‚Methode Agilität‘ im Alltag – der Mensch als agiles Wesen?

Die Präsentationen agiler Methoden sind auf diesem Blog besonders viel gelesen. Heute möchte ich eine Art Methode zum Selbstmanagement und zur Selbstwirksamkeit zeigen. Denn in unserem (gemeint ist das Forum Agile Verwaltung) Verständnis von Agilität sind es nicht – oder nicht nur – die Methoden, die Spielräume zur Entwicklung bieten, sondern insbesondere auch der Brückenschlag zwischen Haltung, Kulturfragen und Handlung.

Seit fast 20 Jahren hängt ein von mir selbstgemaltes Bild über meinem Schreibtisch – es ist von Arbeitsstelle zu Arbeitsstelle bei jedem Bürowechsel mitgekommen und ich schaue tagtäglich darauf. Und nicht nur ich ….

Auf dem Bild steht, was ich brauche, um die Arbeit gut zu machen und um sie auch weiterhin und über längere Zeit gut machen zu können.
Gewisse Grundlagen und Prinzipen leiten das Handeln – innere Freiheiten, äussere Bedingungen und generelle Grundsätze.

Mich unterstützen diese ‚5 Freiheiten‘:

Die Freiheit zu sehen und zu hören, was im Moment wirklich da ist, 
– anstatt das, was sein sollte, gewesen ist oder erst sein wird.

Die Freiheit, zu meinen Gefühlen und Beobachtungen zu stehen,
– und nicht etwas anderes vorzutäuschen oder zu sehen, was ich sehen sollte… .

Die Freiheit, das auszusprechen,
was ich wirklich wahrnehme und denke, – und nicht das, was ich wahrnehmen und denken sollte oder was andere von mir erwarten.

Die Freiheit, um das zu bitten, was ich brauche, – anstatt immer erst auf Erlaubnis zu warten oder zu warten bis ich vielleicht gefragt werde.

Die Freiheit, in eigener Verantwortung Risiken einzugehen, – anstatt immer nur auf „Nummer sicher zu gehen“ und nichts Neues zu wagen.

Dabei kommt es gar nicht so darauf an, ob meine Umgebung mir diese Freiheiten einfach so zugesteht oder ob ich mich selbst dazu anhalte, mir diese Freiheiten zu erlauben, ihnen zu folgen und sie zu schützen. Das ändert sich immer wieder. Als Prinzipien helfen sie mir, im Alltag, im Stress, in Krisen und auch nach Erfolgen meinen Kompass nicht aus den Augen zu verlieren. Und sie fliessen ein, wenn ich Entscheidungen treffen muss. Sie begleiten mich, seit ich angefangen habe zu arbeiten, also seit rund 1992.

Lange vor dem agilen Manifest, aber in der Grundhaltung mindestens so agil wie agil… .

Diese sogenannten ‚5 Freiheiten‘ stammen von Dr. Virginia Satir (1916-1988). Sie ist eine bekannte Psychologin, die vor allem in den 50er bis 70er Jahren einiges an grundlegenden Beiträgen im Bereich der entwicklungsorientierten systemischen Arbeit geleistet hat. Sie gilt als die Begründerin der Familientherapie – ihr damals neuer Ansatz beruht darauf, dass Probleme von Klienten nicht isolierte Phänomene oder einfach Defizite der Person sind. Sondern dass das Verhalten des sozialen Systems, in dem sich unterwegs sind (z.B. eben der Familie), mit in Betracht gezogen wird. Das war neu – nicht nur die Person, sondern das System drumherum zu betrachten. Es sei wichtig, so Satir, die inneren Prozesse des sozialen Konstruktes zu verstehen und Strukturen und Bindungen sichtbar, erfahrbar und nutzbar zu machen.

