Die Kunst, die Agilität des Lebens zu beschreiben – ohne dass das Wort ‚agil‘ fällt……

Am Jahresende ist es ja Sitte, sich in dieser oder jener Form die Frage zu stellen „Weiter so? Oder anders? Was nehme ich mir vor zu ändern? Was beizubehalten?“ Gehört ihr wie ich auch zu denen, die sich fernhalten von guten Vorsätzen, weil nämlich eure Erfahrungen damit eher wenig erfolgreich waren und schon Ende Januar der Lack ab ist? Privat wie beruflich? Ja, das kenne ich so gut.

Seit ein paar Jahren habe ich für die Jahreswechselzeit eine neue Tradition für mich geschöpft:
Ich höre immer wieder die gleiche Rede an, erfreue mich an ihrer inhaltlichen, sprachlichen, humorreichen und lebenstiefen Qualität, lache mehrmals laut – und setze dabei mein vergangenes und mein kommendes Jahr in Beziehung zum dort Gesagten. Und das bringt bei jedem Durchlauf neue Ernte. Ich scheine mich trotz erhöhtem Alter weiterzuentwickeln… oder zumindest weiter zu entwickeln :-).

Dieses Mal war es die Erkenntnis, dass hier über eine agile Art von Lebensauffassung gesprochen wird, ohne das so zu nennen …

… und ja, das habe ich erst dieses Jahr so erkannt. Und genau deshalb möchte ich es in diesen Blog tragen.

Tim Minchin

Tim Minchin ist ein australischer Musiker, Kabarettist und Schauspieler. Unter anderem für sein rhetorisches und original-philosophisches Talent bekam er die Ehrendoktorwürde der Universitiy of Western Australia verliehen und den Auftrag, inspirierende Worte an die Studierenden zu richten über das, was er gelernt habe durch seinen sehr persönlichen Werdegang, seine Reisen – und seine Aufassung davon, was Erfolg sei.

Für nicht-anglophone und für die, die das spannend finden als Add-on zum Video:

Tim Minchins Rede:
9 Sätze für das Leben – komprimiert und durch meinen 2021-Kopf gefiltert

(bitte bitte schaut vor allem das Video, Minchin ist so viel brillianter und lustiger als ich…)

1 – Man muss nicht zwingend einen Traum haben – Lebensträume können hinderlich sein

Die geniale Vision und der grosse Traum – neben der Orientierung, die so ein roter Faden liefern kann – stehen Menschen wie mir [mir = Vero, die Autorin dieses Artikels] im Wege wenn es darum geht, aktuelle, spontane, eben entstandene Gelegenheitsfenster zu bemerken und solche Momente zu ergreifen und damit zu gestalten.

Tim Minchin formuliert das so:
(alle nachfolgenden Zitate sind gekürzte Auszüge, von der Autorin übersetzt):

… und deshalb propagiere ich, mit Leidenschaft und Hingabe kurzfristige Ziele zu beackern. Seid „mikro-ambitioniert“. Konzentriert euch auf das, was vor euch liegt und arbeitet mit Stolz daran. Man weiss nie, wo man landen wird oder was als nächstes passiert. Seid euch nur bewusst, dass das nächste lohnende Ziel wahrscheinlich in deinem Um- und Sichtfeld auftauchen wird.
Deshalb sollte man bei langfristigen Träumen vorsichtig sein. Wenn man sich zu sehr auf das konzentriert, was weit vor einem liegt, läuft man oft Gefahr, die glänzende Gelegenheit, die sich im Augenwinkel präsentiert, zu übersehen und zu verpassen.

https://www.englishspeecheschannel.com/english-speeches/tim-minchin-speech/

Und als persönlicher Bonus: das Kleinschrittige entlastet. Es ist weniger stressig, sich auf das nächste nächstliegende zu fokussieren, sich fast buddhistisch an dem zu orientieren, was ist, anstatt am Langfristlebenstraum sich abzuarbeiten, der ungeklärten Kontakt zur Realität hat, in ewiger Angst vor Irrungen und Scheitern. Und schon sind wir bei iterativem Leben…

2 – Glück ist kein Findling, den es zu suchen lohnt.

