daraus zehn Prozent Aktive. Und die können sehr viel bewegen, wenn eine Schule dies zulässt.“
Das ist 25 Jahre her und es gilt noch immer. Zulassen heißt das Zauberwort. Vertrauen. Augenhöhe. Und das vorhandene Geld nutzen. Und:
Die vorhandenen Fähigkeiten von Schüler:innen nutzen.

Hier wäre es doch einmal richtig in großem Maßstab umsetzbar
… wenn das vom Kultusministerium und danach von den Regierungspräsidien aus angestoßen würde. An den Schulen müssten natürlich genügend Betreuungsstunden zur Verfügung gestellt werden … aber das
entscheidende Coaching für das „Aufholen nach Corona“ sollte von dafür fähigen Schüler:innen durchgeführt werden. Zumindest an weiterführenden Schulen direkt umsetzbar … aber selbst so manche Vierklässler:innen
könnten wunderbar als Assistenzcoachs eingearbeitet werden. Die Homeschooling-Erfahrungen und die Entwicklung mancher Online-Plattformen lassen z.B. folgende Idee eines Online-Flügelverleihs problemlos umsetzen.

Mit den besten Grüßen aus dem Südwesten

Heinz Bayer … heinz.bayer@hfab.ch

p.s. Und wenn jemand aus Ihrem Ministerium die Ernsthaftigkeit dieser Zeilen überprüfen will, dann sind Neugierige gerne an die Hochschule für agile Bildung nach Zürich eingeladen. Keine Sorge. Online. Übermorgen. 19. Juni

Autor: Heinz Bayer

Forum agil lernen und lehren - www.aufeigenefaust.com Team Weiterbildung - Hochschule für agile Bildung - hfab.ch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.