Von Virginia Satir gibt es noch weitere bemerkenswerte Sätze:

  • Die meisten Menschen bevorzugen die Gewissheit von Elend vor dem Elend der Ungewissheit.
  • Ich möchte im und mit dem System das Verdeckte sichtbar machen, das Abstrakte greifbar, das Implizite offensichtlich und das Verborgene offen.
  • Das Problem ist nicht das Problem. Das Problem ist, das Problem zu lösen.
  • Man kann an jeder Erfahrung, Situation, an jedem Problem und an jeder Krise wachsen und lernen.
  • Nimm dich in Acht vor Festlegung auf den einen „rechten“ Weg.

Zum Vergleich die Faustregeln des Forums Agile Verwaltung zu agilem Handeln:

  • Das Ganze in den Blick nehmen,
  • cross-funktionale verantwortliche Teams bilden und
  • die Anspruchsgruppen einbeziehen.
  • Mit überschaubaren Teilergebnissen und Änderungen experimentieren,
  • regelmässiges Feedback von innen und aussen einholen und
  • das System immer wieder angemessener machen.

 

Autor: Veronika Lévesque

Veronika Lévesque ist Organisationsbegleiterin und Projektmensch mit einer Vorliebe für Fragen, für die es noch keine fertige Antwort gibt. Begeisterte Grenzgängerin: Unterwegs in 4 Ländern, 3 Sprachen und am liebsten in den Zwischenräumen zwischen Disziplinen. Schwerpunkte: Transformationshebammerei, Organisations- und Entwicklungshandwerk (Manufaktur, nicht von der Stange), Agile Spielfelder in nicht-agilen Umwelten, Methodenentwicklung, Umgang mit Nicht-Planbarem, Bildungssysteme vs. nicht-formale Bildungswege und 'Fehler machen schlauer.’

Ein Gedanke zu „‚Methode Agilität‘ im Alltag – der Mensch als agiles Wesen?“

  1. Liebe Veronika,

    Dieser Punkt hier, hat mir besonders gefallen:

    Die Freiheit, das auszusprechen,
    was ich wirklich wahrnehme und denke, – und nicht das, was ich wahrnehmen und denken sollte oder was andere von mir erwarten.

    Warum, dazu muss ich eine kleine Begebenheit erzählen. Ich hatte, als ich meinen privaten Blog mit 52 Jahren begann, um mich über meine Faszination zum Menschen abarbeiten wollte, Kontakt mit Menschen aufgenommen, die aufgrund ihrer Beiträge in sozialen Netzwerken durchblicken ließen, dass sie ein erweitertes Bewusstsein oder besser eine erweiterte Wahrnehmung haben. Manche das auch Hochsensibilität. Diese Menschen hatten mir alle gleichermaßen erzählt, dass sie beim Eintritt ins Bewusstsein mit etwa 3 Jahren völlig irritiert waren. Sie sahen, dass die Menschen um sie herum sich selbst anlogen, und kamen damit ganz schlecht zurecht. Sie waren etwa in meinem Alter. Das mag heute zwar schon deutlich anders aussehen. Dennoch gibt es immer noch sehr viele, ich nennen sie „Erwartungshaltungserfüller“, sprich sie spielen eine Rolle, die meist im Widerspruch zu ihrem eigenen Selbst steht. Arno Gruen hat dazu das Buch Der Verrat am Selbst: Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau geschrieben und erklärt darin, was mit Menschen passiert, die extrem autoritär erzogen werden. Das passiert verstärkt bei jenen Familien, die wir heute zu den Eliten rechnen. Ich las Letztens noch einen Artikel über die Eliten-Internate, der bestätigte, dass es dort noch heute so wäre. Diese Menschen würden am Ende als Psychpathen in die Wirtschaft wechseln und Führung im Sinne einer ‚agilen Haltung‘ nur logisch aber nicht gefühlt praktizieren können.

    Interessant dazu Astrid Lindgren:

    Als einer mit Baujahr 1958 bin ich in einer Zeit groß geworden, in der es körperliche Züchtigung noch gab. Da neben auch noch viel Liebesentzug. Und so hatte ich lange Mühe gehabt, das einprogrammierte Rollenspiel ablegen zu können …

    VG Martin

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