Hier muss ich Tim Minchin erst einmal allein sprechen lassen:

„Glück ist wie ein Orgasmus. Für beide gilt: Wenn man zu viel darüber nachdenkt, verpufft es. Deshalb bleibt engagiert und zugewandt und versucht, jemand anderen glücklich zu machen. So werdet ihr – vielleicht – feststellen, dass man als Nebenwirkung auch etwas davon hat.

Wir haben uns nicht entwickelt, um ständig zufrieden zu sein.
Ein zufriedener Homo erectus wurde gefressen, bevor er seine Gene weitergeben konnte.“

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Was für in Bild: „Ein zufriedener Homo erectus wurde gefressen, bevor er seine Gene weitergeben konnte.“
Hmmmh.
Viele meiner – unserer? – Ansprüche lässt das in einem anderen Licht erscheinen. Persönlich privat oder professionell beruflich.
Wieviel Sicherheit in meinem Job oder in den von mir verlangten Arbeiten ist sinnhaft – und wo fängt die Dekadenz an, die uns unbeweglich sein lässt und in eine Art von Wohlstand mündet, die uns vor lauter Ansprüchen handlungsunfähig macht wie ein römisches Imperium?
Wie oft höre ich Projektteams oder Abteilungen sagen: „Bevor wir nicht genau wissen, was wir leisten sollen und woher genau wieviel Ressourcen kommen und wie die Prozesse und Verantwortlichkeiten organisiert sind, fangen wir sicherheitshalber gar nicht erst an.“ Der Säbelzahntiger bzw. die umliegenden Barbarenscharen freuen sich, dass da niemand mehr rennt oder gar angreift…

3 – Denkt immer daran – viel vom Erfolg ist: ‚Schwein gehabt‘

„Wir haben Glück, hier zu sein. Du hast unermessliches Glück, geboren zu werden (…) Wir haben das Glück, dass wir zufällig aus der Art von DNA bestehen, die ein Gehirn hervorbringt (…) Glückwunsch, dass du dich an deinen Schnürsenkeln aus vergangenen Schwierigkeiten und Unwidrigkeiten herausgezogen hast. Aber du hattest Glück. Du hast den Teil von dir, der dich herausgezogen hat, nicht selbst erschaffen. Es sind nicht einmal deine Schnürsenkel…
Wenn wir verstehen, dass man weder die Lorbeeren für seine Erfolge wirklich einheimsen noch andere für ihre Fehler wirklich belangen kann, wird uns das demütiger und mitfühlender machen. Einfühlungsvermögen bzw. Empathie ist intuitiv. Es ist aber auch etwas, an dem man intellektuell arbeiten kann.

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Zufallsnutzung und Demut sind eine potente Mischung. Unter anderem eine wichtige Basis zur Ermöglichung von Zusammenleben und Zusammenarbeit, für Empathie und Altruismus. Und für Gemeinwohl – und schon sind wir wieder bei der öffentlichen Verwaltung

4 – Bewegung – denn Verharren macht depressiv

„Du denkst, also bist du, aber auch du joggst, also schläfst du, und so wirst du nicht von existenziellen Ängsten überwältigt. Du kannst nicht Kant sein – und kannst das auch nicht wirklich sein wollen… .

Bewegt euch. Macht Yoga, stemmt Gewichte, lauft, was auch immer, aber kümmert sich um euren Körper, ihr werdet ihn brauchen. Die meisten von euch werden fast 100 Jahre alt werden, und selbst die Ärmsten unter euch werden ein Wohlstandsniveau erreichen, von dem die meisten Menschen in der Geschichte nicht einmal träumen konnten. Und dieses lange, luxuriöse Leben, das vor euch liegt, wird euch depressiv machen. Aber verzweifelt nicht. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Depression und Bewegung. Tut es! Lauft, meine schönen Intellektuellen, lauft.“

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Bewegung. Körperlich und auch sonst. Verharren macht depressiv. Und hier geht mein Kopffilter dieses Jahr über Tim Minchins Bild hinaus: Derzeit sehe ich nicht nur Personen, sondern ganze Branchen und gar Regionen in solchen ungesunden starren Phantasien von: „Alles Fremde oder Neue ist böse, bedrohlich.“ Wir richten unsere (depressive) Energie darauf, das Vergangene wiederherzuwünschen. Genau diese Energie fehlt dann aber in der Auseinandersetzung mit dem, was schon ist… . Was wiederum die Ablehnung und die Überforderung erhöht. Quasi ein Furchttrafo mit zunehmend mehr Spulen und Wicklungen. Eine teuflische, sich selbst verstärkende Entwicklung. Auch bei Verwaltungspersonal und bei Beamtinnen zu beobachten. Und bei sogenannten Querdenkern.

5- Die eigene Meinung braucht regelmässigen gnadenlosen TÜV

„Sei hart zu deiner Meinung. Ein berühmtes Bonmot besagt, dass Meinungen wie Arschlöcher seien, denn für beide gilt: jeder hat eine(s). Darin liegt eine große Weisheit, aber ich würde doch hinzufügen wollen, dass sich Meinungen von Arschlöchern dadurch unterscheiden, dass die eigene Meinung zumindest ständig und gründlich untersucht werden sollte.

Wir müssen kritisch denken und nicht nur über die Ideen der anderen. Seid hart zu euren Überzeugungen. Bringt sie raus
auf die Veranda und schlagt sie mit einem Kricketschläger. Seid intellektuell rigoros – auch mit euch selbst. Erkennt eure Voreingenommenheiten, eure Vorurteile, eure Privilegien.“

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Wir sind mitten in so vielen solcher Diskussionen. Minchins Auftritt war vor Coronazeiten und diesen Absatz fand ich in den letzten Jahren durchaus richtig. Dieses Jahr trifft er mich mit neuer Wucht – in dem, was ich sehe und höre und auch in dem, was ich tue und finde. Autsch, blöder Kricketschläger….

6- Auch wenn ihr keine Lehrer seid – seid Lehrer

„Bitte! Bitte! Bitte sei ein Lehrer. Lehrerinnen und Lehrer sind die bewundernswertesten und wichtigsten Menschen auf der Welt.
Du musst es nicht für immer tun, aber wenn du im Zweifel bist, was du tun sollst, dann werde ein/e beeindruckende/r Lehrer/in. Auch wenn ihr keine Lehrer seid, seid Lehrer. Teilt eure Ideen. Nehmt eure Bildung nicht als selbstverständlich. Freut euch über das, was ihr wisst und erfahrt und versprüht es – gebt es weiter .“

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Nun ist mir klar, warum ich so gern hier blogge…………. :-). Und warum WOL ein hilfreiches Format ist. Oder Lean Coffee.

7 – Seid ‚ProEtwas‘ mehr als ‚AntiEtwas‘ – Definiere dich durch das, was du liebst.

„In letzter Zeit habe ich mich dabei ertappt, dass ich, wenn mich jemand fragt, welche Musik ich mag, ich sage: „Also, ich höre kein Radio mehr, weil mich die Texte von Popsongs nerven“.
Wenn mich jemand fragt, was ich gerne esse, sage ich: „Ich finde, Trüffelöl wird zu oft verwendet und ist leicht widerwärtig.“

Wir haben die Tendenz, uns in Abgrenzung zu Dingen zu definieren.
Es ist aber wichtig hilfreich, die eigene Leidenschaft für Dinge, die wir lieben, zu spüren und zu zeigen. Seid demonstrativ und grosszügig in eurem Lob für diejenigen und dasjenige, das ihr gut findet oder bewundert. (…) . Seid für etwas, nicht nur gegen etwas.“

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Das wäre zum Beispiel genau, was eine Retro befördern kann, könnte, soll….

Oder, ganz persönlich: Das ist die Einstellung, die mir sehr dabei geholfen hat, nach dem Tod meines Mannes mich dem Leben wieder anzunähern und beim Leben wieder mitzumachen.

8 – Respekt? Respekt! – Respektiere Menschen, die weniger Macht haben als du

„Ich habe in der Vergangenheit in Bezug auf Leute, mit denen ich zusammenarbeite – Agenten und Produzenten -, wichtige Entscheidungen getroffen, die weitgehend darauf beruhen, wie sie die Kellner in den Restaurants, in denen wir das Treffen abhalten, behandeln.

Es ist mir egal, ob du die mächtigste Type im Raum bist, ich werde dich danach beurteilen, wie du die weniger Mächtigen behandelst. Jawoll!“

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Respektiere Menschen mit ihren Erfahrungen und ihrem Blickwinkel als potentielle Ergänzung der Optiken – und damit als Chance, komplexe Situationen besser zu einzukreisen und zu begreifen – dann wird Macht zweit- bis fünftrangig.

9 – Keine Hektik – beeilen hilft nix

„Überstürzt nichts. Man muss nicht jetzt wissen, was man mit dem Rest seines Lebens anfangen wird. Keine Panik. Die meisten Menschen, die ich kenne, die sich mit zwanzig über ihre Karriere sicher waren, haben mit Ende 30 jetzt ihre Midlifecrisis.
Irgendwann wirst du ganz sicher tot sein. Soviel ist klar. Das Leben wird manchmal lang und hart erscheinen, und bei Gott, es ist ermüdend. Und du wirst manchmal glücklich sein und manchmal traurig und dann wirst du alt sein und dann wirst du tot sein.
Es gibt nur eine vernünftige Sache, die man mit dieser leeren Existenz machen kann, und das ist, sie aktiv und grosszügig zu füllen.
Und meiner Meinung nach, zumindest bis ich sie ändere, füllt man das Leben am besten, indem man so viel wie möglich über so viel wie möglich zu erfahren sucht. Indem man stolz auf das ist, was man tut. Mitgefühl haben, Ideen teilen, bewegen, begeistert sein.
Und dann gibt es noch die Liebe und das Reisen und den Wein und den Sex und die Kunst und die Kinder und das Geben und das Bergsteigen, aber das kennt ihr alles bereits. Es ist eine unglaublich aufregende Sache, dieses eine bedeutungslose Leben von dir.

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Die äussere Bedeutungslosigkeit des Lebens, die Tim Minchin beschreibt, ist gleichzeitig ein Freiheitsgeschenk: Ich kann mein Leben füllen und ihm Bedeutung geben, immer wieder – privat, aber eben auch in meinem professionellen Tun. Nicht ausschliesslich auf Vorgaben, Dienstanweisungen und definierte Prozesse aus sein. Es ist absurd, zu glauben, dass DER SINN ÜBERHAUPT sich in solchen Standards abbildet. Den Zweck meines Handelns muss ich in letzter Instanz selbst bestimmen und erfüllen.

Schaut das Video, lacht herzlich und lasst eure eigenen Gedanken dazu ins neue Jahr hinüber treiben.

Ein spannendes wie auch entspannendes, ein überraschendes, bunt gesprenkeltes 2022 wünsche ich allen. Und singende Blümchen und duftende Vögelchen am Wegesrand. Oder so ähnlich.

Autor: Veronika Lévesque

Veronika Lévesque ist beim Institut für Arbeitsforschung und Organistionberatung iafob Organisationsbegleiterin. Und Projektmensch mit einer Vorliebe für Fragen, für die es noch keine fertige Antwort gibt. Begeisterte Grenzgängerin: Unterwegs in 4 Ländern, 3 Sprachen und am liebsten in den Zwischenräumen zwischen Disziplinen. Schwerpunkte: Transformationshebammerei, Organisations- und Entwicklungshandwerk (Manufaktur, nicht von der Stange), Agile Spielfelder in nicht-agilen Umwelten, Methodenentwicklung, Umgang mit Nicht-Planbarem, Bildungssysteme vs. nicht-formale Bildungswege und 'Fehler machen schlauer.’

2 Kommentare zu „Die Kunst, die Agilität des Lebens zu beschreiben – ohne dass das Wort ‚agil‘ fällt……“

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